14.07.12Nach Stracke-Rückzug
Opel-Betriebsrat warnt vor Kahlschlag
Die deutsche GM-Tochter leidet unter der Absatzkrise in Europa und schreibt weiter rote Zahlen. NRW-Wirtschaftsminister kritisiert Opel-Strategie.
Foto: dapd
Nach dem überraschenden Rücktritt von Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke befürchten Opelaner eine von der Konzernmutter GM verordnete Rosskur
München/Berlin. Nach dem abrupten Abschied von Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke befürchten Arbeitnehmer und Experten eine von der Konzernmutter GM verordnete Rosskur. Für den US-Konzern sei dies "der letzte Versuch", die Probleme bei seiner verlustreichen Tochter in den Griff zu bekommen, meint Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Unter neuer Führung wolle GM "Dinge durchprügeln: Kapazität runter, Leute raus - und hoffen, dass es hilft."
Während GM noch nach einem neuen Opel-Chef sucht, warnten Arbeitnehmervertreter vor weiteren Einschnitten. "Entscheidend für die Belegschaften wird sein, dass der dringend notwendige Wachstumskurs umgesetzt wird und keine Kahlschlagpolitik erfolgt", sagte der Bochumer Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel.
+++ Opelaner in Bochum hoffen auf langfristigen
Werkserhalt +++
+++ Betriebsrat warnt vor Kahlschlag – Absatzeinbruch +++
Strategiechef Thomas Sedran hat nach Zeitungsberichten offenbar die besten Chancen, Stracke zu beerben. Auch Produktionschef Peter Thom gilt als aussichtsreicher Kandidat. Opel selbst wollte sich dazu nicht äußern. Stracke hatte am Donnerstag überraschend seinen Hut nehmen müssen. Das Rüsselsheimer Unternehmen leidet unter der Absatzkrise in Europa.
Bei Opel hat sich seit Jahrzehnten kaum ein Chef lange gehalten. Seit der Blütezeit in den 1970er-Jahren ist nun der 15. Chef gegangen, allein in den vergangenen drei Jahren wurden drei verschlissen. Nach dem Abgang von Stracke leitet die Geschäfte von GM in Europa übergangsweise Stephen Girsky, Aufsichtsratsvorsitzender von Opel und Strategiechef des US-Mutterkonzerns.
Dudenhöffer vom CAR-Institut äußerte die Einschätzung, GM sei mit dem - von Stracke vorgelegten und von Girsky gebilligten - Wachstumskonzept nicht zufrieden gewesen. Zudem habe Opel wohl auch im zweiten Quartal tiefrote Zahlen geschrieben. Erst Ende Juni hatte der Opel-Aufsichtsrat ein Sanierungskonzept gebilligt, das statt auf Stellenstreichungen und Werksschließungen auf neue Modelle und Zusammenarbeit mit dem Autobauer PSA Peugeot Citroën setzt.
Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) übt nach der Ablösung des Opel-Vorstandsvorsitzenden Karl-Friedrich Stracke massive Kritik an der Unternehmensstrategie des Automobilherstellers. "Opel braucht eine Produktpalette, die die Leute vom Hocker reißt", sagte Duin dem "Tagesspiegel" (Samstagausgabe). "Das letzte Modell, mit dem Opel vorne lag, war der Minivan Zafira", fügte er hinzu.
+++ Opel verliert mitten im Überlebenskampf seinen Chef
+++
"Für Opel insgesamt" sei die Situation "schwierig", sagte der Minister. Das gelte besonders für das Werk in Bochum, wo insgesamt rund 3.600 Menschen beschäftigt sind. "Wir als Landesregierung gehen der Frage nach, ob und wie wir den Standort fit für die Zukunft machen können", kündigte Duin an. Dem Bericht zufolge loten das Land NRW und Arbeitnehmervertreter derzeit die Möglichkeiten aus, nach Auslaufen der Zafira-Produktion den Standort über das Jahr 2016 hinaus als GM-Komponentenwerk zu erhalten.
Die Opel-Werke im Überblick
Der Autobauer Opel leidet unter sinkendem Absatz und teuren Überkapazitäten. Obwohl erst Ende 2010 ein Werk geschlossen und die Zahl der Mitarbeiter zuletzt um mehr als 8000 auf inzwischen 39 000 reduziert wurde, kommt Opel deshalb nicht aus der Verlustzone.
Um Opel profitabel zu machen, ist nun unter anderem geplant, die Produktion des künftigen Astra von 2015 an auf Ellesmere Port in England und das kostengünstige polnische Gleiwitz zu konzentrieren. Bislang wird der Astra auch im Stammwerk Rüsselsheim gebaut. Die Opel-Werke im Überblick (Stand Ende 2011):
Deutschland (Mitarbeiter insgesamt: 22.166):
In Bochum liefen 2011 ein Astra-Modell und zwei Zafira-Modelle vom Band. Nach Werksangaben arbeiten noch 3200 Beschäftigte direkt im Unternehmen sowie rund 1000 Menschen bei Partner- und Fremdfirmen.
In Eisenach bauen 1524 Beschäftigte den Corsa.
Am Stammsitz Rüsselsheim werden der Insignia sowie ein Astra-Modell (5-Türer) gefertigt. Mitarbeiter: 13.825, davon 3200 in der Produktion.
In Kaiserslautern bauen 2640 Beschäftigte Komponenten, Motoren und Achsen.
In Gleiwitz läuft seit 2011 nur noch der Astra (bis 2010 auch der Zafira) vom Band; in dem Werk sind 3523 Menschen beschäftigt.
Am Standort Saragossa fertigen rund 6100 Mitarbeiter den Corsa, den Meriva und den Combo.
England (Mitarbeiter insgesamt: 4000):
Etwa 2100 Mitarbeiter bauen in Ellesmere Port Astra-Modelle.
In Luton werden die baugleichen Transporter Opel Vivaro und Renault Traffic von 1100 Beschäftigten gefertigt.
Motoren und/oder Getriebe werden zudem in Szentgotthárd (Ungarn/660 Mitarbeiter) und Aspern (Österreich/1736) sowie in einem Joint Venture in Tychy (Polen) hergestellt. In Rüsselsheim und Turin hat der Hersteller Entwicklungszentren. (dpa)
Chronologie der Opel-Krise. Seit Jahren ringt der deutsche Autobauer Opel um seine Zukunft- ein Rückblick:
2001: Der erfolglose Opel-Vorstandschef Robert Hendry muss das Handtuch werfen. Sein Nachfolger Carl-Peter Forster versucht, mit dem europaweit angelegten "Restrukturierungsprogramm Olympia" die Tochter des US-Autobauers General Motors (GM) wieder profitabel zu machen.
2004: GM legt im Oktober einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter vor, der den Abbau von 12 000 Arbeitsplätzen vorsieht – davon bis zu 10 000 in Deutschland.
2005: Der Betriebsrat und das Opel-Management unterschreiben einen "Zukunftsvertrag", der die Existenz der Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern bis 2010 sichern soll.
2008: Nach Absatzeinbruch und massiven Verlusten bittet Opel als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll das Unternehmen stützen.
2009: Um nicht in den Strudel der GM-Insolvenz zu geraten, arbeitet Opel an einem Konzept zur Trennung von dem schwer angeschlagenen Mutterkonzern. Zwei Tage vor der GM-Pleite am 1. Juni einigen sich Bund, Länder, GM und das US-Finanzministerium nach langem Poker mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungskonzept. Im November beschließt GM, Opel doch zu behalten.
2010: Der als harter Sanierer bekannte Nick Reilly wird Opel-Chef. Im Zuge seines Sanierungskurses macht Opel im Oktober das Werk im belgischen Antwerpen mit einst 2500 Beschäftigten dicht. Von den 48 000 Stellen in Europa werden insgesamt 8000 abgebaut.
2011: Der bisherige GM-Chefentwickler Karl-Friedrich Stracke löst Reilly ab, der Chef des GM-Europageschäfts wird. Im zweiten Quartal verzeichnet Opel erstmals seit Jahren wieder einen Gewinn. Im dritten Quartal rutscht der Autobauer aber zurück in die roten Zahlen.
16. Februar 2012: General Motors gibt in seinem Europageschäft – das in erster Linie aus Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall besteht – für 2011 operativ 747 Millionen Dollar (573 Mio Euro) Verlust bekannt. Dagegen fuhr GM unterm Strich 7,6 Milliarden Dollar Gewinn ein.
3. Mai 2012: Opel kommt einfach nicht vom Fleck. Im ersten Quartal liegt der Verlust von GM in Europa operativ bei 256 Millionen Dollar oder umgerechnet 195 Millionen Euro.
17. Mai 2012: Opel gibt bekannt, dass das Stammwerk Rüsselsheim die Produktion des mit Abstand wichtigsten Modells Astra verliert. Das Modell soll von 2015 an nur noch im britischen Ellesmere Port und in Gliwice (Polen) gebaut werden.
13. Juni 2012: Gnadenfrist für die Opelaner in Bochum, aber keine Rettung: Das Werk in Bochum soll zumindest so lange erhalten bleiben, bis die aktuelle Zafira-Fertigung dort Ende 2016 ausläuft, teilen die Adam Opel AG, der Betriebsrat und die IG Metall mit.
28. Juni 2012: Der Opel-Aufsichtsrat billigt einen entschärften Sanierungsplan. Teure Überkapazität soll abgebaut werden, indem Modelle wie der kleine SUV Mokka, der Antara oder der Agila nicht mehr in Korea, sondern in Europa vom Band rollen. Zudem soll in die Produktpalette von Opel/Vauxhall investiert werden. Geplant sind zum Beispiel 23 neue Modelle in den kommenden vier Jahren. Unter anderem soll ab 2013 der Kleinstwagen Adam bei den Händlern zu haben sein.
12. Juli 2012: Zum dritten Mal innerhalb von zweieinhalb Jahren wechselt GM bei Opel den Chef aus. Überraschend tritt Karl-Friedrich Stracke zurück. Die Geschäfte soll kommissarisch der GM-Vize und Opel-Aufsichtsratschef Stephen Girsky führen. (dpa)
(rtr/dapd)