15.01.13

Doping-Skandal

Nach Beichte: Armstrong holt zum Rundumschlag aus

Dem Profi-Radsport droht der Kollaps: Lance Armstrong hat angeblich Doping gestanden. Nun will er gegen Funktionäre auspacken.

Von Andreas Zellmer, Manuel Schwarz
Foto: REUTERS
File photograph of Lance Armstrong taking part in a special session regarding cancer in the developing world during the Clinton Global Initiative in New York
Lance Armstrong soll bei Oprah Winfrey im US-Fernsehen seine Doping-Praktiken erläutert haben

Austin. Lance Armstrong hat gesprochen – und die Branche zittert. Nach jahrelangem Leugnen, Zetern und Klagen soll der Ex-Radstar in einem Interview mit US-Talkerin Oprah Winfrey Doping gestanden haben. Und mehr noch: Angeblich holt der 41-Jährige zum Rundumschlag aus, der den Profiradsport in seinen Grundfesten erschüttern könnte. Nach einem Bericht der "New York Times" will Armstrong, der zu seinen aktiven Zeiten reihenweise Gegner gemobbt und zum Teil in den Ruin getrieben hat, auch gegen Doping-Mitwisser auf höchster Funktionärsebene auspacken. Mächtige Turbulenzen sind programmiert.

In einem von weitreichenden Spekulationen begleiteten Interview mit der Star-Moderatorin soll der gesperrte Ex-Profi zugegeben haben, bei seinen Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005 leistungssteigernde Mittel genommen zu haben. Von der nationalen Anti-Doping-Agentur USADA ist er bereits als Doper überführt. Das Gespräch soll an diesem Donnerstag und Freitag in zwei Teilen im US-Fernsehkanal OWN sowie im Internet ausgestrahlt werden - inszenierte Spannung mal zwei.

Armstrong hätte Winfrey beim ersten Interview nach der Dopingverurteilung mit seinen Antworten "überrascht", wie die prominente TV-Moderatorin am Dienstag bei CBS berichtete. Sie ließ dabei offen, ob der tief Gefallene wirklich ein umfassendes Geständnis ablegte, wie Medien zuvor berichtet hatten. Winfrey habe das Gefühl gehabt, der ehemalige Seriensieger wolle mit sich ins Reine kommen. Sie sei mit 112 Fragen vorbereitet in das Gespräch gegangen, Armstrong hätte sich bestens präpariert gezeigt.

Jan Ullrich unbeeindruckt: "Das ist alles für mich nicht Neues"

Der einstige Armstrong-Widersacher Jan Ullrich zeigte sich in der "Bild" (Mittwoch) unbeeindruckt. "Das ist alles für mich nicht Neues. Ich nehme es zur Kenntnis. Aber die Zeit von Lance und mir im Radsport liegt schon so lange zurück, dass das auf mein Leben keinen Einfluss hat", sagte der Toursieger von 1997, der dreimal hinter Armstrong bei der Tour auf Rang zwei landete. Ullrich ist nach einem Urteil des Internationalen Sportgerichtshof CAS noch bis Jahresmitte wegen seiner Verwicklung in den Dopingskandal Fuentes gesperrt.

Armstrong will nun womöglich preisgeben, dass UCI-Funktionäre Kenntnis von seinen Doping-Praktiken hatten und diese unterstützten. Damit würde dem ohnehin krisengeschüttelten Profi-Radsport endgültig der Kollaps drohen. Insider und Doping-Kronzeuge Jörg Jaksche hatte der Branche in einem dpa-Gespräch für den Fall einer "100-prozentigen Beichte" Armstrongs sogar ein "Sabbatjahr" prognostiziert. Der Weltverband werde bis zur Ausstrahlung des Armstrong-Interviews keinen Kommentar in der Causa abgeben, teilte die UCI mit.

Armstrong wolle aber nicht gegen andere Fahrer aussagen, hieß es in der "New York Times". Er sei zudem in Diskussionen mit dem amerikanischen Justizministerium, in einem Gerichtsverfahren als Zeuge gegen verschiedene Besitzer von Rennställen aufzutreten. Der Multimillionär aus Austin soll auch bereit sein, Teile der 30 Millionen Dollar zurückzuerstatten, die die Postgesellschaft US-Postal als früherer Teamsponsor in gutem Glauben an dopingfreien Sport gezahlt hatte. Im Moment laufen bereits zwei Schadenersatzprozesse gegen Armstrong, in denen es insgesamt um Rückzahlung von über zehn Millionen Dollar geht.

Armstrong soll jahrelang gedopt haben, unter anderem mit EPO, Testosteron und Kortison

Armstrong war mit einer Gruppe von etwa zehn Begleitern zur TV-Aufzeichnung erschienen. An seiner Seite waren zwei seiner fünf Anwälte, Tim Herman und Sean Breen, sowie sein langjähriger Berater, Manager und Geschäftspartner Bill Stapleton. Ursprünglich sollte das Gespräch in seiner Villa in Austin/Texas stattfinden. Da das Grundstück jedoch von etlichen Journalisten umlagert war, entschied man sich, in ein örtliches Hotel auszuweichen.

Vor dem Gespräch mit Winfrey hatte sich Armstrong bei den Mitarbeitern der von ihm gegründeten Krebsstiftung entschuldigt. Der Texaner besuchte die Büros der "Livestrong"-Stiftung in seiner Heimatstadt, wo er bei den Mitarbeitern um Verzeihung bat. Armstrong, dessen sieben Tour-Siege aberkannt worden waren, habe mehrmals um Fassung gerungen. Einige Mitarbeiter hätten geweint, berichtete AP.

Armstrong hatte jahrelang vehement die Einnahme verbotener Mittel bestritten. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA hatte ihm jedoch in einem mehr als 1.000 Seiten starken Dossier unter anderem Dank der Zeugenaussagen ehemaliger Teamkollegen das Gegenteil beweisen können.

Armstrong soll jahrelang gedopt haben, unter anderem mit EPO, Testosteron und Kortison. Außerdem soll er andere Fahrer bei den Rennställen US Postal und Discovery Channel zum Dopen genötigt haben. USADA-Chef Travis Tygart sprach vom "ausgeklügelsten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm, das die Welt jemals gesehen hat."

Armstrong drohen Millionen-Forderungen und sogar eine Gefängnisstrafe

Im Vorfeld seiner TV-Ausführungen hatte sich Armstrong nach Medienberichten auch mit Tygart getroffen, um auszuloten, wie die Chancen stehen, bei einer umfassenden Beichte seine lebenslange Sperre reduzieren zu können. Die Welt-Anti-Doping-Behörde WADA nahm den Ball am Abend auf. Sie fordert ein volles Geständnis unter Eid, dann könne die lebenslange Sperre überprüft werden.

Die UCI hatte im Oktober alle Armstrong-Ergebnisse von August 1998 an im Nachhinein gestrichen und ihn lebenslang gesperrt. Ihm drohen Millionen-Forderungen und wegen Meineids sogar eine Gefängnisstrafe. So erwägt das Justizministerium nach einem Bericht des "Wall Street Journal" und der "USA Today" eine Klage von Armstrongs früherem Teamkollegen Floyd Landis gegen dessen Landsmann zu unterstützen.

Landis soll nach Berichten von Personen mit Kenntnis über die Klageschrift Armstrong und Teammanager des Betrugs bezichtigen, da sie Sponsorengelder der US-Postbehörde für Dopingzwecke missbraucht hätten. Im Vertrag mit dem Rennstall US Postal, für den Armstrong von 1998 bis 2004 fuhr, war der Verzicht auf leistungssteigernde Mittel festgehalten. Bis Donnerstag müsse sich das Justizministerium entscheiden, ob es sich der Klage anschließt – dem ersten Tag der Ausstrahlung der Armstrong-Beichte.

Stimmen zu Lance Armstrong

Jan Ullrich (Tour-de-France-Sieger von 1997): "Das ist alles für mich nichts Neues. Ich nehme es zur Kenntnis. Aber die Zeit von Lance und mir im Radsport liegt schon so lange zurück, dass das auf mein Leben keinen Einfluss hat."

Rolf Aldag (früherer Telekom-Profi): "Von Natur aus ist er ein sehr berechnender Mensch, der sich genau überlegt, was er macht. Ich glaube mit dem Wissen, was Lance Armstrong über Strukturen hat, ist in der Tat eine Mitarbeit vorstellbar. Man hört ihm zu. Wenn er sich dazu entscheidet, zu sagen, wo der Fisch stinkt, kann das sehr hilfreich sein."

Jörg Jaksche (früherer Radprofi und geständiger Doper): "Lance Armstrong ist ein knallharter Kalkulierer und Realist. Er hat sicher erkannt, dass er mit dem wenigen Positiven, dass es für ihn noch gibt, so das bessere Ende hat. Ich könnte mir vorstellen, dass er sich zum Kopf einer neuen Bewegung macht und so positioniert, dass er den Radsport ändern will. Das EPO kam ihm ja nicht zugeflogen. Er müsste Ross und Reiter nennen und zum Beispiel auch sagen, ob das mit dem Schweigegeld an die UCI (Radsport-Weltverband, d. Red.) so stimmt. Dann aber, auch das ist klar, kann es die UCI in dieser Konstellation nicht mehr geben."

Tony Martin (Zeitfahrweltmeister): "Es wird wieder ein Urknall werden. Ich denke, dass der öffentliche Druck so groß geworden ist, dass er das Bedürfnis hat, reinen Tisch zu machen und mit den ganzen Schandtaten ans Licht zu kommen."

Bradley Wiggins (Tour-de-France-Sieger 2012 und Zeitfahr-Olympiasieger): "Das wird für eine Menge Leute ein großer Tag, und auf eine gewisse Art auch ein ziemlich trauriger Tag für den Sport."

Riccardo Ricco (früherer Radprofi): "Ich verteidige niemanden, aber ich möchte sehen, ob jemand, der gedopt hat, siebenmal in Folge die Tour de France gewinnen kann. Unmöglich. Armstrong, du bleibst ein Phänomen."

Michael Lehner (Sportrechtsexperte): "Armstrong ist ein Mann voller Häme und Zynismus, aber er ist auch sehr hart gegen sich selbst. Er würde sich lächerlich machen und selbst konterkarieren, wenn er sich nun als Opfer des Systems Radsport darstellen oder lediglich erklären würde, er sei ja nicht der einzige Böse gewesen. Deshalb erwarte ich von Armstrong mehr als von Jan Ullrich. Ich bin sehr optimistisch, dass Armstrong wirklich auspackt."

Statement des Radsport-Weltverbandes UCI: "Falls diese Berichte wahr sind, würden wir Lance Armstrong entschieden zu einer Zeugenaussage vor der unabhängigen Untersuchungskommission drängen."

Oprah Winfrey (Talkshow-Gastgeberin): "Ich würde sagen, er hat nicht so ausgepackt, wie ich es erwartet habe. Das war überraschend für mich."

(dpa)
Multimedia

Lance Armstrong gibt im Dopingkampf auf

Die Doping-Akte Armstrong
  • Hauptvorwurf

    Die Usada wirft Armstrong sowie fünf weiteren Teambetreuern und Ärzten systematisches Doping von 1998 bis 2010 vor. Armstrong habe selbst unter anderem Epo-, Kortison-, Testosteron- und Blutdoping betrieben sowie viele Mannschaftskollegen dazu aufgefordert. Seine Teams seien von Anfang bis zum Ende „mit Doping verseucht“ gewesen.

  • Beweise

    Die Usada stützt sich vor allem auf eidesstattliche Erklärungen und Aussagen von mehr als zwei Dutzend Zeugen, darunter 15 Radprofis und elf ehemalige Teammitglieder von Armstrong. Darüber hinaus bietet die Behörde viele Dokumente wie Bankauszüge, E-Mail-Korrespondenzen, Labortests und wissenschaftliche Gutachten auf. Auf Unterlagen der US-Finanzbehörde, die Ermittlungen gegen Armstrong zuvor eingestellt hatte, musste die Usada dabei nach eigenen Angaben verzichten.

  • Dopingproben

    Armstrong gab als Verteidigung stets an, in seiner Karriere mehr als 500 Mal negativ getestet worden zu sein. Diese Zahl streitet die Usada ab und rechnet mit rund der Hälfte. Außerdem habe es mehrmals positive Tests gegeben: Sechs wissenschaftliche Epo-Befunde der Tour 1999 seien zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 2005 sportrechtlich nicht mehr verwertbar gewesen. Ein positives Epo-Ergebnis der Tour de Suisse habe Armstrong mithilfe der UCI verschleiert. Analysen von Armstrongs Blutprofilen zwischen Oktober 2008 und Januar 2011 lassen auf Blutdoping schließen. Die Chance, dass ein zu niedriger Retikulozyten-Anteil bei sieben Blutproben auf natürliche Weise zustandekam, beziffert ein Gutachter auf „kleiner als 1:1 000000“.

  • Zeugenaussagen

    Die Berichte ehemaliger Teamkollegen zeichnen ein detailliertes Bild. Schon 1998, in seiner ersten Saison nach seiner überstandenen Krebserkrankung, habe Armstrong im Team US Postal Doping mit Epo, Kortison, Testosteron und dem Wachstumshormon HGH betrieben. Ein Jahr später sei bei der Tour erstmals ein Motorradfahrer („Motoman“) engagiert worden, um das Team unbehelligt mit Drogen zu versorgen. Danach sei die „Dopingverschwörung“ immer professioneller geworden.

  • Tests

    Um keine positiven Tests abzugeben, seien Armstrong und seine Kollegen zu gewissen Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert worden. In den ersten Jahren habe es zum Teil schon genügt, den Kontrolleuren einfach die Wohnungstür nicht zu öffnen. Später hätten die Teamchefs um Johan Bruyneel stets im Voraus erfahren, wann ein Test anstand. Weil die Dopingkontrollen von Jahr zu Jahr intensiver wurden, habe sich Armstrong mitunter in Wohnungen von Teamkollegen versteckt. Zudem hätten die Team-Mediziner penibel genaue Zeitfenster für die Doping-Einnahme errechnet, um später nicht aufzufallen. Einen positiven Kortison-Test Armstrongs habe Teamarzt Luis Garcia del Moral durch ein gefälschtes nachträgliches Rezept verschleiert.

  • Helfer

    Die zentrale Figur ist der italienische Arzt Michele Ferrari, in der Szene bekannt als „Dottore Epo“. Laut Usada arbeitete Armstrong die ganze Karriere hindurch mit dem umstrittenen Mediziner zusammen, der in Italien Berufsverbot hat. Daneben war Teamchef Bruyneel der engste Vertraute des Texaners. Der Belgier habe junge Radprofis „auf schädlichste Art und Weise“ in „abgeklärte Doper“ verwandelt.

  • Gruppenzwang

    Laut Zeugenaussagen hat Armstrong Doping in seinen Teams nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. David Zabriskie etwa berichtete, durch den Leistungssport den Drogen aus dem Weg gehen zu wollen, die er für den frühen Tod seines abhängigen Vaters verantwortlich machte. 2003 aber sei er dann doch von Bruyneel überredet worden, Epo zu nehmen („Jeder macht das“). „Als ich in meine spanische Wohnung zurückkam, brach ich zusammen. Ich rief heulend zuhause an. Ich hatte dem Druck nicht standgehalten“, erzählte Zabriskie.

  • Einschüchterung

    Armstrong sorgte in seinem Team und im Peloton nicht nur für Respekt, sondern auch für Angst: Als der Italiener Filippo Simeoni aus einer gegnerischen Mannschaft 2004 gegen den Armstrong-Arzt Ferrari aussagte, wurde er vom Amerikaner während einer Tour-Etappe vor laufenden Kameras zurechtgewiesen. Den Ex-Teamkollegen Tyler Hamilton habe Armstrong in einem Restaurant körperlich bedroht („Wir machen dein Leben zur verdammten Hölle“), Levi Leipheimers Frau einschüchternde SMS geschrieben. Zudem habe er mehrfach versucht, andere Fahrer zu falschen eidesstattlichen Versicherung zu nötigen.

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