03.01.13

Autoindostrie

Überkapazität auf dem europäischen Automarkt

Die Sorge wächst: Experten sehen massive Rabattschlachten in Europa. Massenhersteller stehen 2013 vor den größten Problemen.

Von Nikolaus Doll, Jens Hartmann
Foto: pa/dpa
VW-Chef Martin Winterkorn will mit einer Investitionsoffensive von 50 Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren die Konkurrenz hinter sich lassen
VW-Chef Martin Winterkorn will mit einer Investitionsoffensive von 50 Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren die Konkurrenz hinter sich lassen

Berlin . Die Lage in Italien und Spanien ist dramatisch, auch Frankreich bietet kaum Anlass zur Hoffnung. Und selbst in Deutschland wächst die Sorge: Blicken die Manager der Automobilindustrie auf die europäische Landkarte, kann ihnen in der Tat angst und bange werden für 2013. "Die europäische Autoindustrie - insbesondere Südeuropa - steht vor ihrer größten Belastungsprobe seit dem Zweiten Weltkrieg", meint Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Der Grund: "Die Euro-Zone bleibt länger in der Rezession, und die Automobilmärkte in Europa werden im Jahr 2013 noch schwieriger werden", so Dudenhöffer, der Direktor des CAR-Center Automotive Research.

Die Experten von J.P. Morgan sprechen bereits von Carmageddon

Die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern wird tiefer. So verkündete Volkswagen-Chef Martin Winterkorn, sein Konzern werde bis 2015 mehr als 50 Milliarden Euro in den Ausbau der Fabriken und die Entwicklung neuer Fahrzeuge stecken. Die Hälfte davon in Deutschland. Alleine VW-Tochter Audi will in den kommenden vier Jahren 13 Milliarden Euro investieren, um endlich BMW als Nummer eins der Oberklasse abzulösen.

Von solchen Investitionspaketen können andere nur träumen. Da geht es eher um Themen wie Werksschließungen, Jobabbau und Staatshilfen, um doch noch über Wasser zu bleiben. So macht der US-Autobauer Ford, der 2012 mit einem Milliardenverlust in Europa abgeschnitten haben dürfte, drei Werke in der Alten Welt dicht. PSA Peugeot Citroën will eine Fabrik schließen, und auch GM stutzt Opel weiter zurecht und fährt nach Antwerpen den Standort Bochum runter. Doch reicht das aus?

Die Analysten von J.P. Morgan haben der Situation auf dem europäischen Automarkt einen Namen gegeben: Carmageddon. Ein Kunstwort, das sich aus Car (Auto) und Armageddon, der biblischen Endschlacht, zusammensetzt. "Wir sehen nicht, wie Angebot und Nachfrage in den kommenden drei Jahren in eine Balance zueinander kommen können", so die Analysten. "Wir erwarten daher, dass Europa das größte Schlachtfeld für Kaufanreize bleiben wird." Mit anderen Worten: Die Rabattschlacht, die auch schon 2012 geprägt hat, wird in Europa so lange weitergehen, wie zu viele Autos produziert werden, um die Werke halbwegs auszulasten. J.P. Morgan zufolge müssen daher, damit der Kreislauf der Geldverbrennens durchbrochen wird, in Westeuropa rund 15 Prozent der Kapazitäten abgebaut werden. In Italien muss den Analysten zufolge gar gut ein Drittel wegfallen, in Spanien und Frankreich ein Fünftel. "Nicht überraschend ist Deutschland bereits auf einem nachhaltigen Kapazitätsniveau", heißt es hingegen in der Studie. Tatsächlich stehen die deutschen Hersteller im internationalen Vergleich derzeit blendend da.

So ist etwa BMW der profitabelste Autobauer der Welt, und VW hat die große Stärke, dank eines ausgeklügelten Baukastensystems über die einzelnen Marken hinweg die Produktionskosten niedrig zu halten. Daimler muss hingegen Hausaufgaben machen, um mit seiner Marke Mercedes wieder Topniveau zu erreichen. Dazu soll unter anderem ein Zwei-Milliarden-Euro-Sparprogramm beitragen.

Die Neuzulassungen in Europa werden wohl das sechste Jahr in Folge sinken

Kräftig investiert wird da, wo es um die automobile Krone geht. In der Oberklasse kämpfen Audi, BMW und Mercedes um sie. Um die Nummer eins beim globalen Absatz geht es hingegen zwischen VW, GM und Toyota. Von der Branche viel beachtet ist der koreanische Herausforderer Hyundai-Kia. Das Ringen um Rang eins lassen sich die Hersteller einiges kosten. Sie investieren in neue Modellreihen genauso wie in die Ausweitung ihres Produktionsnetzwerks. Ihr Blick geht denn auch weit über Europa hinaus. In die USA, nach China, aber auch auf neue Wachstumsmärkte wie Russland, Brasilien und die Türkei.

Ganz anders die Lage bei den Massenherstellern, die vorrangig ihre Autos in Europa losschlagen. So hat es fast schon etwas von einem traurigen Ritual, wenn der Verband der europäischen Automobilbauer (ACEA) Monat für Monat sinkende Absatzzahlen in der EU verkündet. Von Januar bis November sank die Zahl der Neuzulassungen um 7,6 Prozent auf 11,25 Millionen Fahrzeuge. Deutschland war mit einem Minus von 1,7 Prozent noch vergleichsweise gut dabei. Autoexperte Stefan Bratzel rechnet damit, dass 2013 das sechste Jahr in Folge der europäische Pkw-Absatz bröckelt. "Ich gehe von einem Rückgang von rund drei Prozent auf 11,4 Millionen Pkw aus", prognostiziert der Leiter des Center of Automotive Management. Die automobile Welt wird 2013 noch stärker als bisher zu einer Zweiklassengesellschaft. "Wir stellen fest, dass die Polarisierung der Automobilhersteller in Gewinner und Verlierer in den letzten Jahren deutlich zunimmt", so Bratzel.

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