05.12.12

Leitzins

Gewinner und Verlierer der niedrigen Zinsen

EZB entscheidet am Donnerstag über Leitzinssenkung. Zuletzt wurde die Zinsschraube im Juli gedreht, doch nicht jeder profitiert.

Foto: pa/dpa Themendie/dpa Themendienst
Sparschwein
Der Leitzins befindet sich mit 0,75 Prozent auf einen historischen Tiefstand. Doch nicht jeder profitiert von den niedrigen Zinsen

Frankfurt/Berlin. Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, rückt wieder ins Rampenlicht. Es gilt als möglich, dass der EZB-Chef den Leitzins, der schon jetzt mit 0,75 Prozent historisch niedrig liegt, bald weiter senken wird. Signale des Italieners dazu könnte es am Donnerstag geben.

Während die niedrigen Zinsen den südeuropäischen Krisenländern einen Weg aus der Rezession ebnen sollen, haben sie in Deutschland, wo die Konjunktur zwar abkühlt, aber noch wesentlich stärker ist, nicht nur positive Effekte. Es gibt Gewinner und Verlierer dieser Geldpolitik. Es folgt ein Überblick:

Die Gewinner der niedrigen Zinsen

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU): Neue Schulden zu machen, war für den Staat noch nie so billig. Wer dem Bund derzeit für zehn Jahre Geld leiht, bekommt nur 1,5 Prozent Zinsen im Jahr garantiert. Die nach wie vor als sicher geltenden Bundesanleihen sind so begehrt, dass Investoren bei einigen Papieren sogar eine Prämie bezahlen. Weil der Bund jährlich rund ein Fünftel seiner Schulden in Höhe von 1300 Milliarden Euro durch neue Anleihen bedienen muss, schlagen sich die niedrigeren Kosten mittelfristig in den Zinsausgaben nieder.

Für 2013 werden 32,9 Milliarden Euro für Zinsen auf die Bundesschuld veranschlagt. Das ist zwar nach dem Etat für Arbeit und Soziales der zweitgrößte Posten. 2008 waren es aber noch über 40 Milliarden Euro – bei einem um fast 320 Milliarden Euro niedrigeren Schuldenberg. Damals war erwartet worden, dass die Zinsausgaben des Bundes bis 2012 auf über 47 Milliarden Euro steigen würden. Die Schätzung lag also um rund 14 Milliarden Euro daneben.

Sollte sich die Situation ändern – weil beispielsweise die Konjunktur anzieht oder die EZB eine höhere Inflation bekämpfen muss – ist der Vorteil schnell weg: Ein Prozentpunkt höhere Zinsen kosten den Bund mittlerweile 13 Milliarden Euro mehr.

Die Hausbauer: Immer mehr Bürger und Investoren haben angesichts der niedrigen Zinsen Lust auf die eigenen vier Wände und das Bauen. Und weil es an den Börsen kaum lukrative Alternativen gibt, ist "Betongold" wieder in Mode: "Die Beschäftigung ist gut, die Einkommen sind hoch und die Finanzierungskosten niedrig", sagt Andreas Geyer, Chefvolkswirt des mittelständischen Bauverbandes ZDB.

Der Umsatz im Wohnungsbau ist derzeit der größte Wachstumstreiber der Baubranche. Für diese Sparte erwartet der ZDB 2012 fast sieben Prozent mehr Erlöse. Für nächstes Jahr wird ein Plus von vier bis sechs Prozent erwartet. Im Zuge des Immobilien-Booms ziehen die Genehmigungen deutlich an. Die Behörden gaben in den ersten neun Monaten grünes Licht für den Bau von 178.000 Wohnungen – plus 6,2 Prozent zum Vorjahr.

Häuslebauer oder -käufer können ihr neues Eigentum derzeit zu einem Zins von etwa 2,5 Prozent finanzieren. Die Nachfrage ist so groß, dass schon darüber diskutiert wird, ob es eine Immobilien-Blase gibt, auch wenn die Fundamentaldaten derzeit dagegen sprechen. In den USA und Spanien war eine solche Blase geplatzt und hatte schwere Verwerfungen ausgelöst. Vor allem in den deutschen Großstädten ziehen die Preise für Eigentumswohnungen – das ist die Kehrseite der starken Nachfrage - massiv an. Von 2003 bis 2011 betrug das Plus in Berlin 39 Prozent, in Hamburg 31 Prozent und in den ohnehin teuren Städten Frankfurt am Main und München noch fast 15 Prozent.

Unternehmen, die investieren wollen: Viele Konzerne nutzen momentan die Gunst der Stunde und sammeln im großen Stil Geld am Kapitalmarkt ein. Vergangene Woche hatte zum Beispiel Bilfinger über eine Anleihe mehr als 500 Millionen Euro eingenommen. Die Nominalverzinsung lag nur bei 2,375 Prozent und die Nachfrage der Investoren war zehn Mal so hoch wie das Angebot. Der Bau- und Dienstleistungskonzern will das Geld aus der ersten Firmen-Anleihe überhaupt für Zukäufe nutzen.

Bilfinger ist kein Einzelfall: Ende November hatte der Chemie-Konzern BASF mit einer Emission seine Kasse um eine Milliarde Euro gefüllt. Noch stärker deckte sich die Deutsche Post ein. Sie nahm diese Woche über Wandelanleihen und klassische Bonds rund zwei Milliarden Euro ein. Die Mittel sollen zur Finanzierung von Betriebsrenten eingesetzt werden. Die Bonner können nach der Transaktion auch damit rechnen, günstiger an Kredite zu kommen. Manche Beobachter sehen auch auf dem Anleihemarkt schon eine Blase entstehen.

Die Verlierer der niedrigen Zinsen

Die deutschen Lebensversicherer: Wie in keinem anderen Land mögen die Deutschen langfristig angelegte Altersvorsorgeprodukte. Im Schnitt hat jeder Bürger hierzulande mehr als eine Lebensversicherung, in die er oft über 30 bis 40 Jahre einzahlt und dann im Alter davon profitiert. Die Versicherer versprechen ihren Kunden auf die Policen oft eine Rendite, die mittlerweile kaum mehr einzufahren ist. Denn Staatsanleihen werfen nicht mehr wie früher vier Prozent ab. Sie sind entweder nicht mehr sicher – wie Griechenland zeigt – oder sie bringen nur noch eine Mini-Rendite wie im Fall Deutschlands, der Schweiz oder den USA. Entsprechend geraten die Versprechen der Lebensversicherer auf lange Sicht in Gefahr.

Die unter enormem Druck stehende Branche reagiert: Die Münchner-Rück -Tochter Ergo wird die sogenannte Überschussbeteiligung – also der Gewinn, der für die Versicherten abfällt – für nächstes Jahr drastisch um 0,6 Punkte auf 3,2 Prozent reduzieren. Bei Marktführer Allianz geht es 0,4 Punkte auf 3,6 Prozent nach unten. Das Problem sind Altverträge mit ihren hohen Rendite-Versprechen aus Zeiten, als an den Kapitalmärkten noch viel leichter Geld zu verdienen war.

Bei Neuverträgen beträgt der Garantiezins nur noch magere 1,75 Prozent, was es nicht leicht macht, noch Kunden anzulocken. Altersvorsorge-Experte Bert Rürup kritisiert, es sei fraglich, ob das Modell mit einem Garantiezins über die ganze Laufzeit des Vertrages noch eine Zukunft habe. Dementsprechend würden bald neuartige Produkte auf den Markt kommen, heißt es in der Branche: "Die Münchener Rück wird ihr Produktprofil 2013 ziemlich drastisch ändern", so Finanzchef Jörg Schneider.

Der Sparer: Otto Normalverbraucher, die ihr Geld bei der Sparkasse um die Ecke parken, machen oft real Verluste. Denn für Tagesgeld zahlen Banken zum Beispiel meist weniger als zwei Prozent Zinsen. Damit wird vielfach die jährliche Inflation nicht mehr ausgeglichen. Die Privatanleger müssen sich also mehr denn je mit dem Thema Kapitalmarkt und alternativen Anlagemöglichkeiten befassen, wollen sie ihr Erspartes erhalten und vermehren.

Gewinner und Verlierer der niedrigen Zinsen

Europas Banken: Die Finanzinstitute in der Euro-Zone kommen wegen des niedrigen Leitzinses auf der einen Seite besonders leicht an Geld. Gleichzeitig gibt es keine Obergrenze für das Volumen der Notenbank-Kredite. Die EZB hat den Geschäftsbanken zudem mehrfach Liquiditätshilfen in Billionen-Höhe fast zinslos zur Verfügung gestellt. Damit sollten die Institute auf ein solideres Fundament gestellt und dafür gesorgt werden, dass die Kreditvergabe an Unternehmen nicht abbricht.

Auf der anderen Seite bereiten die niedrigen Zinsen den Banken aber auch Kopfzerbrechen: Zum einen sinken die Zinsen für Kredite und andere Bankprodukte – und damit die Margen der Geldhäuser. Zum anderen verdienen sie auf der Anlageseite kaum Geld mit ihrer Liquidität. Hinzu kommt, dass die Institute wegen der labilen Kapitalmärkte einen regelrechten Kampf um die Gelder der Sparer entfacht haben. Das wiederum treibt die Einlagezinsen vielerorts nach oben, die die Banken ihren Kunden zahlen, um sie anzulocken. Das drückt ebenfalls auf die Margen.

EZB: Die Europäische Zentralbank
EZB: Die Europäische Zentralbank
Die Europäische Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt ist die Notenbank für die gemeinsame europäische Währung, den Euro.
Sie soll vor allem Preisstabilität im gemeinsamen Währungsgebiet der 17 Eurostaaten wahren.
Zudem soll sie auch die Wirtschaftspolitik unterstützen, soweit das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird.
Um die Inflation im Zaum zu halten, legt die EZB Leitzinsen fest.
Über die Zinsen entscheidet der Zentralbankrat.
Ihm gehören neben den sechs Direktoriumsmitgliedern der EZB auch die Präsidenten der 17 nationalen Zentralbanken an.
EZB-Präsident ist seit November 2011 der Italiener Mario Draghi. (dpa)
Was die EZB darf und was nicht
Was die EZB darf und was nicht
Eigentlich ist der Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) klar umrissen: Die Notenbank soll vor allem die Inflation im Zaum halten und gut 330 Millionen Bürgern in inzwischen 17 Eurostaaten eine stabile Gemeinschaftswährung sichern.
Das tut sie, indem sie Zinsen je nach Bedarf senkt oder erhöht. Doch in der Schuldenkrise in Europa sahen sich die Währungshüter zuletzt immer wieder zu Sondermaßnahmen gezwungen. Ob Aufkaufprogramm für Staatsanleihen kriselnder Euroländer oder Beteiligung am Schuldenschnitt für Athen durch die Hintertür: Die EZB sieht sich dabei innerhalb des ihr zugebilligten rechtlichen Rahmens.
Vorrangiges Ziel:
Die "Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank" hält fest: Das "vorrangige Ziel" des Eurosystems, also der EZB und der nationalen Zentralbanken der Eurostaaten, sei "die Preisstabilität zu gewährleisten". Zudem sollen die Zentralbanken "die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Union" unterstützen, "soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist".
EZB-Rat:
Der EZB-Rat kann demnach "mit der Mehrheit von zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen über die Anwendung anderer Instrumente der Geldpolitik entscheiden", die er bei Beachtung dieser Vorgaben "für zweckmäßig hält". Diesem obersten Entscheidungsgremium der Notenbank gehören die 17 Vertreter der nationalen Euro-Notenbanken an sowie das EZB-Direktorium, das aus dem EZB-Präsidenten, dem EZB-Vizepräsidenten und vier weiteren Mitgliedern besteht.
Staatsfinanzierungsausschluss:
Staatsfinanzierung mit Hilfe der Notenpresse erlauben die EU-Verträge nicht. Die "Konsolidierte Fassung des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union" legt in Artikel 123 fest:
"Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der Europäischen Zentralbank oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten (...) für (.......) Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder (........) öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken."
Unabhängigkeit:
Betont wird überdies die Unabhängigkeit der Zentralbank (Artikel 130): "Bei der Wahrnehmung der ihnen (...) übertragenen Befugnisse, Aufgaben und Pflichten darf weder die Europäische Zentralbank noch eine nationale Zentralbank (.....) Weisungen von Organen, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union, Regierungen der Mitgliedstaaten oder anderen Stellen einholen oder entgegennehmen.
Die Organe (....) der Union sowie die Regierungen der Mitgliedstaaten verpflichten sich, diesen Grundsatz zu beachten und nicht zu versuchen, die Mitglieder der Beschlussorgane der Europäischen Zentralbank oder der nationalen Zentralbanken bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu beeinflussen." (dpa)
(rtr)
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