04.02.13

Boxen

Wegner und Sturm schäumen nach den Urteilen vor Wut

Die Kämpfe der Altmeister Felix Sturm und Jürgen Brähmer werden von unnötigen Diskussionen über die Punkturteile überschattet.

Von Andreas Hardt und Björn Jensen
Foto: pa/Sven Simon
Boxen / Firat ARSLAN vs. Marco HUCK
Trainer Ulli Wegner sorgte nach dem Punktsieg Jürgen Brähmers für Diskussionen

Düsseldorf/Berlin. Rot war sein Gesicht, halb voll die Flasche Radeberger Pilsener, die er wie üblich aufs Pressekonferenz-Podium mitgebracht hatte, und dass es in Ulli Wegner brodelte, wurde spätestens deutlich, als er das Mikrofon gereicht bekam. Auf die harmlose Frage, wie er die Leistung seines entthronten Halbschwergewichts-Europameisters Eduard Gutknecht bei der einstimmigen Punktniederlage gegen Ex-Weltmeister Jürgen Brähmer bewerte, ließ sich der 70 Jahre alte Cheftrainer des Berliner Sauerland-Stalls in der Nacht zu Sonntag in der Max-Schmeling-Halle zu einer Verschwörungstirade hinreißen, die im deutschen Boxen ihresgleichen sucht.

Er wolle nicht über das Urteil diskutieren, sagte Wegner - und tat genau das, indem er Promoter Kalle Sauerland, der drei Plätze neben ihm auf dem Podium saß, unterstellte, sein Schützling hätte nur durch Knock-out gewinnen können. Sauerlands Erklärung, dass ein Sieger Gutknecht ebenso als Pflichtherausforderer beim Weltverband WBO eine sofortige WM-Chance erhalten hätte, wie sie nun Brähmer bekommt, kanzelte Wegner in völlig unangemessener Form ab. "Ich bin 40 Jahre im Geschäft. Was willst du mir denn erzählen, Kalle? Lies doch mal meine Biografie!" Einem normalen Arbeitnehmer, der seinem Chef öffentlich derart die Leviten liest, würde mindestens eine Abmahnung blühen.

Kalle Sauerland kündigte ein baldiges Gespräch mit Wegner an, der am Sonntag seine Aussagen verteidigte ("Es war richtig, dass ich das angesprochen habe"). Offenkundig ist, dass ein Generationskonflikt entbrannt ist. Wegner ist ein Feind von stallinternen Duellen, die Kalle Sauerland bestreiten lässt, wenn sie sinnvoll sind. Wegner hatte sich schon im Februar 2012 darüber erregt, dass Marco Huck gegen Schwergewichtschampion Alexander Powetkin antreten musste. Unternehmensgründer Wilfried Sauerland war dem Duell Brähmer - Gutknecht ferngeblieben, weil er keine Lust auf die Diskussion mit Wegner verspürte, ließ aber mitteilen, er habe Brähmer als verdienten Sieger gesehen. Tatsächlich zweifelte kaum ein Experte die Rechtmäßigkeit von Brähmers Sieg an. Zwar hatte der 34 Jahre alte Schweriner zum Ende des Kampfes seine Linie verloren und gezeigt, dass ihm zur WM-Reife nach zehn Monaten Pause noch Kampfpraxis und Konzentrationsausdauer fehlen.

Dass er gegen den teils unsauber kämpfenden Gifhorner Gutknecht jedoch dank seiner Schnelligkeit und guter Treffer aus der Distanz verdient siegte, hätte auch Wegner anerkennen müssen. Die Wertungen 117:110 und 116:111 waren zu hoch, 114:113 traf es genauer. Doch Wegner war schon während des Kampfes Argumenten nicht zugänglich, er diskutierte und schimpfte in jeder Rundenpause und zementierte damit einen Eindruck, der sich seit vielen Monaten aufdrängt: dass es ihm mehr um Selbstinszenierung geht als um das sportliche Fortkommen seiner Boxer.

Dass hinter vorgehaltener Hand schon länger über die Arbeit des Mecklenburgers gelästert wird, vergrößert Sauerlands Problem noch. Bleibt Wegners Attacke ungestraft, ist das ein Zeichen dafür, dass man ihn intern nicht mehr ernst nimmt. Mahnt man ihn ab oder entlässt ihn gar, ist eine schmutzige Scheidung zu befürchten. "Dann gehe ich eben in Rente", sagte Wegner. Angesichts der Diskussionen um die jüngsten Huck-Kämpfe, als Sauerland von der Konkurrenz Einflussnahme auf Punktrichter vorgeworfen wurde, hat er mit seiner Tirade dem Boxen im Allgemeinen und seinem Stall im Besonderen schweren Schaden zugefügt.

Unter dem Eindruck dieser Diskussion wiegen auch die Anschuldigungen schwer, die Felix Sturm und sein Trainer Fritz Sdunek in der Nacht zuvor in Düsseldorf erhoben hatten. Der frühere Mittelgewichtsweltmeister hatte gegen den Australier Sam Soliman eine überraschende Punktniederlage einstecken müssen, die ihm seinen Weg zu einer erneuten WM-Chance verbaut. Während Sdunek anschließend von einem "krassen Fehlurteil" sprach, erneuerte Sturm seine schon nach der vorangegangenen Niederlage gegen Solimans Landsmann Daniel Geale erhobene Kritik an den Weltverbänden, die gegen ihn seien. "Das Urteil war für mich wieder ein Zeichen, dass man mich auf keinen Fall wieder nach oben kommen lassen möchte", sagte er.

Tatsächlich hätte man Sturm, der die klareren Treffer landete, den Sieg zusprechen können, ein Fehlurteil jedoch war nur die Wertung von 116:111. Die beiden Punktrichter, die Soliman 114:113 vorne gesehen hatten, werteten die Aktivität höher, und das war angesichts einer Schlagstatistik von 954:349 und einer Trefferzahl von 225:98 zugunsten Solimans durchaus nicht verwerflich. Sturm musste sich vorwerfen lassen, dass er versäumt hatte, Soliman unter Druck zu setzen, nachdem er ihn in Runde zwei zu Boden geschlagen hatte. Der 34 Jahre alte Wahl-Kölner wirkte körperlich müde, taktisch eindimensional und verfestigte den Eindruck, seine beste Zeit hinter sich zu haben.

Problematisch ist für Sturm, der sich seit Sommer 2010 in Eigenregie vermarktet, aber vor allem sein Verhältnis zu den Weltverbänden, das er sich durch seine Aussagen verdorben hat. "Wir müssen uns breiter machen und mehr Lobbyarbeit betreiben", gab er immerhin zu. Selbsterkenntnis ist ein Schritt auf dem Weg zur Besserung, den auch Ulli Wegner gehen sollte.

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