09.01.13

Hamburg

150 Stellen sind bei Karstadt bedroht

Der Betriebsrat befürchtet drastische Kürzungen in den Hamburger Filialen. Wer noch im Januar geht, erhält eine höhere Abfindung.

Von Bob Geisler und Volker Mester
Foto: HA/A.Laible
100 Jahre Karstadt Moe
Karstadt-Chef Andrew Jennings, hier auf Stippvisite im Haus an der Mönckebergstraße, hat den Abbau von bundesweit 2000 Arbeitsplätzen angekündigt

Hamburg. Das neue Jahr hat gerade erst begonnnen, da müssen die Hamburger Beschäftigten der Warenhauskette Karstadt schon die ersten Hiobsbotschaften verkraften. Der geplante Arbeitsplatzabbau im Konzern wird nämlich nach Einschätzung von Betriebsrat und Gewerkschaft massive Auswirkungen auf die Filialen in der Hansestadt haben.

"Es geht darum, bis 2014 rund 150 Vollzeitstellen in Hamburg zu streichen", sagte der Wandsbeker Betriebsratsvorsitzende Jürgen Gehring, der auch im Gesamtbetriebsrat der Kette sitzt. Insgesamt beschäftigt Karstadt derzeit rund 1000 Vollzeitkräfte in der Elbmetropole, die an elf Standorten eingesetzt sind. Ein Karstadt-Sprecher war am Dienstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Laut Betriebsrat versucht die Konzernleitung im Augenblick, möglichst viele Beschäftigte zu einem freiwilligen Ausscheiden aus dem Unternehmen zu bewegen und auf diese Weise betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. So wird den Mitarbeitern eine sogenannte "Turbo-Regelung" angeboten. Wer sich bis zum 18. Januar entschließt, das Unternehmen zu verlassen, soll eine um 50 Prozent höhere Abfindung erhalten. Ältere Mitarbeiter können sich zudem bis Ende Februar entscheiden, ob sie in Altersteilzeit oder in den vorzeitigen Ruhestand gehen möchten. "Es gibt viele Mitarbeiter, die ein Interesse an Vorruhestandsregelungen haben, denn in manchen Filialen, etwa in Wandsbek, ist der Altersdurchschnitt hoch", sagte Gehring. Dennoch könne man frühestens Mitte März sagen, ob es am Ende doch noch zu betriebsbedingten Kündigungen kommen werde. "Dies möchten wir auf jeden Fall verhindern."

Betroffen von dem Stellenabbau sind nach Angaben des Betriebsrats alle Karstadt-Filialen in der Hansestadt, ausgenommen ist nach jetzigem Stand lediglich das Alsterhaus, das in einer anderen Sparte, der sogenannten Premium Group, organisiert ist.

Gehring übte scharfe Kritik an dem bevorstehenden Arbeitsplatzabbau. "Wir wissen, dass es durch die Stellenstreichungen für die verbleibenden Beschäftigten noch schwieriger wird, das Geschäft zu betreiben", sagte er. Schon als Folge des vorangegangenen Abbaus sei der Krankenstand kontinuierlich angestiegen. "In der Filiale Wandsbek lag die Quote im November bei zehn Prozent. Häufig handelt es sich dabei um sehr langwierige Erkrankungen."

Auch die Gewerkschaft Ver.di reagierte mit Unverständnis auf die Sparmaßnahmen. "Es ist ausgesprochen ärgerlich, dass die Beschäftigten schon wieder die Hauptlast für den Umbau bei Karstadt tragen sollen", sagte der zuständige Fachsekretär der Gewerkschaft, Arno Peukes. Auch sei das neue Konzept, mit dem Karstadt versuche, wieder in die Erfolgsspur zu kommen, wenig überzeugend.

Karstadt war im Herbst 2010 von dem deutsch-amerikanischen Milliardär Nicolas Berggruen aus der Insolvenz gerettet worden und befindet sich seitdem in einem tief greifenden Umstrukturierungsprozess. Bereits im Sommer vergangenen Jahres hatte Konzernchef Andrew Jennings angekündigt, bundesweit rund 2000 Arbeitsplätze bis zum Jahr 2014 streichen zu wollen.

Er begründete den Stellenabbau unter anderem mit "komplexen und ineffektiven Altstrukturen", aber auch mit dem "wirtschaftlich schwierigen Umfeld der Euro-Krise". Zudem lief im Herbst der Sanierungstarifvertrag mit der Gewerkschaft aus, wodurch allen Beschäftigten nun wieder Sonderleistungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld zustehen. Dies entspricht laut Karstadt einer permanenten Lohnsteigerung um acht Prozent.

Wie alle Warenhausketten hat Karstadt darüber hinaus mit der Konkurrenz von Shoppingcentern und aggressiven Onlineanbietern zu kämpfen. Um sich besser auf die schwierige Wettbewerbssituation einzustellen, schließt das Unternehmen unter anderem einen Großteil der Multimedia-Abteilungen in Deutschland und nutzt diese Flächen vor allem zur Präsentation weiterer, exklusiver Modemarken. Textilien versprechen nach Jennings Einschätzung nämlich eine höhere Rendite als Fernseher, CDs oder Computer, bei denen der Preiskampf im Netz besonders hart geführt wird.

Allerdings geht diese Strategie in diesem Winter nur bedingt auf. So klagten die Einzelhändler in der Hamburger Innenstadt angesichts der sehr milden Temperaturen über extrem schleppende Umsätze bei warmen Mänteln und Pullovern. Viele Geschäfte - darunter auch Karstadt an der Mönckebergstraße - setzten schon vor Weihnachten den Rotstift an, um den Absatz zumindest ein wenig anzukurbeln.

Mittlerweile ist Karstadt dabei, mit Reduzierungen von bis zu 70 Prozent die Lager zu räumen und Platz für die Frühjahrskollektion zu schaffen. Alles muss raus, lautet die Devise.

Karstadt seit Jahren in der Krise – eine Chronologie
Karstadt seit Jahren in der Krise – eine Chronologie
Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Den Wendepunkt brachte im Juni 2010 das Einspringen des Investors Nicolas Berggruen. Jetzt steht ein Stellenabbau an.
1. September 2009: Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH – wird das Insolvenzverfahren eröffnet.
1. Dezember 2009: Zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern sollen nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.
15. März 2010: Beim Essener Amtsgericht wird ein Insolvenzplan vorgelegt.
12. April: 2010 Die Gläubiger stimmen dem Plan zu.
23. April 2010: Der Finanzinvestor Triton bietet für Karstadt.
21. Mai 2010: Auch die vom Privatinvestor Nicolas Berggruen gesteuerte Berggruen Holdings will Karstadt übernehmen.
28. Mai 2010: Unmittelbar vor einer Sitzung des Gläubigerausschusses wird das Angebot des Karstadt-Vermieters Highstreet bekannt.
31. Mai 2010: Das Gericht verschiebt den Termin zur Annahme des Insolvenzplans auf den 10. Juni. Er wird noch mehrmals verschoben.
1. Juni 2010: Von bundesweit 94 Kommunen haben bis auf drei alle einem Verzicht auf Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher.
3. Juni 2010: Der Handelskonzern Metro bekräftigt sein Interesse an Teilen der insolventen Warenhauskette.
7. Juni 2010: Berggruen erhält vom Gläubigerausschuss den Zuschlag. Einen Tag später unterschreibt er den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert von Highstreet deutliche Mietsenkungen.
14. Juni 2010: Eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten endet ohne Ergebnis.
20. Juni 2010: Berggruen lehnt ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.
26. August 2010: Berggruen hat sich mit der Essener Valovis-Bank geeinigt. Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es.
2. September 2010: Die Highstreet-Gläubiger stimmen den von Investor Berggruen geforderten Mietsenkungen zu.
30. September 2010: Das Essener Amtsgericht hebt das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.
23. November 2010: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt und startet Anfang Januar 2011.
6. Juli 2011: Jennings legt das Konzept "Karstadt 2015" vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.
16. Juli 2012: Karstadt will bis Ende 2014 rund 2000 der 25.000 Stellen streichen. (dpa)
Karstadt: Der schwere Weg aus der Krise
Die Karstadt AG geht auf eine Geschäftsgründung von Rudolph Karstadt 1881 in Wismar zurück.
Die Warenhauskette betreibt aktuell 86 Waren- und 26 Sporthäuser und das Internetportal Karstadt.de.
Das Unternehmen beschäftigt rund 25 000 Mitarbeiter.
Etwa 1,5 Millionen Menschen besuchen nach Firmenangaben täglich die Filialen des Konzerns.
Zum Portfolio gehört unter anderem das weltbekannte Kaufhaus des Westens (KaDeWe), eines der größten europäischen Kaufhäuser überhaupt.
Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt in die Insolvenz gerutscht.
Den Wendepunkt brachte im Juni 2010 das Einspringen des Investors Nicolas Berggruen.
Seitdem ist die Kette auf einem schwierigen Sanierungsweg.
Der Umbau könne vier bis fünf Jahre oder auch länger dauern.
"Es wird ein Marathon, kein Sprint", hatte Karstadt-Chef Andrew Jennings Anfang Februar der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt. (dpa)
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