12.07.12Rücktritt von Opel-Chef Stracke
Opel verliert mitten im Überlebenskampf seinen Chef
Ein Nachfolger muss erst gesucht werden, zunächst übernimmt GM-Chef Girsky. Erst vor zwei Wochen wurde Sanierungskonzept beschlossen.
Von Irene Preisinger und Frank Siebelt
Foto: dpa
Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke ist von seiner Position als Opel-Vorstandsvorsitzender und Präsident von General Motors Europe zurückgetreten
München/Frankfurt. Überraschung auch im Opel-Konzern: Mitten im Überlebenskampf bei Opel nimmt der Chef des krisengeschüttelten Traditionskonzerns seinen Hut. Karl-Friedrich Stracke sei von seiner Position als Opel-Vorstandsvorsitzender und Präsident von General Motors Europe zurückgetreten, teilte der Rüsselsheimer Autobauer am Donnerstag mit, ohne einen Grund zu nennen. Im Aufsichtsrat und bei Experten sorgte der Paukenschlag für Verwunderung - besonders, weil ein Nachfolger offenbar erst gesucht werden muss. Dabei hätte Opel eine starke Führung nötig, denn dem Konzern steht wie anderen Massenherstellern wegen der ausufernden Absatzkrise in Europa das Wasser bis zum Hals. Chef-Wechsel haben allerdings bei Opel Tradition: Seit ihrer Blütezeit in den 1970er Jahren hat die GM-Tochter nun schon den 15. Chef verschlissen.
Der 56 Jahre alte Manager war erst seit April 2011 Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG. Vor wenigen Monaten wurde Stracke zusätzlich noch zum Präsidenten von GM Europe ernannt. Der Ingenieur, der lange auch in der US-Zentrale in Detroit tätig war, werde nun "Sonderaufgaben für GM" übernehmen - welche das sein sollen, blieb offen. Die Geschäfte von GM in Europa soll Stephen Girsky, Aufsichtsratsvorsitzender von Opel und Strategiechef des US-Mutterkonzerns, kommissarisch leiten.
+++ Opel-Aufsichtsrat gibt grünes Licht für Konzept +++
Erst vor zwei Wochen hatte das Opel-Kontrollgremium das von Stracke vorgelegte umfassende Sanierungskonzept gebilligt. Über die Umsetzung wird noch verhandelt. Der Plan sieht hohe Investitionen in neue Modelle, eine engere Zusammenarbeit mit dem – ebenfalls krisengebeutelten – französischen Autobauer PSA Peugeot Citroen sowie Einsparungen bei Material-, Entwicklungs- und Produktionskosten vor. Der GM-Partner PSA, Europas zweitgrößter Autobauer nach VW, kündigte unterdessen am Donnerstag an, zusätzlich zum bereits angekündigten Wegfall von 6000 Jobs noch einmal 8000 Stellen zu streichen. Das Werk Aulnay bei Paris wird geschlossen. Grund sei die schwere Krise in Europa. Opel dagegen gab in seinem Sanierungsplan für alle vier Werke in Deutschland eine Standortgarantie bis Ende 2016. Damit blieb das Schicksal des Opel-Standortes Bochum, über dessen Schließung seit langem regelmäßig spekuliert wird, offiziell weiter ungeklärt.
+++ Stephen Girsky: Der harte Knochen aus Detroit +++
"Karl-Friedrich Stracke arbeitete unermüdlich und unter großen Druck, um dieses Geschäft zu stabilisieren", sagte GM-Chef Dan Akerson. Stracke selbst, der am Donnerstag eigentlich bei einer Branchenkonferenz in München sprechen sollte, diesen Termin aber kurzfristig abgesagt hatte, ließ mitteilen: "Ich verlasse diese Position im Wissen, dass Opel/Vauxhall in eine gute Zukunft steuert." In Rüsselsheim hieß es, der Sanierungsplan werde umgesetzt – unabhängig von Personalien. Die US-Mutter GM stehe dahinter. Dies gelte auch für Girsky. Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug sagte, mit der Benennung Girskys zeige GM, "dass das Europageschäft ein Eckpfeiler des Konzerns ist". Die Arbeitnehmervertreter erwarteten nun, dass schnellst möglich ein geeigneter Nachfolger gefunden werde. Der Aufsichtsrat ist nach den Worten eines Mitglieds von der Personalie "völlig überrascht" worden.
+++ Erneuter Chefwechsel - GM-Manager Girsky übernimmt
+++
Verwunderung äußerte auch Autoexperte Christoph Stürmer von IHS Automotive. Er ging davon aus, dass dem Aufsichtsrat die Sanierung von Opel nicht schnell genug gegangen sei. Girsky gelte als Manager mit unkonventionellen Ideen. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier pochte darauf, dass sämtliche Verträge auch unter einer neuen Führung eingehalten werden müssten. Ihm sei bei einem Gespräch mit Stracke im Mai 2012 zugesichert worden, dass der Traditionsstandort Rüsselsheim in seiner jetzigen Form erhalten bleibe.
Opel leidet seit Jahren unter dem Zick-Zack-Kurs, die Absatzkrise in Europa tut ein Übriges. Der Marktanteil der Traditionsfirma sinkt seit zwei Jahrzehnten kontinuierlich. Zuletzt waren es weniger als sieben Prozent, was das Problem der Überkapazitäten vergrößert. Anfang der 1970er Jahre lag Opel mit Werten um die 20 Prozent auf Augenhöhe mit VW. Während die Rüsselsheimer in der Vergangenheit mit Oberklasse-Modellen wie Kapitän, Admiral oder Diplomat glänzten, sind sie später ins Billigsegment abgerutscht, aus dem sie sich jetzt mühsam wieder befreiten wollen. Durch Qualitätsprobleme verspielte Opel in den 1990er Jahren zudem seinen Ruf als Hersteller zuverlässiger Autos.
Seit einigen Jahren lasten wirtschaftliche Probleme auf Opel. Alleine im ersten Quartal verbuchte GM im Europageschäft einen Fehlbetrag von 256 Millionen Dollar, in den vergangenen zehn Jahren summierte sich der Verlust von Opel und der Schwestermarke Vauxhall auf 14 Milliarden Dollar. Vor ein paar Jahren wollte GM die verlustreiche Europa-Tochter sogar loswerden. Nach monatelangem Hin und Her entschieden sich die Amerikaner aber anders und wollen Opel seither selber sanieren. Garniert mit immer wieder aufflammenden Debatten über Werksschließungen bekam Opel so ein Verlierer-Image.
(Reuters)
Chronologie der Opel-Krise. Seit Jahren ringt der deutsche Autobauer Opel um seine Zukunft- ein Rückblick:
2001: Der erfolglose Opel-Vorstandschef Robert Hendry muss das Handtuch werfen. Sein Nachfolger Carl-Peter Forster versucht, mit dem europaweit angelegten "Restrukturierungsprogramm Olympia" die Tochter des US-Autobauers General Motors (GM) wieder profitabel zu machen.
2004: GM legt im Oktober einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter vor, der den Abbau von 12 000 Arbeitsplätzen vorsieht – davon bis zu 10 000 in Deutschland.
2005: Der Betriebsrat und das Opel-Management unterschreiben einen "Zukunftsvertrag", der die Existenz der Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern bis 2010 sichern soll.
2008: Nach Absatzeinbruch und massiven Verlusten bittet Opel als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll das Unternehmen stützen.
2009: Um nicht in den Strudel der GM-Insolvenz zu geraten, arbeitet Opel an einem Konzept zur Trennung von dem schwer angeschlagenen Mutterkonzern. Zwei Tage vor der GM-Pleite am 1. Juni einigen sich Bund, Länder, GM und das US-Finanzministerium nach langem Poker mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungskonzept. Im November beschließt GM, Opel doch zu behalten.
2010: Der als harter Sanierer bekannte Nick Reilly wird Opel-Chef. Im Zuge seines Sanierungskurses macht Opel im Oktober das Werk im belgischen Antwerpen mit einst 2500 Beschäftigten dicht. Von den 48 000 Stellen in Europa werden insgesamt 8000 abgebaut.
2011: Der bisherige GM-Chefentwickler Karl-Friedrich Stracke löst Reilly ab, der Chef des GM-Europageschäfts wird. Im zweiten Quartal verzeichnet Opel erstmals seit Jahren wieder einen Gewinn. Im dritten Quartal rutscht der Autobauer aber zurück in die roten Zahlen.
16. Februar 2012: General Motors gibt in seinem Europageschäft – das in erster Linie aus Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall besteht – für 2011 operativ 747 Millionen Dollar (573 Mio Euro) Verlust bekannt. Dagegen fuhr GM unterm Strich 7,6 Milliarden Dollar Gewinn ein.
3. Mai 2012: Opel kommt einfach nicht vom Fleck. Im ersten Quartal liegt der Verlust von GM in Europa operativ bei 256 Millionen Dollar oder umgerechnet 195 Millionen Euro.
17. Mai 2012: Opel gibt bekannt, dass das Stammwerk Rüsselsheim die Produktion des mit Abstand wichtigsten Modells Astra verliert. Das Modell soll von 2015 an nur noch im britischen Ellesmere Port und in Gliwice (Polen) gebaut werden.
13. Juni 2012: Gnadenfrist für die Opelaner in Bochum, aber keine Rettung: Das Werk in Bochum soll zumindest so lange erhalten bleiben, bis die aktuelle Zafira-Fertigung dort Ende 2016 ausläuft, teilen die Adam Opel AG, der Betriebsrat und die IG Metall mit.
28. Juni 2012: Der Opel-Aufsichtsrat billigt einen entschärften Sanierungsplan. Teure Überkapazität soll abgebaut werden, indem Modelle wie der kleine SUV Mokka, der Antara oder der Agila nicht mehr in Korea, sondern in Europa vom Band rollen. Zudem soll in die Produktpalette von Opel/Vauxhall investiert werden. Geplant sind zum Beispiel 23 neue Modelle in den kommenden vier Jahren. Unter anderem soll ab 2013 der Kleinstwagen Adam bei den Händlern zu haben sein.
12. Juli 2012: Zum dritten Mal innerhalb von zweieinhalb Jahren wechselt GM bei Opel den Chef aus. Überraschend tritt Karl-Friedrich Stracke zurück. Die Geschäfte soll kommissarisch der GM-Vize und Opel-Aufsichtsratschef Stephen Girsky führen. (dpa)
Die Opel-Werke im Überblick
Der Autobauer Opel leidet unter sinkendem Absatz und teuren Überkapazitäten. Obwohl erst Ende 2010 ein Werk geschlossen und die Zahl der Mitarbeiter zuletzt um mehr als 8000 auf inzwischen 39 000 reduziert wurde, kommt Opel deshalb nicht aus der Verlustzone.
Um Opel profitabel zu machen, ist nun unter anderem geplant, die Produktion des künftigen Astra von 2015 an auf Ellesmere Port in England und das kostengünstige polnische Gleiwitz zu konzentrieren. Bislang wird der Astra auch im Stammwerk Rüsselsheim gebaut. Die Opel-Werke im Überblick (Stand Ende 2011):
Deutschland (Mitarbeiter insgesamt: 22.166):
In Bochum liefen 2011 ein Astra-Modell und zwei Zafira-Modelle vom Band. Nach Werksangaben arbeiten noch 3200 Beschäftigte direkt im Unternehmen sowie rund 1000 Menschen bei Partner- und Fremdfirmen.
In Eisenach bauen 1524 Beschäftigte den Corsa.
Am Stammsitz Rüsselsheim werden der Insignia sowie ein Astra-Modell (5-Türer) gefertigt. Mitarbeiter: 13.825, davon 3200 in der Produktion.
In Kaiserslautern bauen 2640 Beschäftigte Komponenten, Motoren und Achsen.
In Gleiwitz läuft seit 2011 nur noch der Astra (bis 2010 auch der Zafira) vom Band; in dem Werk sind 3523 Menschen beschäftigt.
Am Standort Saragossa fertigen rund 6100 Mitarbeiter den Corsa, den Meriva und den Combo.
England (Mitarbeiter insgesamt: 4000):
Etwa 2100 Mitarbeiter bauen in Ellesmere Port Astra-Modelle.
In Luton werden die baugleichen Transporter Opel Vivaro und Renault Traffic von 1100 Beschäftigten gefertigt.
Motoren und/oder Getriebe werden zudem in Szentgotthárd (Ungarn/660 Mitarbeiter) und Aspern (Österreich/1736) sowie in einem Joint Venture in Tychy (Polen) hergestellt. In Rüsselsheim und Turin hat der Hersteller Entwicklungszentren. (dpa)