20.01.13

Doping-Beichte

Armstrong-Opfer hegen große Zweifel am reuigen Sünder

Die enorme Dominanz von Armstrong hat zerbrochene Karrieren und tief verletzte Menschen hinterlassen. Dennoch könnten ihm manche vergeben.

Von Stefan Tabeling
Foto: REUTERS/ZGBZGH
Lance Armstrong sorgte mit seiner Doping-Beichte für Aufsehen
Lance Armstrong sorgte mit seiner Doping-Beichte für Aufsehen

Berlin. Der "Tyrann" Lance Armstrong hat vor großem TV-Publikum "Sorry" gesagt, doch wahre Reue nehmen ihm seine einstigen Opfer nicht ab. "Er hat mir so geschadet. Ich weiß nicht, ob ich ihm jemals vergeben kann", sagte der italienische Ex-Radprofi Filippo Simeoni, der sich den Zorn des unerbittlichen Dominators zugezogen hatte, als er im Prozess gegen den mit Armstrong eng verbandelten Dopingarzt Michele Ferrari ausgesagt hatte.

Nicht nur Simeoni wirft Armstrong Kalkül vor, auch der dreimalige Sieger der Tour de France Greg LeMond traut seinem Landsmann nicht über den Weg. "Ich sehe nicht die Reue von einem, dem es wirklich leidtut. Im Interview hat sich der richtige Armstrong gezeigt. Die Zuschauer konnten sehen, dass er nichts bereut", sagte der inzwischen wieder einzige Toursieger aus den USA, der schon seit Jahren mit Armstrong über Kreuz liegt, bei "Cyclingnews.com".

Ihren Ursprung hatte die Dauerfehde 2001 gefunden, als LeMond sich zu Ferrari geäußert hatte. Daraufhin soll Armstrong versucht haben, LeMond mit all seinen Beziehungen zu diskreditieren und finanziell zu schaden. Trotzdem wäre LeMond bereit, Armstrong zu verzeihen. "Ich bin der Meinung, dass jeder eine zweite Chance verdient hat, aber ich bin nicht überzeugt." Armstrongs Anwälte scheuten in einem Prozess nicht, intimste Geheimnisse über LeMond, der als Kind missbraucht worden war, vor der Öffentlichkeit auszubreiten.

Auch Ex-Profi Christophe Bassons würde den Telefonhörer nicht auflegen, sollte sich der entthronte Tour-Rekordsieger am anderen Ende melden. Gleichwohl spricht der einst unter dem Bannstrahl von Armstrong zerbrochene Franzose von einem "Geständnis zweiter Klasse". Bassons hatte während der Tour 1999 eine Zeitungskolumne zum leidigen Doping-Thema geschrieben und war daraufhin von Armstrong als Nestbeschmutzer ausgemacht worden. Der Texaner hatte ihm während einer Tour-Etappe vor laufenden TV-Kameras die Leviten gelesen. Bassons hatte fortan keine Freunde mehr im Peloton, zwei Jahre später beendete er mit nur 27 Jahren seine Karriere.

"Er ist nicht komplett ehrlich. Er hat Dinge zugegeben, um gleichzeitig den Rest zu vermeiden. Ich glaube ihm nicht, dass er nach 2009 nichts genommen hat", sagte Bassons der Nachrichtenagentur AP und steht damit nicht alleine. Ein großes Versprechen an seine Ex-Frau Kristin sei es gewesen, in der zweiten Karriere "sauber" zu fahren, sagte Armstrong. Ein Statement, das im krassen Widerspruch zu den Ausführungen von Travis Tygart, dem Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA, steht. Tygart hatte im Sommer bekräftigt, positive Proben Armstrongs von 2009 und 2010 vorliegen zu haben.

So spricht auch Simeoni nur von einem "eigennützigen Geständnis" seines früheren Widersachers, um das Image aufzupolieren. Ein Image, das 2004 noch in bester Ordnung war. Damals hatte Armstrong bei der Tour einen Ausreißversuch einer Fluchtgruppe, in der sich Simeoni befand, höchstpersönlich unterbunden und seine Macht im Gelben Trikot demonstriert. "Ich war ein Tyrann, wenn mir nicht gefiel, was jemand gesagt hat, oder jemand nicht loyal war. Ich wollte die ganze Geschichte kontrollieren", sagte Armstrong bei seinem TV-Auftritt.

Macht, die er auch ausspielte, als es nach Dopinganschuldigungen von Betsy Andreu zu einem Prozess kam. Die Frau des früheren Teamkollegen Frankie Andreu hatte behauptet, dass Armstrong während einer Untersuchung im Krankenhaus 1996 die Einnahme von EPO und anderen Dopingmitteln gestanden habe. Als "rachsüchtig, verbittert und neidisch" hatte "Mr. Allmächtig" damals Betsy Andreu verunglimpft und jahrelang am Anrufbeantworter beschimpft.

Umso verwunderter war Frankie Andreu, dass sich Armstrong einige Tage vor dem Interview bei ihm meldete und sich entschuldigte. Auch die frühere Masseurin Emma O'Reilly, die im Buch "L.A. Confidential" des Enthüllungsjournalisten David Walsh als Kronzeugin auftrat, wurde vom Texaner kontaktiert.

Die USADA-Kronzeugen Floyd Landis und Tyler Hamilton wurden wahlweise als "nicht zurechnungsfähig", "berechnend", auf jeden Fall "notorisch unglaubwürdig" bezeichnet. Als er Hamilton im Juni 2011 in einem Restaurant in Aspen traf, prophezeite ihm ein völlig aufgebrachter Armstrong "die Hölle auf Erden". "Ich bin aus Colorado weggezogen. Colorado ist zu nah an Texas, und Texas ist Armstrong-Country", sagte der geständige Doper Hamilton dem "Stern".

Armstrongs Doping-Beichte

Ex-Radprofi Lance Armstrong gesteht in einem am 18. Januar ausgestrahlten TV-Interview umfassend Doping bei seinen sieben Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005. Die wichtigsten Aussagen des Gesprächs ...

"Ich betrachte das als eine große Lüge, die ich sehr häufig wiederholt habe. Wahrscheinlich ist es für die meisten Leute zu spät, und das ist mein Fehler. Diese Episode meines Lebens ist geprägt von Respektlosigkeiten. Der Sport zahlt jetzt den Preis dafür. Das tut mir leid."

"Mein Cocktail bestand aus EPO, Transfusionen und Testosteron."

"Meiner Meinung nach war es in dieser Generation nicht möglich, ohne Doping zu gewinnen."

"Bei meinen Tour-Siegen wusste ich, dass ich gewinnen werde. Das war beängstigend."

"Diese Geschichte ist nicht wahr, es gab dort keinen positiven Test. Ich bin kein Fan der UCI, aber das ist nicht passiert." (Lance Armstrong zur Frage nach einer Geldspende an den Radsport-Weltverband UCI, deren Zweck die Verschleierung einer vermeintlichen positiven Dopingprobe bei der Tour de Suisse 2001 gewesen sein soll)

"Ich war ein Typ, der alles unter Kontrolle haben musste. Das ist unentschuldbar."

"Ich hatte den unbändigen Willen, zu siegen. Diese Arroganz, ich kann sie nicht leugnen."

"Ich sehe die Wut und die Enttäuschung der Leute, die mich unterstützt und mir geglaubt haben. Sie haben das Recht, sich betrogen zu fühlen. Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, das Vertrauen zurückzugewinnen."

"Ich habe keinen Kredit, aber ich liebe den Radsport, ich weiß, das klingt für viele Leute respektlos. Wenn man mich einlädt, bin ich dazu bereit." (Lance Armstrong auf die Frage zu seiner Kooperationsbereitschaft im Anti-Doping-Kampf)

"Das letzte Mal, als ich die Grenze zum Doping überschritten habe, war 2005. Bei meinem Comeback war ich sauber."

Reaktionen zur Armstrong-Beichte

Pat McQuaid (Präsident des Weltverbandes UCI): "Das war ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg, den Schaden zu reparieren, den der Radsport erlitten hat, und um das Vertrauen in den Sport zurückzugewinnen. Es war verstörend, ihn zu sehen, diese Litanei von Verstößen ... Darüber hinaus hat Lance Armstrong völlig zutreffend gesagt, dass der Radsport heute ein völlig anderer Sport ist als vor zehn Jahren ... Wir haben zur Kenntnis genommen, dass Armstrong an einem Prozess der Wahrheitsfindung teilnehmen will. Das begrüßen wir."

Rolf Aldag (Ex-Profi, Sportlicher Leiter Quickstep): "Er hat nicht rumgeeiert, er steht zu seiner Entscheidung und seiner Geschichte. Das Entscheidende ist aber, dass es nach dem Interview einen dritten Teil gibt, den, wo es um Aufklärung und Erneuerung geht. Es war ein Anfang für ihn, aber er muss jetzt dranbleiben."

Jens Voigt (Radprofi): "Er hat sich selbst in eine Ecke gedrängt und hatte keine andere Wahl. Er hat immer 'Nein, nein, nein' gesagt, aber seine einzige Option, wieder in ein normales Leben zurückzukehren, war es, aufzustehen und mit allem auszupacken. Ich denke, es war eine große Belastung für ihn, und deshalb glaube ich, dass er jetzt sehr erleichtert ist. Er wurde jetzt genug bestraft, denn er kämpft wirklich. Ich glaube, er fühlt, dass sich sein Leben jetzt verändert hat. Für mich ist es wichtig, dass er reinen Tisch gemacht hat. Es würde helfen, die Quellen dahinter zu stoppen, so dass Medikamente nicht mehr von den gleichen Leuten kommen können. Aber ich denke auch, dass es jetzt zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Organisationen kommen wird. Ich glaube, dass Usada, Wada und alle anderen Doping-Behörden an dieser Sache zusammenarbeiten werden, so dass es noch nicht vorbei ist."

Sylvia Schenk (Transparency International): "Er hat nur das bestätigt, was längst auf dem Tisch lag. Es war ein letztes Zugeben, kein Geständnis. Der Radsport ist befallen von einem Krebsgeschwür, das derart metastasiert ist, dass jeder Mensch schon lange daran gestorben wäre. Der Radsport braucht drei, vier, fünf Jahre lang drastische Maßnahmen, um wieder Glaubwürdigkeit herzustellen."

Michael Lehner (Sportrechtsexperte): "Ich sehe keine großen Ansatzpunkte für weitere rechtliche Folgen. Armstrong hat sich sehr bedeckt gehalten. Er war sehr vorsichtig. Nichts ist aufgeklärt worden. Das hat man alles gewusst, es waren nur wenige Details. Die Frage ist, wie breche ich die Strukturen auf? Wie konnte es dazu kommen? Ein Neuanfang geht nur mit einer neuen Mannschaft. Man sollte das Geständnis zum Anlass für eine Stunde Null im Radsport nehmen."

Werner Franke (Doping-Experte): "Das war ein Minimalgeständnis. Armstrong hat Kollegen physisch bedroht und alle möglichen Tricks angewandt. Ich glaube dem grundsätzlich gar nichts. Er tut nur das, was nötig ist, um die eine oder andere seiner Millionen noch behalten zu dürfen."

Fritz Sörgel (Doping-Experte): "Das war gar nichts, eine einzige Enttäuschung. Dass das alles so schwach war, lag auch an Oprah, der Mutter der Nation. Das war wie Bunte oder Alfred Biolek. Die amerikanische Justiz findet immer Wege, jemanden zu fassen. Ich denke, dass noch viele Dokumente existieren, die einem intelligenten und ehrgeizigen Staatsanwalt noch Anhaltspunkte geben. Ich denke, Armstrong wird noch weiter in die Enge getrieben."

Novak Djokovic (Tennis-Weltranglistenerster): "Lance Armstrong ist eine Schande für den Sport. Er soll für seine Lügen büßen. Er hat den Sport betrogen. Er hat viele Menschen auf der ganzen Welt mit seiner Karriere und seiner Lebensgeschichte betrogen."

(dpa)
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