Virtuelles Lernen an Hochschulen

Die Studenten der HAW schätzen das Präsenzstudium neben der Lernplattform. In den USA bringen Elite-Unis ganze Veranstaltungsreihen ins Internet

Professoren diskutieren mit ihren Studenten per Webkonferenz. Gruppenarbeiten oder Übungsaufgaben werden übers Internet erledigt, Medizinstudenten mikroskopieren online. Das Internet wird mehr und mehr zum virtuellen Campus. Dementsprechend boomt auch das Geschäft mit dem virtuellen Lernen. In Deutschland verzeichnete die E-Learning-Branche laut Institut für Medien- und Kompetenzforschung (MMB) einen Zuwachs von 22 Prozent. Der Verkauf von Lernmaterialien, Konzepten für Online-Studiengänge oder Software brachte 2011 mehr als 500 Millionen Euro ein.

Das Unternehmen oncampus aus Lübeck etwa entwickelt seit 1997 Online-Lernmodule und Studiengänge vor allem für die Fachhochschule Lübeck und die Virtuelle Fachhochschule, einem Verbund von zehn Hochschulen aus ganz Deutschland, unter anderem dabei ist die FH Kiel. Finanziert wird oncampus anteilig aus den Studiengebühren. "Wir erarbeiten ein methodisch-didaktisches Konzept gemeinsam mit den Professoren und überlegen, welche Technik am besten zu den Lerneinheiten passt", sagt Stefanie Herbst, Produktmanagerin bei oncampus.

80 Prozent der Studienzeit verbringen die Teilnehmer online, die restlichen 20 Prozent sind für Treffen im realen Hörsaal eingeplant. Bisher gibt es sechs Bachelor- und Masterstudiengänge, bis 2014 sollen sechs weitere dazu kommen.

Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg fährt einen anderen Ansatz. "Wir sind ganz klar eine Präsenzhochschule", sagt Dr. Christoph Wegmann. Er ist Professor für Lebensmittelmarketing an der Fakultät Life Science - und darüber hinaus E-Learning-Beauftragter der Hochschule. An der HAW hat man die Erfahrung gemacht, dass die Studenten "zu viel online" tatsächlich ablehnen. Als Hilfsmittel wird der virtuelle Campus von Dozenten und Studenten gern genutzt, Veranstaltungen sollen in der Mehrzahl aber real bleiben.

Lernsysteme gibt es verschiedene. An der Uni Hamburg heißt die Plattform OLAT (Online Learning And Training), 2010 als Nachfolgerin eines einfacheren Systems eingeführt. An der Technischen Uni Harburg steht Dozenten und Studenten die Lernplattform Stud.IP zur Verfügung, ursprünglich an der Uni Göttingen von Studenten für Studenten entwickelt. An der HAW wird mit "Moodle" gearbeitet, ebenfalls einer Open-Source-Lösung. "Dort kann man sogenannte Lernräume einrichten, in die sich die Studenten dann einloggen", erklärt Wegmann. Die Dozenten können ihnen darüber zum Beispiel Informationen und Übungsaufgaben zukommen lassen, ein Forum wird angeboten, es besteht die Möglichkeit Filme einzubauen oder ein Wiki zu starten. "Die Lehrenden sagen unserem E-Learning-Team Bescheid, was genau sie brauchen." In vier Hörsälen der HAW sind Aufnahmesysteme installiert, die Vorlesungen mitschneiden. Auch die werden online präsentiert. "Lecture2go" heißt das dann.

Lecture2go ist eigentlich ein Projekt der Uni Hamburg, das die HAW im Rahmen eines Kooperationsvertrags mitnutzt. Das am Regionalen Rechenzentrum (RRZ) der Universität Hamburg entwickelte System ermöglicht es, den Dozenten und seine Präsentation synchron aufzunehmen. Anschließend geht der Mitschnitt auf der Medienplattform online. Eine Auswahl der Vorlesungen ist kostenlos auch über den iTunes Store erreichbar - unter "iTunes university".

Solch öffentlich zugängliche und kostenlose Veranstaltungen werden in den USA inzwischen in wesentlich größerem Stil angeboten. US-Elite-Universitäten wie Stanford und Harvard bieten Vorlesungen oder Tutorien gratis im Netz an - sogenannte MOOCS (Massive Open Online Courses). Weltweit sollen sich bereits zwei Millionen Studenten bei Coursera angemeldet haben, einem Angebot von Stanford-Professoren. Auch die Plattform EdX von Harvard, Berkley, der University of Texas und des MIT (Massachusetts Institute of Technology) begeistert schon Tausende Studenten weltweit.

In Deutschland sind derartige Angebote bisher noch rar. Das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam experimentiert mit einer solchen Plattform. Im September vergangenen Jahres startete Open HPI, ein Angebot für ITler. Und an der Leuphana-Universität in Lüneburg suchen seit Mitte Januar Studenten aus der ganzen Welt nach einem Modell für die Stadt der Zukunft. Die "Digital School" wird von Stararchitekt Daniel Libeskind geleitet.

Ob Online-Angebote den Studienerfolg erhöhen, vermag der E-Learning-Beauftragte der HAW, Christoph Wegmann, nicht zu sagen. "Wir haben noch keine Untersuchung dazu", sagt er. Doch klar sei, dass die Studenten virtuelle Angebot heute erwarteten. "Und ebenso die Dozenten, die neu hinzukommen", sagt Wegmann.

Einen deutlichen Nutzen verspricht er sich allerdings davon, dass demnächst Vorkurse für angehende Studenten angeboten werden sollen. "Damit alle Studienanfänger, vor allem in Fächern wie Mathe und Physik auf einem Niveau sind." Das E-Learning-Angebot dafür sei gerade in der Entwicklung. Ebenso wie eine App, die die Lernplattform für alle Studenten aufs Smartphone bringen soll.

Abgeschafft wird der reale Campus in Deutschland wohl kaum. Hierzulande scheint die Zukunft in der Mischung von Präsenzveranstaltungen und Online-Angeboten zu liegen.