Nationalmannschaft

Bender darf mit zur EM - So bluffte Bundestrainer Löw

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Am Montag verteilte Fußball-Bundestrainer Joachim Löw die 23 EM-Tickets. Marc-Andre ter Stegen, Julian Draxler, Sven Bender und Cacau werden bei der Endrunde in Polen und der Ukraine fehlen. Dafür steht Lars Bender (Bayer Leverkusen) überraschend im Kader.

Tourrettes. Die acht Wackelkandidaten lebten nur bis zum Pfingstmontag zwischen Hoffen und Bangen, dann wurde die Anspannung durch Freude und Frust ersetzt. Torhüter Marc-Andre ter Stegen, Cacau, Julian Draxler und Sven Bender mussten enttäuscht nach Hause reisen. Lars Bender, Marcel Schmelzer, Ilkay Gündogan und Keeper Ron-Robert Zieler konnten jubeln - sie stehen im endültigen Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für die EM-Endrunde in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli).

+++ Heilsamer Schock +++

Wenn der vorletzte EM-Test in der Schweiz der Maßstab gewesen wäre, dann hätte der halbe Kader den Bannstrahl von Joachim Löw fürchten müssen. Da die schwache Leistung des kompletten Teams beim 3:5 (1:2) in Basel aber nur ein Aspekt in den Überlegungen des Bundestrainers war, gab es keine Überraschungen bei der Nominierung des 23-köpfigen Endrunden-Aufgebots, das am Dienstag um 12.00 Uhr der Europäischen Fußball-Union (UEFA) vorliegen muss.

Löw, am 7. Mai insgesamt 27 Spieler in seinen vorläufigen Kader berufen hatte, gab seine Entscheidung völlig überraschend schon am Montag um 17.30 Uhr im Trainingslager der deutschen Auswahl im südfranzösischen Tourrettes bekannt. Das ausgemusterte Quartett trat im Lauf des Tages die Heimreise an und nahm am Montagnachmittag schon nicht mehr am Training teil. Die Entscheidung wurde den Aussortierten in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt.

Immerhin hatte der Bundestrainer, der mit seinem endgültigen Kader in die EM-Generalprobe am Donnerstag in Leipzig gegen Israel (20.30 Uhr/ARD) und das erste Endrunden-Spiel am 9. Juni in Lwiw gegen Portugal geht, schon vor seiner Entscheidung einen Trost für die von der Ausmusterung betroffen Spieler parat. Die Aussortierten dürfen sich berechtigte Hoffnungen darauf machen, nach der Endrunde wieder eine Rolle in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu spielen.

"Für manche war das Trainingslager eine große Chance für die Zukunft. Ich kann mir gut vorstellen, dass das eine gute Schule war", sagte Löw, der die eher geringe Bedeutung des Schweiz-Spiels für seine Entscheidung noch einmal betonte: "Das war kein individuelles Schaulaufen. Ich wollte sehen, was der Einzelne dem Team bringen kann. Einzelne Spieler aufgrund einer Situation, eines Spiels, eines Kurzeinsatzes zu bewerten, wäre völlig falsch."

Trotz der Versprechungen Löws auf eine Zukunft der Aussortierten in der deutschen Auswahl hat die Vergangenheit gezeigt, dass ein Karriereknick nicht ausgeschlossen ist. Bisher wurden Marko Marin, Patrick Helmes und Jermaine Jones (vor der EM 2008) sowie Andreas Beck (vor der WM 2010) von Löw gestrichen - alle vier Profis spielen derzeit keine Rolle mehr im Nationalteam.

Die Ausgemusterten hoffen auf ein anderes Schicksal. "Natürlich bin ich enttäuscht. Dennoch waren die Tage im Kreis der Nationalmannschaft für mich eine interessante Erfahrung", sagte ter Stegen. Ähnlich äußerte sich Bender. "Ich nehme jedoch viele wichtige Eindrücke mit, die für meine weitere sportliche Entwicklung wertvoll sein werden", sagte der Dortmunder: "Gleichzeitig freue ich mich für meinen Bruder Lars, dass er bei der EM dabei sein wird."

Jungstar Draxler sieht bereits die Teilnahme an der Vorbereitung als Gewinn an. "Die Einladung in den erweiterten EM-Kader war für mich schon ein Riesenerfolg", sagte der 18 Jahre alte Schalker. Anders sah es Cacau, dessen Streichung die größte Überraschung war. "Es war mein großes Ziel, nach der WM in Südafrika auch bei der EM 2012 für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen zu dürfen", sagte der Stuttgarter: "Wie die jüngeren Spieler bin auch ich enttäuscht, aber ich fühle mich weiterhin als Teil der Mannschaft."

Bei Sven Bender war nach einer von zwei schweren Gesichtsverletzungen unterbrochenen Saison in Dortmund ausschlaggebend, dass er auch zuletzt unter Jürgen Klopp nicht erste Wahl war. Für ihn spielte Ilkay Gündogan in der Rückrunde groß auf, der auch im Trainingslager sehr gute Leistungen abrief und damit den Sprung vom 27 Spieler umfassenden vorläufigen Aufgebot in Löws EM-Auswahl schaffte. Statt Sven blieb sein Zwillingsbruder Lars im Kader, den Löw auch als Aushilfe für den rechten Verteidigerposten vorgesehen hat. Die Nominierung kam trotzdem überraschend. Gegen die Schweiz liefen Draxler, Sven und Lars Bender sowie ter Stegen mit den Rückennummern 24 bis 27 auf. Experten hatten damit gerechnet, dass der Bundestrainer diese vier Akteure in den Urlaub schickt.

Mit Material von sid und dapd

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