25.07.12

Deutsche Bank

Top-Banker: Führungsduo Jain und Fitschen unter Druck

Schwere Zeiten: Bericht zum Zinsskandal lässt auf sich warten, nun muss das neue Führungsduo auch noch einen Gewinneinbruch einräumen.

Foto: dapd
Jürgen Fitschen (l.), Anshu Jain
Jürgen Fitschen (l.) und Anshu Jain, neues Führungsduo der Deutschen Bank, müssen nur knapp zwei Monate nach der Ablösung von Josef Ackermann einen Gewinneinbruch vermelden

Frankfurt/Main. Nicht einmal zwei Monate nach Amtsantritt des neuen Führungsduos Anshu Jain/Jürgen Fitschen bremst ein unerwartet heftiger Gewinneinbruch die Aufbruchstimmung. Deutschlands größte Bank ist zwar in bester Gesellschaft: Die Dauerkrise um den Euro und Europa belastet auch andere Dax-Schwergewichte wie Daimler oder Siemens. Doch die Finanzbranche steht wie kaum eine andere unter Druck.

Der deutsche Branchenprimus deutete am Dienstagabend bei der überraschenden Veröffentlichung vorläufiger Quartalszahlen denn auch vorsorglich an, dass das Geldverdienen in diesem Jahr weiterhin schwierig bleiben dürfte. Eine neue Strategie wird dringend gesucht.

+++ Deutsche Bank streicht 1000 Arbeitsplätze +++

+++ Deutsche Bank handelt Kronzeugenstatus aus +++

Rund eine Milliarde (Vorjahreszeitraum: 1,8 Mrd) Euro vor Steuern und rund 700 Millionen (1,2 Mrd) Euro unter dem Strich – die seit Juni amtierende Doppelspitze hätte sicher lieber bessere Zahlen für den Zeitraum April bis Ende Juni 2012 präsentiert. Als Begründung führte das Institut eine Woche vor der geplanten Zahlenvorlage (31.7.) lediglich negative Wechselkurse an: Die in US-Dollar und britischem Pfund anfallenden Kosten hätten sich wegen des schwächeren Euro umrechnungsbedingt erhöht.

+++ Finanzaufsicht BaFin überprüft die Deutsche Bank +++

+++ Welche Banken in den Libor-Skandal verstrickt sind +++

Doch das dürfte nach Einschätzung von Analysten nicht alles sein, auch die Börse traut dem Frieden offensichtlich nicht: Die Deutsche Bank hielt am Mittwoch lange die rote Laterne im Dax.

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Für die Analysten der Credit Suisse ist klar: Die aktuellen Zahlen erhöhen den Druck auf das neue Management. Die Erwartungen an die von Jain/Fitschen für September angekündigten "klaren Ansagen" zur Verbesserung von Leistungsfähigkeit und Bewertung der Bank sind groß. Die Quartalsbilanz zwinge den Konzern, noch stärker seine Kosten und Risiken auf den Prüfstand zu stellen, schreibt die Credit Suisse.Zwar setzt die Bank inzwischen verstärkt auf Privatkunden, doch Rückschläge im Milliardengeschäft Investmentbanking lassen sich so nicht immer ausgleichen – zumal der Wettbewerb um Privatkunden hart ist und dieses Geschäft nicht unbedingt große Gewinne verspricht.

+++ Jain/Fitschen streben in die Top fünf der Geldinstitute +++

Das Investmentbanking der Deutschen Bank dürfte nach einem kleinen Zwischenhoch zum Jahresauftakt im zweiten Vierteljahr unter der neuerlichen Verunsicherung an den Kapitalmärkten gelitten haben. In der Sparte droht eine Verschärfung des Stellenabbaus. Nach Medienberichten stehen weitere 1000 Jobs und damit jeder zehnte Arbeitsplatz im Investmentbanking auf der Streichliste . Bereits seit Herbst hatte die Bank in dem Bereich 500 Arbeitsplätze gestrichen.

"Das neue Management muss klar einen Fokus auf das Kostenmanagement legen, insbesondere im Investmentbanking, wo die Deutsche Bank mehr Beschäftigte hat als Wettbewerber", erklärten Experten von JP Morgan.

Zudem könnte die Bank zu Rückstellungen für mögliche Forderungen in der Affäre um manipulierte Zinssätze (Libor) gezwungen sein. Zuletzt war über Belastungen von 300 Millionen bis zu einer Milliarde US-Dollar spekuliert worden. Sicher ist bislang, dass einzelne Deutsche-Bank-Mitarbeiter an den Tricksereien beteiligt waren. Zwei Banker wurden gefeuert. Doch auch Vorstandschef Jain muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen: Er führte zum Zeitpunkt der untersuchten Fälle 2006/2007 das Investmentbanking.

Baustellen, wohin man blickt. Dabei war das Duo so zuversichtlich gestartet. "Wir haben das Ziel, dass unsere Bank ... eine der fünf führenden Universalbanken der Welt sein wird", sagte Jain drei Wochen nach Amtsantritt im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Sein Mitstreiter Fitschen bekräftigte: "Wir sind zuversichtlich, dass die Investoren künftig stärker erkennen, wo die besonderen Qualitäten unserer Bank liegen."

Der Weg bleibt steinig. Das "Handelsblatt" rechnete am Mittwoch vor: Gemessen am Gewinn beherrschten inzwischen drei chinesische Großbanken den Finanzsektor, die Deutsche Bank rangiere in der weltweiten Banken-Hitliste nur auf Platz 21.

Kronzeugen in Kartellverfahren hoffen auf Milde
Mehr als ein Dutzend Banken stehen unter dem Verdacht, den Londoner Geldmarktzins Libor zu ihren Gunsten manipuliert und damit gegen Kartellrecht verstoßen zu haben. Auch die Deutsche Bank war an den illegalen Absprachen beteiligt und hat sich der EU-Kommission und der Schweizer Wettbewerbsaufsicht als Kronzeugin zur Verfügung gestellt, wie Insider erklärten.
Die Kartellbehörden ermitteln auch zu Manipulationen des Euro-Zinssatzes Euribor und anderen internationalen Geldmarktsätzen. Unternehmen, die ihre Kartellverbündeten bei den Behörden verpfeifen, wird zur Belohnung eine drohende Geldbuße ganz oder teilweise erlassen. Nachfolgend ein Überblick über die Kronzeugenregelung in der EU:
Kartellstrafen:
Kartellstrafen sind nicht nur ein großer Schaden für das Ansehen eines Unternehmens, sie können die Sünder auch finanziell empfindlich treffen. Mit bis zu zehn Prozent des einschlägigen Umsatzes bestraft die EU-Wettbewerbsaufsicht Firmen, die zur Beschränkung des Wettbewerbs und zum Schaden der Kunden mit ihren Konkurrenten etwa Preise abgesprochen oder Märkte aufgeteilt haben.
Straferlass:
In den Genuss des vollständigen Straferlasses kommt nur der Kartellverräter, der sich als erstes der Behörde offenbart. Die Informationen müssen der EU-Kommission entweder eine ausreichende Grundlage liefern, um die am Kartell beteiligten Firmen zu durchsuchen und Beweismaterial für einen Verstoß gegen Kartellrecht sicherzustellen. Auch winkt der Bußgelderlass, wenn die gelieferten Informationen selbst schon das rechtswidrige Vorgehen beweisen. Der "Whistleblower" darf die anderen Kartellbeteiligten nicht warnen.
Kronzeuge:
Der Kronzeuge muss das Kartell genau beschreiben. Ziele und Aktivitäten wie heimliche Treffen zu Absprachen, die geografische Ausdehnung und die Dauer des Kartells sind gefragt. Der Informant muss eine Schätzung des betroffenen Marktvolumens abgeben. Auch sind Namen und Anschriften aller beteiligten Personen und Firmen zu offenbaren.
Wettberwerbshüter:
Die Wettbewerbshüter setzen darauf, dass die Kronzeugenregel die Firmen dazu animiert, aus dem Kartell auszusteigen und es zu verraten. So heizt sie den Wettlauf darum, sich als erstes vom Saulus zum Paulus zu wandeln, durch die sogenannte Marker-Regelung an: Auch wenn der Kartellverräter noch keine ausreichend stichhaltigen Beweise liefern kann, wird er als erster Informant registriert. Er bekommt dann eine kurze Frist, um die fehlenden Unterlagen zu beschaffen.
Strafnachlass:
Doch auch wer als zweiter reuiger Sünder die EU-Kommission aufsucht, kann sich zumindest noch einen Strafnachlass sichern. Das ist möglich, so lange die Behörde noch keine ausreichenden Beweise für Durchsuchungen verdächtiger Firmen hat. Wie hoch die Ermäßigung ist, hängt von der Qualität der gelieferten Informationen ab. Das erste Unternehmen, das Beweismittel mit "erheblichem Mehrwert" vorlegt, kann mit einem "Rabatt" von 30 bis 50 Prozent rechnen. Der zweite muss 20 bis 30 Prozent weniger Geldbuße zahlen, jeder weitere Informant kann noch einen Nachlass von 20 Prozent erwarten. (Reuters)
Libor, Euribor, Interbankenhandel: Zinssätze für Billionengeschäfte
Libor, Euribor, Interbankenhandel: Zinssätze für Billionengeschäfte
Die Manipulationsskandale um die Referenz-Zinssätze Libor und Euribor haben das Vertrauen in die Bankenbranche weiter erschüttert. Die Bedeutung der beiden Richtzahlen ist immens: Von ihnen hängen Finanzprodukte im Umfang von mehr als 500 Billionen Euro ab. Eine Begriffsklärung:
Libor (London Interbank Offered Rate):
Der Libor soll den durchschnittlichen Zinssatz angeben, den die Banken für Geldverleih-Geschäfte untereinander verlangen. Er beruht wie sein Gegenstück im Euroraum, der Euribor, aber nicht auf echten Transaktionen. Er wird berechnet aus Schätzungen der 18 weltweit wichtigsten Banken, zu welchen Sätzen sie Geld am Interbankenmarkt aufnehmen können.
Grundlage sind also nicht tatsächliche Zinsen, sondern die Einschätzung der Banken über ihre Finanzierungsbedingungen.
Der Libor wird täglich durch den britischen Bankenverband BBA festgestellt. Die höchsten und niedrigsten Werte werden gestrichen. Das sollte Manipulationen eigentlich ausschließen. Den Libor gibt es seit den 80er Jahren.
Der Referenz-Zinssatz ist ausschlaggebend für die Zinsen von zahlreichen Finanzierungen in Dollar. Darunter Hypotheken, variabel verzinste Immobilien-Kredite oder die Zinsen für Kreditkarten.
Euribor (Euro Interbank Offered Rate):
So wird der durchschnittliche Zinssatz bezeichnet, zu dem 57 europäische Banken einander Anleihen in Euro gewähren. Der Euribor ist die Grundlage für zahlreiche Zinsprodukte, die in Euro laufen. Täglich um 11.00 Uhr werden die Euribor-Werte – 15 verschiedene Euribor-Zinssätze mit unterschiedlichen Laufzeiten – festgesetzt.
43 Institute melden dafür ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs berechnet wird. Die im Vergleich zum Libor höhere Zahl der beteiligten Banken soll die Betrugsgefahr senken.
Den Euribor gibt es seit der Einführung des Euro im Jahr 1999. In Deutschland ersetzte er den Fibor (Frankfurt Interbank Offered Rate). Die Höhe der Euribor-Zinssätze wird in erster Linie durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Dazu kommen Faktoren wie etwa das Wirtschaftswachstum, die Höhe der Inflation, die Kreditwürdigkeit und das gegenseitige Vertrauen der Banken sowie das Vertrauen der Verbraucher.
Interbankenmarkt:
Auf dem Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Institute, die kurzfristig Geld überhaben, verleihen es an Banken mit kurzfristigem Finanzbedarf. Dabei wechseln sich Geber- und Nehmerbanken ab. Der Markt funktioniert nur, wenn sich die Banken gegenseitig vertrauen, denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten.
Das Vertrauen ist seit der Lehman-Pleite im Jahr 2008 immer wieder gestört. Deswegen sind die Notenbanken immer wieder eingesprungen, um die Geschäftsbanken mit billigem Geld zu versorgen. Zur Jahreswende 2011/2012 pumpte die Europäische Zentralbank rund 1.000 Milliarden Euro in die Geschäftsbanken. (dapd)
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