18.01.13

Hamburger Autorin

Mehr Selbstbewusstsein im Alter: Grau ist das bessere Blond

Die Hamburger Autorin Sabine Reichel plädiert für mehr Mut beim Älterwerden und hat ein Buch über dieses Thema geschrieben.

Von Jenny Bauer
Foto: HA/A.Laible
Aus Blond wurde Grau. Sabine Reichel plädiert dafür, die natürliche Haarfarbe zuzulassen
Aus Blond wurde Grau. Sabine Reichel plädiert dafür, die natürliche Haarfarbe zuzulassen

Harvestehude. An der Wohnungstür klebt ein kleiner Aufkleber in Form eines amerikanischen Straßenschilds. "Route 66" steht darauf. Das passt, denn hinter der Tür lebt Sabine Reichel. Mit Mitte 20 war sie auf der berüchtigten Straße mit dem Rocker-Image unterwegs. "Das war eine tolle Zeit", sagt sie mit Nostalgie, aber ohne Wehmut in der Stimme. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, warum der Sticker am Eingang zu ihrem Heim perfekt passt: ihr Alter. Reichel ist 66. Wer danach fragt, bekommt diese Auskunft umgehend - ohne peinliches Herumdrucksen. "Ich akzeptiere die Realität des Älterwerdens", sagt sie.

"Grau ist great - mit Stolz und Stil in ein neues Leben" heißt Reichels Buch, das seit Anfang der Woche erhältlich ist. Silver Surfers, Graue Füchse und Silverellas - es gibt viele Bezeichnungen für altersbedingte Grauköpfe. Trotzdem sind Frauen, die stolz mit Silbermähne durch die Straßen flanieren, noch weitaus seltener als jene, die Monat für Monat nachfärben, um die Mär vom ewigen Brünett nicht auffliegen zu lassen.

Reichel sieht sich nicht als Missionarin. "Ich plädiere nur für mehr Mut zur natürlichen Haarfarbe", sagt sie. "Denn Grau ist schick, lässig und cool." Und sogar sexy. Reichel ist Single und weiß es aus Erfahrung. Vielen Männern gefalle ihr grauer Schopf ausgesprochen gut, sagt sie. "Wir sollten dem Schönheitsdiktat und diesem ständigen Jugendwahn endlich mal die Stirn bieten", so Reichels Aufforderung. Sie finde die Realität weitaus anziehender. Ihr ist bewusst, dass jeder Lebensabschnitt seine Vor- und Nachteile hat. "Ich bin eben nicht mehr das junge hübsche Ding von damals - und auch innerlich nicht mehr die Person, die ich mal war." Die Frage sei nur: "Ist das wirklich so schlimm?"

Reichel wurde in Wandsbek geboren und wohnte dort die ersten Lebensjahre. Später zog die Familie nach Rahlstedt. Gerade in der Jugend war das Vorstadtleben "der Horror" für das Mädchen mit dem großen Freiheitsdrang. In Reichels Wohnzimmer hängen Fotos von Urlauben auf Mallorca. Das schwarz-weiß gestreifte Minikleid ist so mini, dass es schon fast als T-Shirt durchgeht. Die langen Haare wehen im Wind, die Lippen sehen irgendwie weißlich aus. "Das fanden wir damals todschick", kommentiert Reichel das Bild. Heute trägt sie einen kräftigen Brombeerton - das passt besser zu grauem Haar.

Reichel arbeitete damals hin und wieder als Model, parallel dazu als Reporterin beim "Hamburger Abendecho" und später bei der "Bild am Sonntag". Privat erforschte sie das Kommunenleben und ging viel auf Demos. "Ich bin noch immer sehr feministisch und eine Verfechterin der freiheitsliebenden Rebellion", sagt Reichel. Die Sache mit dem grauen Haar gehört dazu. "Ich muss ich sein dürfen. Das sollte drin sein im Leben - fast schon wie ein Grundrecht."

Häufig hört sie von Frauen, dass sie ihr Haar aus Jobgründen färben. Die Firmen wollten junge, dynamische Mitarbeiter. Liegt der Fehler also eigentlich bei der Gesellschaft? Ein Stück weit ja, findet Reichel. "Aber manchmal überschätzen Frauen die Thematik auch und am Ende passiert nichts, wenn sie grau ins Büro kommen." Und selbst wenn das Feedback negativ ausfällt, sei das kein Grund nachzugeben - oder in diesem Fall nachzufärben. "Man ändert die Dinge, die in der Gesellschaft falsch laufen, ja vor allem, indem man es anders macht."

1967 wagte Reichel einen großen Schritt und wanderte mit nur einem Koffer nach New York aus, später zog sie nach Los Angeles, arbeitete als Designerin, Autorin und Journalistin. 2006 kam sie aus Amerika - dem verfärbtesten Land der Welt, wie sie sagt - zurück nach Deutschland.

Etwa zu dieser Zeit hatte sich auch der Alterungsprozess auf ihrem Kopf vollzogen und aus Dunkelblond war komplett Grau geworden.

Nicht eine Sekunde habe sie daran gedacht, ihre Haare zu färben, sagt Reichel. Nicht weil sie es grundlegend verurteilt, sondern weil es sich nicht stimmig anfühlte. Als Jugendliche hatte sie - wie viele - mit Farben herumexperimentiert, einmal sogar mit Henna. "Aber das entsprach auch diesem typisch jugendlichen Wunsch, jemand anders sein zu wollen." Vielleicht ist genau das der Unterschied: Reichel ist mit 66 Jahren als Persönlichkeit gefestigt. All die Erlebnisse der letzten Jahre, all die Abenteuer und all der Stress, der sprichwörtlich für graues Haar verantwortlich sein soll, haben sie geprägt. Sie will sich nicht mehr übertünchen, sie will sein, wie sie ist.

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