Führungskunst: Was Manager von Ernest Shackleton lernen können

Mut machen und nie aufgeben

Krisenmanagement in Perfektion: Wie der Polarforscher eine Katastrophe in einen Triumph verwandelte.

"Männer für eine waghalsige Reise gesucht. Geringe Löhne, extreme Kälte. Monatelange völlige Dunkelheit. Permanente Gefahren, sichere Heimkehr ungewiss. Ehre und Ruhm im Erfolgsfalle." Wer würde heute auf ein solches Stellenangebot reagieren? Höchstens Anwälte, die im Text einen Verstoß gegen das Gleichbehandlungsgesetz ausmachen. Doch 1913/14 bewarben sich mehr als 5000 Männer und drei unerschrockene Frauen auf diese Anzeige in der Londoner "Times". Sie alle wollten mit dem berühmten Polarforscher Sir Ernest Shackleton die erste vollständige Durchquerung des antarktischen Kontinents wagen.

Die Expedition scheiterte (siehe rechts). Doch von Zeitgenossen wurde Shackleton gerühmt als der "größte Führer, der je auf Gottes Erde gekommen ist". Gerade weil sein Plan misslang. Denn dass alle 27 Männer nach fast zweijährigem Überlebenskampf körperlich gesund und emotional stabil nach Hause zurückkehren konnten, war dem Krisenmanagement und der Führungskunst Shackletons zu verdanken. Der Boss, wie seine Crew ihn nannte, verwandelte eine Katastrophe in einen Triumph.

Welche Anstrengungen das von "Shack" und seiner Mannschaft abforderte, kann vielleicht erahnen, wer sich die Bedingungen dieser polaren Odyssee klar macht: "War Ihnen schon einmal extrem kalt? Haben Sie schon einmal länger gefroren? Versetzen Sie sich in die kälteste Situation in Ihrem Leben. Bewahren Sie dieses Kältegefühl. Stellen Sie sich nun vor, dass Sie 635 Tage in dieser Kälte, bei wenig Nahrung und isoliert von der Außenwelt überleben müssen." sagt Peter P. Baumgartner. Der Pädagoge hat gemeinsam mit dem Unternehmensberater Rainer Hornbostel den Mythos Shackleton untersucht. In ihrem bemerkenswert spannenden Buch "Manager müssen Mut machen", das gerade den Wirtschaftsliteraturpreis 2008 der Linzer Messe Litera gewonnen hat, übertragen die beiden das Credo des Polarforschers auf die Welt der Unternehmen. Laut Baumgartner und Hornbostel sollte Shackleton allen Führungspersönlichkeiten ein Vorbild sein.

Doch ist ein gescheitertes Forschungsprojekt unter heute undenkbaren Bedingungen für Führungskräfte wirklich noch von Belang? Sind Shackletons Unternehmensphilosophie und sein Talent zur Neuausrichtung übertragbar auf das moderne Management?

"Unbestritten ja", behaupten die beiden Autoren. "Shackletons Vermächtnis ist höchst wirksam, über zeitliche Distanzen hinweg. Expeditionsbegriffe finden heute ihre Anwendung ebenso im Unternehmensalltag: Am Abgrund stehen, an einem Strang ziehen, wir sitzen alle im selben Boot oder uns steht das Wasser bis zum Hals kommt im Wirtschaftsunternehmen eine sinnbildliche Bedeutung zu.

Shackleton meisterte Probleme, die auch heutigen Führungskräften vertraut sind: Er musste eine heterogene Gruppe von Wissenschaftlern und Seeleuten dazu bringen, auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten, sich mit ewigen Neinsagern auseinandersetzen, die unverbesserlichen Pessimisten aufmuntern, die Unzufriedenen davon abhalten, die Atmosphäre zu vergiften, Langeweile und Erschöpfung bekämpfen, Ordnung und Erfolg in einem chaotischen Umfeld schaffen und mit knappen Ressourcen auskommen.

Welches sind die kritischen Faktoren, die den Erfolg nicht nur im Grenzbereich einer Polarexpedition, sondern auch im Unternehmensalltag bestimmen?

Beachten Sie das wesentliche Ziel, fokussieren Sie Ihre Energie auf kurzfristige Ziele.

Mit Ihrem sichtbaren Verhalten und symbolhaftem Tun sind Sie Vorbild für alle.

Leben Sie Optimismus und Selbstvertrauen, immer am Boden der Realität bleibend.

Achten Sie auf sich selbst. Erhalten Sie sich Ihre Lebenskraft.

Verstärken Sie regelmäßig die Botschaft: Wir sind eins - im Sieg wie in der Niederlage!

Minimieren Sie die Hierarchieunterschiede, bestehen Sie auf Höflichkeit und Respekt.

Zügeln Sie im Konflikt Ihren Zorn und vermeiden Sie nutzlose Machtkämpfe.

Finden Sie etwas zum Feiern und Lachen.

Seien Sie bereit, Risiken zu übernehmen.

Geben Sie niemals auf. Es gibt immer alternative Möglichkeiten.

Diese Handlungsmaximen lassen sich aus Shackletons Führungsstil ableiten. Sein Talent war auch, aus unterschiedlichen Persönlichkeiten eine loyale und ruhig arbeitende Gruppe zu schaffen. Durch sein Vorbild, den Verzicht auf Privilegien, durch Fairness, Gelassenheit, Aufrichtigkeit und seinen unerschütterlichen Optimismus prägte er das Betriebsklima.

Als sein Ziel, die Antarktisquerung, nicht mehr zu erreichen war, richtete er das Projekt entschieden neu aus: Er setzte alles daran, jeden einzelnen Mann heil nach Hause zu bringen - und stützte sich dabei auf das Know-how seines handverlesenen Führungsteams. Das Wohl der Mitarbeiter stand also über dem Unternehmensziel. Auch davon können Manager heute nur lernen.

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