21.01.13

Zweifelhaftes Schönheitsideal

Gesetz gegen Schlankheitswahn: Israel verbannt Magermodels

Weltweit einzigartiges Gesetz. Frauen müssen einen Body-Mass-Index von 18,5 vorweisen, wenn sie in der Branche arbeiten.

Von Ulrike Schleicher
Foto: dpa
Israel bannt Mager-Models
"Knochen sind für Hunde. Männer lieben Fleisch" - mit diesem Plakat kämpft ein Fotograf gegen Magersucht

Tel Aviv. Als Hila Elmalich mit 33 Jahren starb, wog sie nur noch 22 Kilogramm. Magersucht wurde dem einst so erfolgreichen israelischen Model zum Verhängnis. Der international bekannte Modefotograf Adi Barkan, 53, verbrachte Wochen an ihrem Krankenbett. Sie starb in seinen Armen.

Jetzt kann der Israeli aufatmen. Ein einzigartiges Gesetz soll den Schlankheitswahn stoppen. Zumindest in seinem Land. Seit Januar in Kraft, verbietet es untergewichtigen Models die Arbeit. Auch Fotografen, Agenturen und Magazine werden in Verantwortung genommen. Israel ist damit das einzige Land weltweit, das mit einem solchen Gesetz gegen die makabren Wunschvorstellungen einer ganzen Industrie vorgeht.

In anderen Ländern wird es immer noch der Branche selbst überlassen, wie sie damit umgeht. So haben sich etwa in Frankreich, Italien, Spanien und auch Deutschland einzelne Verbände, Designer und Veranstalter von Modewochen Selbstverpflichtungen auferlegt und untergewichtige Models verbannt. Auch die Magazine "Vogue" und "Brigitte" haben zugesagt, auf Magermodels zu verzichten. Viele Modeschauen in Paris, London und New York setzen aber nach wie vor auf Models, deren Markenzeichen ausgemergelte Körper sind. "Das sind keine Frauen, sondern Marionetten", urteilt Adi Barkan, seit 1998 Inhaber einer Modelagentur in Tel Aviv.

Er findet den Schlankheitswahn gefährlich: "Es gibt einen Unterschied zwischen dünn und zu dünn: Das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod." Barkan weiß, wovon er spricht. Mit Schrecken musste er mit ansehen, wie die Models international immer dünner wurden. "Vor 15 bis 20 Jahren haben wir Modelle in Kleidergröße 38 fotografiert." Wenig später sei 32 das Mindeste gewesen, und heute sei selbst Größe 24 nichts Ungewöhnliches mehr.

Vor rund drei Jahren hat Barkan deshalb mit der Unterstützung von Rachel Adatto und Danny Danon, zwei Abgeordneten der Knesset, eine Gesetzesinitiative gestartet. Demnach sollen Models mindestens den von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Body-Mass-Index (BMI, Körpergewicht geteilt durch die Größe im Quadrat) 18,5 haben, andernfalls können Fotos von ihnen nicht zu kommerziellen Zwecken veröffentlicht werden. Zum Vergleich: Eine 55 Kilo schwere Frau käme bei einer Körpergröße von 1,70 Meter dann auf einen BMI von 19 - also gerade noch innerhalb der Norm. Ein Attest, das alle drei Monate vom Arzt erstellt wird, dient als Nachweis. Arbeitgeber in der Modeindustrie sind verpflichtet, nur solche Models zu beschäftigen. Andernfalls droht ihnen eine empfindliche Geldstrafe. Werden Fotos manipuliert, muss darauf hingewiesen werden. Das alles gilt auch für Modefirmen aus dem Ausland.

Das Gesetz musste unanfechtbar formuliert werden, erläutert die Abgeordnete und Ärztin Adatto. "Es ging schlicht um freiheitliche, demokratische Grundrechte, die wir damit berühren." Zum Beispiel darum, dass Arbeitgeber ihre Ansprüche an ihre Arbeitnehmer selbst festlegen können. Zudem sei das Gewicht ganz einfach eine persönliche Angelegenheit. Ihr Ziel war auch, den Zusammenhang zwischen dem krank machenden Schönheitsideal der Modeindustrie und magersüchtigen Teenagern herzustellen. "Das Gesetz ist ein Anfang, Kinder und Jugendliche zu schützen." In Israel sterben jährlich rund 35 Menschen an Anorexie (Magersucht), und laut Gesundheitsministerium werden jährlich bei etwa 1500 Kindern und Jugendlichen Essstörungen diagnostiziert. Mit 30 Prozent ist die Zahl der Teenager, die sich zu dick finden und Diäten machen, höher als im internationalen Vergleich.

Dass die Mädchen alles tun, um in einer Modelagentur gelistet zu werden, hat Barkan, Vater einer 13 Jahre alten Tochter, oft genug selbst erlebt: "Weil es die Agenturen verlangen, nehmen sie noch mal ein paar Kilo ab - obwohl sie schon dünn sind."

Sein Engagement gegen Magersucht bringt Erkan auch Kritik ein - von Kollegen und von bekannten Models in Israel wie Adi Neumann, 31. Sie nannte das Gesetz sinnlos, weil man es umgehen könne: "Ich kann mich auf das gewünschte Gewicht bringen, indem ich vor dem Wiegen einfach Wasser trinke." Und weil es Frauen wie sie selbst gebe, die von Natur aus sehr schlank seien und den BMI nicht erreichten. Besser wäre ein Attest, das den Gesundheitszustand widerspiegle. Medizinerin Adatto widerspricht: "Weniger als fünf Prozent aller Frauen sind von Natur aus so dünn. Wir wollen nicht nur die rund 300 in Israel arbeitenden Models schützen, sondern vor allem gegen die Magersucht und falschen Idealvorstellungen bei Jugendlichen vorgehen."

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