29.06.09

Interview mit Xing-Chef Stefan Groß-Selbeck

"Wir sind die Türöffner in der Krise"

Er ist einer der bekanntesten deutschen Internetmanager: Stefan Groß-Selbeck, Chef des Online-Netzwerks Xing aus Hamburg. Sein Unternehmen wächst und sucht neue Mitarbeiter.

Von Melanie Wassink
Foto: Andreas Laible
Stefan Groß-Selbeck
Stefan Groß-Selbeck, der neue Vorstandschef von Xing, in der Hamburger Zentrale. Der heute 41-Jährige wuchs in Kiel auf, studierte Jura und VWL und war von 2004 bis 2008 Deutschland-Chef von Ebay.

Stefan Groß-Selbeck gehört zu den bekanntesten deutschen Internetmanagern. Seit Januar dieses Jahres steht der 41-Jährige an der Spitze des Online-Netzwerks Xing, dessen Gründer Lars Hinrichs zuvor überraschend aus dem Management ausgeschieden war. Xing hat in der Krise zwar wie andere Internetportale Probleme, Werbekunden zu finden. Allerdings wächst die Zahl der zahlenden Xing-Nutzer rasant. Ein Gespräch über die Zukunft des Hamburger Unternehmens, die Rolle des Internets in der Gesellschaft und die besten neuen Geschäftsideen im Netz.

Abendblatt:

Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren im Internetgeschäft, waren vor Ihrem Einstieg bei Xing Anfang dieses Jahres Geschäftsführer bei Ebay Deutschland. Wie nutzen Sie selber das Internet?

Stefan Groß-Selbeck:

Ich bin natürlich täglich auf Xing und habe mittlerweile mit meinen Kontakten die 600er-Marke überschritten. Ich hatte 70, bevor ich hier anfing. Ansonsten nutze ich das Netz intensiv, um mich zu informieren und mit anderen privat oder beruflich zu kommunizieren, aber auch zum Beispiel zum Einkaufen, etwa bei Büchern oder wenn ich etwas für meine Kinder brauche.

Abendblatt:

Eine riesige Weltkarte ziert noch immer das Großraumbüro von Xing. Sie steht für die Idee des Unternehmensgründers Lars Hinrichs, mit der Kontaktplattform Xing im Internet die Tatsache zu nutzen, dass jeder Mensch auf der Welt jeden anderen höchstens über sechs Ecken kennt. Doch bisher ist Xing vornehmlich in Deutschland erfolgreich, die angekündigte weltweite Expansion bleibt in den Kinderschuhen...

Groß-Selbeck:

Wir haben weltweit 7,5 Millionen Nutzer. Davon leben gut vier Millionen außerhalb des deutschsprachigen Raums. Neben den Kernmärkten Deutschland, Österreich und der Schweiz fokussieren wir uns auch auf die europäischen Auslandsmärkte, in denen wir Niederlassungen vor Ort haben.

Abendblatt:

Die wären?

Groß-Selbeck:

Spanien, Italien und die Türkei.

Abendblatt:

Sie verfolgen also den geplanten Einstieg in den USA oder China nicht weiter?

Groß-Selbeck:

Der Fokus liegt auf den genannten Ländern. Allein im deutschsprachigen Raum haben wir noch ein enormes Potenzial, hier wollen wir in den nächsten Jahren unsere Mitgliederzahl verdoppeln.

Abendblatt:

Sie generieren 80 Prozent ihrer Einnahmen über Mitglieder, die für eine Premiummitgliedschaft im Monat rund fünf Euro zahlen, 15 Prozent mit Stellenanzeigen und fünf Prozent mit Werbung...

Groß-Selbeck:

Ja, wobei besonders bei den deutschsprachigen Mitgliedern die Zahlungsbereitschaft sehr hoch ist. Fast jeder fünfte der 3,2 Millionen Nutzer ist Premiummitglied. Und im Stellenanzeigenmarkt konnten wir trotz der schwierigen Marktlage sogar Marktanteile hinzugewinnen.

Abendblatt:

Der Umsatz mit der Onlinewerbung ist im ersten Quartal um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gefallen, dafür ist die Zahl der zahlenden Xing-Nutzer um über 40 Prozent gestiegen. Sind Sie ein Gewinner der Krise, genau wir Kreditvermittler im Internet oder Onlineshops?

Groß-Selbeck:

Ich mag das Wort Krisengewinner zwar nicht, aber unsere Zielgruppe, die Berufstätigen, erkennt gerade in schlechteren Zeiten den Wert von Netzwerken. Auf der Suche nach Jobs, nach neuen Kunden oder Lieferanten sind persönliche Bekannte sehr häufig die besten Türöffner.

Abendblatt:

Stellen auch Sie bei Xing ein?

Groß-Selbeck:

Ja. Wir sind derzeit 240 Mitarbeiter weltweit und 200 in der Zentrale in Hamburg. Wir wollen dies in den nächsten Jahren weiter ausbauen und ich erwarte, dass wir unsere Kapazitäten sicherlich um die Hälfte erweitern werden. Momentan suchen wir vor allem Softwareentwickler.

Abendblatt:

Xing hat noch im ersten Quartal 1,68 Millionen Euro Gewinn gemacht, für viele Internetchefs ein Fremdwort. Welche Firmen werden nicht überleben?

Groß-Selbeck:

Viele, die kein robustes Geschäftsmodell vorweisen können, werden Probleme haben. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die ausschließlich auf Werbung setzen. Wer hier zu stark auf Kante genäht hat, wird es schwer haben.

Abendblatt:

Aber auch bei den Internetnetzwerken wird die Luft dünner. Sie bekommen Konkurrenz von LinkedIn, die als weltgrößter Plattformanbieter aus den USA jetzt auch nach Deutschland kommen und beispielsweise von AOL, die mit Bebo ein soziales Netzwerk starten, bei dem die Nutzer untereinander in Kontakt treten und Medien tauschen können, egal, ob sie auf Youtube, Flickr, Twitter, Facebook, Myspace oder anderen Seiten gespeichert sind.

Groß-Selbeck:

Wir nehmen jeden Wettbewerber natürlich ernst und können von ihnen lernen, wie sie auch schon von uns gelernt haben. Wenn wir unsere Plattform gut im Sinne unserer Nutzer weiterentwickeln, brauchen wir die Konkurrenz nicht zu fürchten.

Abendblatt:

Welche sind für Sie die besten neuen Geschäftsideen im Netz?

Groß-Selbeck:

Interessant ist die Echtzeitkommunikation etwa über Twitter. Auch für Xing bietet das einen interessanten neuen Aspekt. Wir haben diese Woche beispielsweise eine neue Applikation namens Twitter Buzz gelauncht, die es Mitgliedern ermöglicht, in den Kurznachrichten nach Stichworten zu filtern und sich diese direkt auf ihrer Startseite anzeigen zu lassen. Außerdem wird das mobile Internet, das in den vergangenen Jahren immer wieder angekündigt war, jetzt wirklich kommen. Bisher war die Nutzung eine Qual. Aber mit den immer besseren Endgeräten wie dem iPhone und dem neuen Blackberry macht das richtig Spaß.

Abendblatt:

Xing-Gründer Lars Hinrichs ist jetzt Mitglied des Aufsichtsrats. Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden?

Groß-Selbeck:

Lars hat das Unternehmen voll in meine Hände gegeben. Bei Bedarf steht er natürlich zur Verfügung. Ich habe großen Respekt vor Lars. Es ist enorm, was er aufgebaut hat, aber es nötigt mir fast noch mehr Respekt ab, wie er den Übergang von der Gründerposition zu der Aufsichtsratstätigkeit meistert.

Abendblatt:

Wie unterscheiden sich Ihre Führungsstile?

Groß-Selbeck:

Ich habe für Lars nie gearbeitet und kann daher nur meinen Führungsstil beschreiben: Ich bin sehr teamorientiert und für eine offene, transparente Diskussion. Am Ende des Tages müssen aber auch klare Entscheidungen getroffen werden und als analytischer Mensch erwarte ich, dass diesen Entscheidungen Zahlen zugrunde gelegt werden.

Abendblatt:

Welches ist die größte Herausforderung für Sie als Chef von Xing?

Groß-Selbeck:

Ein stark wachsendes Unternehmen hat die Eigenschaft, dass die vielen kreativen Mitarbeiter mehr Ideen haben als umgesetzt werden können. Man muss die besten Ideen aussuchen und entscheiden, welche man nicht umsetzt. Das frustriert zwar die Leute manchmal. Aber man muss eine Organisation nun mal auf wenige Dinge fokussieren, wenn man in dem was man anbietet zu den besten zählen will. Letztendlich unterscheidet das die erfolgreichen Unternehmen von den anderen.

Abendblatt:

Was reizt Sie noch immer am Internet?

Groß-Selbeck:

Im Internet können Sie neue Applikationen sehr schnell entwickeln und verbreiten. Mit einem Businessnetzwerk haben Sie zudem einen großen Einfluss auf viele Menschen, das ist etwas anderes, als wenn Sie ein beliebiges Waschpulver verkaufen. Sie machen etwas, das die Menschen wirklich beschäftigt. Das fasziniert mich noch immer sehr.

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