29.12.12

Lebensmittel

Reformhäuser peilen Milliardenumsatz an

Naturkostläden gibt es seit 125 Jahren. Kleinere Geschäfte haben wirtschaftliche Probleme. Viele Produkte werden aus Zarrentin geliefert.

Von Melanie Wassink
Foto: Klaus Bodig
Carsten Greve, Vorstand der Neuform Vereinigung Deutscher Reformhäuser, in der Fabrik in Zarrentin. Das Werk beliefert auch die 35 Hamburger Geschäfte
Carsten Greve, Vorstand der Neuform Vereinigung Deutscher Reformhäuser, in der Fabrik in Zarrentin. Das Werk beliefert auch die 35 Hamburger Geschäfte

Zarrentin. Immer mehr Städter fühlen eine Sehnsucht zurück zur Natur. Und die Industrialisierung - auch der Landwirtschaft - fördert eine Gegenbewegung mit dem Wunsch nach einfachen, natürlichen Lebensmitteln. Diese Trendthemen führten vor 125 Jahren zur Gründung der Reformhäuser. Es sind Strömungen, die heute so aktuell erscheinen wie damals.

Zu Beginn des Industriezeitalters forderten Kleidungsreformer einen freien, ungebundenen Körper und sprengten die Korsetts. Die Gartenstadtanhänger rebellierten gegen düsteres Wohnen in Mietskasernen und drängten hinaus ins Grüne, Abstinenzvereine bekämpften den Alkohol- und Drogenkonsum. Die Ideen der sogenannten Lebensreformbewegung, die Persönlichkeiten wie der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der Naturheiler Sebastian Kneipp oder der Müsli-Erfinder Maximilian Oskar Bircher-Benner befördert hatten, führen die Reformhäuser bis heute fort. "Wir beziehen uns auf diese Bewegung rund um das natürliche Leben und eine gesunde Ernährung, die als Gegenbewegung zur Industrialisierung entstanden ist", sagt Carsten Greve, Vorstand der Neuform Vereinigung Deutscher Reformhäuser.

Heute erlösen 1500 Reformhäuser zwischen Flensburg und Passau 600 Millionen Euro im Jahr. Der erstarkte Gesundheitstrend lässt Greve optimistisch in die Zukunft blicken: "Wir peilen bis 2020 einen Jahresumsatz von bis zu einer Milliarde Euro an", sagt der Diplom-Ingenieur, der mit seiner Familie im schleswig-holsteinischen Trittau wohnt und von dort aus täglich zum Herzstück der deutschen Reformhäuser pendelt, der Fabrik für Naturkost im mecklenburgischen Zarrentin, rund 70 Kilometer östlich von Hamburg.

Von dort beziehen die Reformhäuser Nüsse und Trockenfrüchte, aber auch Kunden wie Alnatura werden von dem Werk mit 50 Mitarbeitern versorgt. Noch bis 1996 wurden die Mangos aus Sri Lanka, die Walnüsse aus Chile oder Datteln aus Tunesien in Hamburg verarbeitet, hier schlug das Herz des Unternehmens. Doch nach der Wende zog die Reformhaus-Produktion in den Osten, mit mehr Platz für die Expansion des Werkes. "Nach mehr als 40 Jahren in Hamburg sitzen wir nun am Schaalsee und investieren hier weiter in die Produktion", sagt Erwin Perlinger, Vorstand der Reform Handelskontor, dem Bindeglied zwischen den Reformhäusern und der Erzeugerseite.

Allein im vergangenen Jahr hat die Verwaltung hier eine Million Euro in neue Fertigungsanlagen investiert. Die Maschinen in dem süßlich duftenden Werk benebeln die Früchte mit Wasserdampf, erwärmen sie und verbessern auf diese Weise ihre Haltbarkeit, ohne die Zugabe künstlicher und schädlicher Zusatzstoffe. Ganz im Sinne von Rousseau, der schon im 18. Jahrhundert warnte: "Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des Menschen."

Die Reformhaus-Geschäfte, die einen der bekanntesten Namen der Wirtschaft im Logo führen und es damit kürzlich in das Buch der "Marken des Jahrhunderts" geschafft haben, führen eine lange Tradition fort. Sie müssen sich aber auch gegen immer neue Konkurrenz behaupten. In Hamburg mit seinen derzeit rund 35 Reformhäusern ist beispielsweise die Kette der Wulf-Reformhäuser in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Eines der Geschäfte, das Reformhaus Wulf am Mühlenkamp in Winterhude, litt beispielsweise unter dem neuen Biosupermarkt, der in der Nachbarschaft eröffnet hat. Einige Standorte dieser Kette hat die Reformhaus-Gruppe Engelhardt übernommen, die gegenwärtig 23 Läden in und um Hamburg betreibt und damit zu den Gewinnern der Entwicklung im Einzelhandel gehört. "Kleinere Einheiten werden kaum überleben können, der Trend geht weg von den Tante-Emma-Läden", sagt Perlinger. "Wir werden unseren Umsatz steigern, aber die Zahl der Geschäfte dabei wohl nicht weiter erhöhen", sagt der 54-Jährige. Nur bei einer Mindestgröße der Läden könnten diese gegen die Lebensmittelmärkte mit ihren neuen Biosortimenten bestehen oder gegen Drogerien, die immer mehr Naturkosmetik anbieten. Zum Vergleich: Vor 20 Jahren existierten Reformhäuser noch an mehr als 2000 Standorten bundesweit.

Auch wenn der Wettbewerb stärker wird - Perlinger sieht ein Alleinstellungsmerkmal der Reformhäuser: "Wir sind inhalts- und wertstofforientiert." Ein Supermarkt könne ein Biobrötchen aus hellem Mehl anbieten, "es ist dann bio, aber das Gesunde fehlt", sagt der humorvolle Österreicher, dem dazu auch noch ein Beispiel aus seiner Heimat einfällt: "Wir haben wertvolles Obst, aber manche Bauern machen Obstler daraus." Gleichwohl begrüßten die Reformhäuser den Trend zu Bioprodukten, weil dieser Wandel das Bewusstsein für gute Lebensmittel schärfe. Perlinger warnt aber davor, dass sich die ökologische Landwirtschaft zur Massenproduktion entwickelt. "Sie können 3000 Hühner mit Biofutter ernähren, aber artgerecht sind solche großen Gruppen für die Tiere nicht."

Bisher zählen drei Prozent der Bevölkerung zu den Stammkunden der Reformhäuser. Diesen Anteil wollen Perlinger und Greve verdoppeln. Von dem entsprechenden Potenzial sind die Reformhaus-Chefs überzeugt, sie sehen einen Wertewandel in der einstigen Geiz-ist-geil-Gesellschaft. Immerhin gehöre gut jeder fünfte Bundesbürger heute zur Gruppe der Menschen mit einem nachhaltigen und gesunden Lebensstil, den sogenannten lohas, nach dem englischen Lifestyles of Health and Sustainability. Perlinger: "Und wir sind eben alte Lohasen."

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