19.01.13

Doping-Beichte

Armstrong-Beichte, Teil 2: Habe es für meine Kinder gemacht

Ex-Radprofi hat im zweiten Teil seines Interviews erneut wenig Erhellendes mitgeteilt. Wie erwartet spielten Emotionen eine große Rolle.

Foto: Reuters
Handout photo of Lance Armstrong speaking with Oprah Winfrey in Austin
Lance Armstrong beim Interview mit Oprah Winfrey

Austin/München. Lance Armstrong weiß, was sich in Amerika gut verkauft. Es ist die ehrliche Reue eines Gefallenen. Es sind die großen Emotionen, die Gefühle und die Tränen, unter denen der Sünder seine Beichte ablegt. Sie bewegen das Publikum. Und so drückte Lance Armstrong im zweiten Teil seines Interviews mit Fernseh-Beichtmutter Oprah Winfrey selbstverständlich auf die Tränendrüse. Er sprach über seine Kinder, das kommt immer gut an. Er verriet, in therapeutischer Behandlung zu sein. Er redete viel über sich, seine Fehler.Erhellendes zum Thema Doping sagte Lance Armstrong nicht.

Keine Hintergründe. Kein Geheimnisverrat. Keine Namen. Nichts. Stattdessen eine Erklärung, warum er nun plötzlich mit der Sprache herausgerückt sei. Die Kontroverse um ihn sei "außer Kontrolle" geraten, sagte er, sie habe vor allem die älteren seiner fünf Kinder beeinträchtigt. Er habe nicht mehr gewollt, dass sie Teil seiner Lügengeschichte seien. Er habe Luke (13), seinem Ältesten, gesagt: "Verteidige mich nicht mehr." Es war die Stelle des Interviews, an der Tränen flossen. "Ich habe gesehen, wie mein Sohn mich verteidigt, wie er gesagt hat: 'Das ist nicht wahr. Was ihr über meinen Dad sagt, es ist nicht wahr'. Da wusste ich, dass ich es ihm erzählen muss.

Er hatte mich nie gefragt. Er hatte nie gesagt, 'Dad, ist das wahr?'. Er hat mir vertraut", berichtete Armstrong mit brüchiger Stimme und geröteten Augen. Die ganze Angelegenheit, ergänzte der 41 Jahre alte Texaner, habe auch bei seiner Mutter Linda Spuren hinterlassen. Sie sei "ein Wrack", sagte Armstrong. Besonders getroffen habe ihn nach der Veröffentlichung der Dokumente der US-Anti-Doping-Agentur USADA im vergangenen Oktober der Rückzug aus seiner 1997 gegründeten Krebsstiftung "Livestrong", berichtete Armstrong. Es sei der "demütigendste Augenblick" während der ganzen Geschichte gewesen. "Die Stiftung war so etwas wie mein sechstes Kind. Ich würde nicht sagen, ich bin rausgedrängt worden. Es war das Beste für die Organisation, aber es tat höllisch weh. Das war der Tiefpunkt", sagte Armstrong.

"Ich habe ein schmutziges Leben geführt."

Konfrontiert mit dem Vorwurf, er habe während Ermittlungen der US-Anti-Doping-Agentur (USADA) versucht, die Agentur durch eine Spende in Höhe von 250.000 Dollar zu bestechen, sagte Armstrong: "Das ist nicht wahr." Darüber hinaus betonte er, bei seinem Comeback 2009 sauber gewesen zu sein. Er habe dies seiner ersten Frau Kirsten, die von seinem Doping ein wenig Ahnung gehabt habe, versprochen. "Daran habe ich mich immer gehalten, ich hätte sie nie verraten", sagte er. Ab 2005 habe er keine verbotenen Substanzen mehr zu sich genommen.

Nachdem ihm Winfrey ein Video aus dem Jahre 2005 gezeigt hatte, in dem er unter Eid gegen eine PR-Firma aus Dallas aussagte und die Doping-Vorwürfe leugnete, fragte die Talk-Lady Armstrong: "Wer ist dieser Kerl?" Armstrong entgegnete, dies sei ein Kerl, der "in der Tat geglaubt hat, unbesiegbar zu sein." Noch sei "ein Teil dieser Persönlichkeit" in ihm, sagte er und räumte ein, sich wegen seines "narzisstischen" Verhaltens in therapeutische Behandlung begeben zu haben. Er brauche das: "Ich habe ein schmutziges Leben geführt."

Armstrong hofft durch seine Doping-Beichte auf die Reduzierung seiner lebenslangen Sperre und ein Wettkampfcomeback. "Hölle, ja! Ich bin ein Wettkämpfer", sagte er. Zugleich ergänzte er, er halte es nicht für fair, lebenslang gesperrt zu sein. "Ich verdiene es, bestraft zu werden. Ich bin nicht sicher, ob ich die Todesstrafe verdiene." Um eine Reduzierung seiner Strafe zu erwirken, müsste Armstrong seine Geständnisse bei Winfrey allerdings unter Eid wiederholen. Und wohl auch gegen andere aussagen.

"Ich hoffe, die Moral dieser Geschichte ist, dass dich die Wahrheit frei macht."

Er habe 75 Millionen Dollar von seinen Sponsoren verloren, berichtete Armstrong. Und sein ehemaliger Team-Sponsor "US Postal" könnte weitere 30 Millionen Dolar zurückverlangen. Vor allem jedoch betonte Armstrong, wie sehr ihm alles Leid tue, wie "deeply sorry" er sei für all das, was er getan habe. Er fühle sich "erniedrigt", klein, er schäme sich, "ja, das ist hässliches Zeug", erklärte er. Und ja, versicherte Armstrong er verspüre Reue, "absolut", dies seien jetzt aber auch nur "die ersten Schritte" für ihn. "Ich zahle einen Preis", sagte Armstrong, "und ich verdiene es."

Er sagte, was reuige Sünder in Amerika eben sagen müssen. Doch recht überzeugend wirkte er dabei nicht. Und allzu sehr scheint dies auch die Amerikaner nicht mehr zu interessieren. Im Schnitt sahen nur 3,2 der knapp 315 Millionen Amerikaner den ersten Teil der Beichte. Mit dem Interview mit der Tochter der verstorbenen Whitney Houston hatte Winfrey eine bessere Quote. Zum Abschluss sagte sie: "Ich hoffe, die Moral dieser Geschichte ist, dass dich die Wahrheit frei macht."

Doch was ist die Wahrheit? Die Zeitung USA Today zog eine Bilanz des Interviews, und sie ist vernichtend. "Nicht mal Manti Te'o kauft Lance ab, was er gesagt hat." Die Geschichte von Manti Te'o ist die derzeit größte Geschichte in den USA - sicher nicht Armstrong. Der Football-Spieler Manti Te'o ist der Star der berühmten Universität Notre Dame. Er weinte mit der ganzen Nation um seine verstorbene Freundin. Eine Freundin, die es nie gegeben hat.

Armstrongs Doping-Beichte

Ex-Radprofi Lance Armstrong gesteht in einem am 18. Januar ausgestrahlten TV-Interview umfassend Doping bei seinen sieben Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005. Die wichtigsten Aussagen des Gesprächs ...

"Ich betrachte das als eine große Lüge, die ich sehr häufig wiederholt habe. Wahrscheinlich ist es für die meisten Leute zu spät, und das ist mein Fehler. Diese Episode meines Lebens ist geprägt von Respektlosigkeiten. Der Sport zahlt jetzt den Preis dafür. Das tut mir leid."

"Mein Cocktail bestand aus EPO, Transfusionen und Testosteron."

"Meiner Meinung nach war es in dieser Generation nicht möglich, ohne Doping zu gewinnen."

"Bei meinen Tour-Siegen wusste ich, dass ich gewinnen werde. Das war beängstigend."

"Diese Geschichte ist nicht wahr, es gab dort keinen positiven Test. Ich bin kein Fan der UCI, aber das ist nicht passiert." (Lance Armstrong zur Frage nach einer Geldspende an den Radsport-Weltverband UCI, deren Zweck die Verschleierung einer vermeintlichen positiven Dopingprobe bei der Tour de Suisse 2001 gewesen sein soll)

"Ich war ein Typ, der alles unter Kontrolle haben musste. Das ist unentschuldbar."

"Ich hatte den unbändigen Willen, zu siegen. Diese Arroganz, ich kann sie nicht leugnen."

"Ich sehe die Wut und die Enttäuschung der Leute, die mich unterstützt und mir geglaubt haben. Sie haben das Recht, sich betrogen zu fühlen. Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, das Vertrauen zurückzugewinnen."

"Ich habe keinen Kredit, aber ich liebe den Radsport, ich weiß, das klingt für viele Leute respektlos. Wenn man mich einlädt, bin ich dazu bereit." (Lance Armstrong auf die Frage zu seiner Kooperationsbereitschaft im Anti-Doping-Kampf)

"Das letzte Mal, als ich die Grenze zum Doping überschritten habe, war 2005. Bei meinem Comeback war ich sauber."

Reaktionen zur Armstrong-Beichte

Pat McQuaid (Präsident des Weltverbandes UCI): "Das war ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg, den Schaden zu reparieren, den der Radsport erlitten hat, und um das Vertrauen in den Sport zurückzugewinnen. Es war verstörend, ihn zu sehen, diese Litanei von Verstößen ... Darüber hinaus hat Lance Armstrong völlig zutreffend gesagt, dass der Radsport heute ein völlig anderer Sport ist als vor zehn Jahren ... Wir haben zur Kenntnis genommen, dass Armstrong an einem Prozess der Wahrheitsfindung teilnehmen will. Das begrüßen wir."

Rolf Aldag (Ex-Profi, Sportlicher Leiter Quickstep): "Er hat nicht rumgeeiert, er steht zu seiner Entscheidung und seiner Geschichte. Das Entscheidende ist aber, dass es nach dem Interview einen dritten Teil gibt, den, wo es um Aufklärung und Erneuerung geht. Es war ein Anfang für ihn, aber er muss jetzt dranbleiben."

Jens Voigt (Radprofi): "Er hat sich selbst in eine Ecke gedrängt und hatte keine andere Wahl. Er hat immer 'Nein, nein, nein' gesagt, aber seine einzige Option, wieder in ein normales Leben zurückzukehren, war es, aufzustehen und mit allem auszupacken. Ich denke, es war eine große Belastung für ihn, und deshalb glaube ich, dass er jetzt sehr erleichtert ist. Er wurde jetzt genug bestraft, denn er kämpft wirklich. Ich glaube, er fühlt, dass sich sein Leben jetzt verändert hat. Für mich ist es wichtig, dass er reinen Tisch gemacht hat. Es würde helfen, die Quellen dahinter zu stoppen, so dass Medikamente nicht mehr von den gleichen Leuten kommen können. Aber ich denke auch, dass es jetzt zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Organisationen kommen wird. Ich glaube, dass Usada, Wada und alle anderen Doping-Behörden an dieser Sache zusammenarbeiten werden, so dass es noch nicht vorbei ist."

Sylvia Schenk (Transparency International): "Er hat nur das bestätigt, was längst auf dem Tisch lag. Es war ein letztes Zugeben, kein Geständnis. Der Radsport ist befallen von einem Krebsgeschwür, das derart metastasiert ist, dass jeder Mensch schon lange daran gestorben wäre. Der Radsport braucht drei, vier, fünf Jahre lang drastische Maßnahmen, um wieder Glaubwürdigkeit herzustellen."

Michael Lehner (Sportrechtsexperte): "Ich sehe keine großen Ansatzpunkte für weitere rechtliche Folgen. Armstrong hat sich sehr bedeckt gehalten. Er war sehr vorsichtig. Nichts ist aufgeklärt worden. Das hat man alles gewusst, es waren nur wenige Details. Die Frage ist, wie breche ich die Strukturen auf? Wie konnte es dazu kommen? Ein Neuanfang geht nur mit einer neuen Mannschaft. Man sollte das Geständnis zum Anlass für eine Stunde Null im Radsport nehmen."

Werner Franke (Doping-Experte): "Das war ein Minimalgeständnis. Armstrong hat Kollegen physisch bedroht und alle möglichen Tricks angewandt. Ich glaube dem grundsätzlich gar nichts. Er tut nur das, was nötig ist, um die eine oder andere seiner Millionen noch behalten zu dürfen."

Fritz Sörgel (Doping-Experte): "Das war gar nichts, eine einzige Enttäuschung. Dass das alles so schwach war, lag auch an Oprah, der Mutter der Nation. Das war wie Bunte oder Alfred Biolek. Die amerikanische Justiz findet immer Wege, jemanden zu fassen. Ich denke, dass noch viele Dokumente existieren, die einem intelligenten und ehrgeizigen Staatsanwalt noch Anhaltspunkte geben. Ich denke, Armstrong wird noch weiter in die Enge getrieben."

Novak Djokovic (Tennis-Weltranglistenerster): "Lance Armstrong ist eine Schande für den Sport. Er soll für seine Lügen büßen. Er hat den Sport betrogen. Er hat viele Menschen auf der ganzen Welt mit seiner Karriere und seiner Lebensgeschichte betrogen."

(sid/HA)
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