14.11.12

Niederlande gegen Deutschland

Kontrolle statt Zauber: DFB-Elf mit 0:0 in die Winterpause

Der erwartete Fußball-Krimi entwickelte sich zu einem langweiligen Freundschaftspiel zwischen der Niederlande und Deutschland.

Von Arne Richter und Klaus Bergmann
Foto: dapd

Thomas Müller (l.) im Zweikampf mit dem Niederländer Rafael van der Vaart

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Spielkontrolle statt Ballzauber: Mit viel Disziplin und dosierter Offensive hat die Fußball-Nationalmannschaft ihr turbulentes EM-Jahr mit einer soliden Nullnummer in den Niederlanden beendet. Ohne acht Stammkräfte hatte Bundestrainer Joachim Löw seiner jungen Reservisten-Auswahl am Mittwochabend in Amsterdam taktische Kontrolle als oberstes Gebot verordnet. Lohn war das 0:0, das nach dem Schweden-Schock die Defensiv-Diskussion nicht über den Jahreswechsel am Kochen hält. "Wir haben sehr positionstreu gespielt und sehr diszipliniert und das war nach den letzten Ergebnissen wie gegen Schweden das Wichtigste", lobte Löw.

Vor 51 000 Zuschauern zeigten beide Mannschaften erstaunlich wenig Angriffsleidenschaft – besonders Oranje hatte enorm viel Respekt und wollte die dritte Niederlage innerhalb eines Jahres gegen das DFB-Team unbedingt vermeiden. Das Jahr 2012 wurde von der Löw-Auswahl mit acht Siegen, zwei Remis und vier Niederlagen beendet.

Auch die Spieler waren erleichtert über das zu Null. "Es war sicher kein spektakuläres Spiel. Aber man kann sich in so einem Spiel die Sicherheit wiederholen", erklärte Mats Hummels. "Wir haben nicht viele Chancen zugelassen und kein Gegentor bekommen, das ist positiv", stellte Kapitän Philipp Lahm fest. Torhüter Manuel Neuer bemerkte zum Niveau der Partie: "Keine der beiden Mannschaften wollte einen Fehler machen. Deshalb sah es vielleicht etwas zäh aus."

So viel Improvisationskunst wie in seinem 89. Spiel als Bundestrainer hatte Löw noch nicht aufbringen müssen, doch die aus der Not heraus geborene deutsche Mannschaft bewies hohe taktische Disziplin und imponierte zumindest mit ihrem Teamwork. Angeführt von dem spielfreudigen Marco Reus fand die Elf auch wieder die zuletzt vermisste Balance zwischen Offensive und Defensive.

Eine mutige Entscheidung traf der Bundestrainer mit dem Einsatz des erst am Montag nachnominierten Lewis Holtby auf der Özil-Position im zentralen Mittelfeld. Der etatmäßige U 21-Kapitän steigerte sich nach nervösem Beginn. Nicht minder überraschend kam die Rolle für Mario Götze, der nominell Sturmspitze spielte, aber auch anderswo auf dem Feld auftauchte. Auf der Doppel-Sechs machten Ilkay Gündogan und Lars Bender ihre Sache als Vertreter des Stammduos Schweinsteiger/Khedira erstaunlich gut und ließen Oranje-Spielmacher Rafael van der Vaart wenig Raum. Für die letzten Minuten durfte auch noch Roman Neustädter als 53. Neuling unter Löw Länderspiel-Luft schnuppern.

Vier Wochen nach dem Schweden-Debakel mit vier Gegentoren in 30 Minuten wirkte die Abwehr um Per Mertesacker und Mats Hummels lange Zeit gefestigt. Allerdings hatte Kapitän Philipp Lahm, der sein 95. Länderspiel absolvierte und mit Karl-Heinz Rummenigge gleichzog, gelegentlich Probleme mit dem flinken Ruben Schaken. Bei seiner einzigen echten Prüfung zeigte Manuel Neuer im Tor gewohnte Klasse, als er einen Schuss von Daryl Janmaat entschärfte (77.).

Die mit drei Bundesliga-Profis, aber überraschend ohne den Schalker Klaas-Jan Huntelaar aufgelaufenen Oranjes zeigten großen Respekt und überließen dem Gast von Beginn an die Initiative. Die DFB-Elf ließ den Ball in der eigenen Hälfte ruhig zirkulieren, schaltete dann aber blitzschnell auf Tempofußball um. In der 4. Minute schickte Hummels seinen Dortmunder Clubkollegen Marco Reus steil, doch Torhüter Kenneth Vermeer kam rechtzeitig aus seinem Kasten und war eher am Ball. Viel Raum hatte zunächst vor allem Benedikt Höwedes auf der rechten Seite. Der Schalker zog in der 21. Minute auf und davon und passte in die Mitte auf Götze, der aus der Drehung erst an John Heitinga und dann an Vermeer scheiterte.

Erst nach einer halben Stunde Spielzeit wurde es erstmals gefährlich vor dem deutschen Tor, als Arjen Robben bei seinem Solo auch noch seinen Bayern-Kollegen Neuer ausspielte, ehe er beim Torschuss wegrutschte. Weil der portugiesische Schiedsrichter Pedro Proenca zuvor eine Abseitsstellung von Dirk Kuyt erkannt hatte, hätte der Treffer ohnehin nicht gegolten. Dafür hatten auf der anderen Seite die deutschen Fans den Torschrei bereits auf den Lippen, doch der 16 Meter-Schuss des agilen Reus landete am Außennetz (39.). Dann verpasste Gündogan das 0:1. Wieder stand Heitinga im Weg.

Auch nach Wiederbeginn erlebten die Zuschauer ein Geduldsspiel mit Vorteilen für die deutsche Mannschaft. Der finale Pass in die Spitze kam allerdings viel zu selten an. In der 55. Minute versuchte Holtby Reus in Szene zu setzen, der im letzten Moment abgeblockt wurde. Wenig später flog ein Hummels-Kopfball am niederländischen Tor vorbei. In der Schlussphase einer am Ende wenig ansehnlichen Partie kam Lukas Podolski zu seinem 106. Einsatz im DFB-Trikot, für zündende Ideen nach vorne konnte aber auch der Wahl-Engländer nicht sorgen.

Die Statistik

Niederlande: Vermeer/Ajax Amsterdam (26 Jahre/1 Länderspiel) - van Rhijn/Ajax Amsterdam (21/5) ab 46. Janmaat/Feyenoord Rotterdam (23/3), Heitinga/FC Everton (28/85) ab 46. de Vrij/Feyenoord Rotterdam (20/2), Vlaar/Aston Villa (27/14), Bruno Martins Indi/Feyenoord Rotterdam (20/6) - Nigel de Jong/AC Mailand (27/67), van der Vaart/Hamburger SV (29/103) ab 72. Emanuelson/AC Mailand (26/17) - Schaken/Feyenoord Rotterdam (20/2), Afellay/Schalke 04 (26/44) ab 59. van Ginkel/Vit. Arnheim (19/1), Robben/Bayern München (28/63) ab 46. Elia/Werder Bremen (25/28) - Kuijt/Fenerbahce Istanbul (32/92). - Trainer: van Gaal

Deutschland: Neuer/Bayern München (26/36) - Höwedes/Schalke 04 (24/10), Mertesacker/FC Arsenal (28/85), Hummels/Borussia Dortmund (23/23), Lahm/Bayern München (29/95) - Lars Bender/Bayer Leverkusen (23/11) ab 82. Sven Bender/Borussia Dortmund (23/3), Gündogan/Borussia Dortmund (22/4) - Müller/Bayern München (23/38) ab 84. Schürrle/Bayer Leverkusen (22/20), Holtby/Schalke 04 (22/3) ab 87. Neustädter/Schalke 04 (24/1), Reus/Borussia Dortmund (23/14) ab 90.+2 Julian Draxler/Schalke 04 (19/3) - Götze/Borussia Dortmund (20/20) ab 72. Podolski/FC Arsenal (27/106). - Trainer: Löw

Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal)

Tore: Fehlanzeige

Zuschauer: 51.000 (ausverkauft)

Beste Spieler: Vlaar, Afellay - Mertesacker, Gündogan

Gelbe Karten: keine

Brisante Duelle zwischen Deutschland und Oranje

14. Juni 1980 in Neapel (EM-Gruppe, 3:2): Klaus Allofs erzielt einen Hattrick und schießt die deutsche Mannschaft auf den Weg Richtung EM-Finale. Erst in der Schlussphase kommt Holland nochmal auf. Der blutjunge Lothar Matthäus verschuldet bei seinem Länderspieldebüt einen Elfmeter.

21. Juni 1988 in Hamburg (EM-Halbfinale, 1:2): Ronald Koeman und Marco van Basten drehen die deutsche Führung durch Matthäus und ebnen Oranje den Weg ins Finale. Nach dem Abpfiff gibt es unschöne Szenen. Koeman wischt sich mit Olaf Thons Trikot über das Gesäß. Der Sieg scheint für Holland mehr nationale Mission denn sportliche Revanche zu sein.

24. Juni 1990 in Mailand (WM-Achtelfinale, 2:1): Wieder ein Duell voller Emotionen. Frank Rijkaard bespuckt und provoziert Rudi Völler, beide sehen Rot. Deutschland gibt in einem packenden Spiel eine sportliche Antwort. Andy Brehme und Dauerläufer Jürgen Klinsmann schießen die Tore zum Einzug ins WM-Viertelfinale.

18. Juni 1992 in Göteborg (EM-Gruppe, 1:3): Deutschland ist diesmal chancenlos. Der Treffer von Klinsmann kann die Niederlage nicht abwenden. Aber letztlich hat das Spiel keine Bedeutung. Die Favoriten finden beide ihren Meister in den dänischen Spaßfußballern. Holland scheitert im Halbfinale, Deutschland im Endspiel.

20. November 2002 in Gelsenkirchen (Testspiel, 1:3): Die deutschen Vize-Weltmeister können bei der letzten Niederlage gegen Holland nicht mithalten. Fredi Bobic erzielt den Ausgleich, doch im zweiten Durchgang macht Oranje den Auswärtssieg klar. Drei Tore hatte Holland in Deutschland zuvor 1912 letztmals geschossen.

15. Juni 2004 in Porto (EM-Gruppe, 1:1): Gleich zum EM-Auftakt kommt es zum Kracher gegen Holland. Rudi Völlers Auswahl hält sich wacker. Torsten Frings schießt Deutschland mit einem Freistoß in Front. Holland schlägt durch Ruud van Nistelrooy zurück. Eine Woche später folgt für Deutschland das bittere Turnieraus. Holland schafft es bis ins Halbfinale.

15. November 2011 in Hamburg (Testspiel, 3:0): Was für eine Fußball-Gala. Oranje wird mit totalem Offensivfußball an die Wand gespielt. Thomas Müller, Miroslav Klose und Mesut Özil versetzen Deutschland in große EM-Euphorie. Die Niederländer staunen anerkennend über die Fußball-Kunst des Nachbarn.

13. Juni 2012 in Charkow (EM-Gruppe, 2:1): Fußball-Deutschland pflegt seinen Titeltraum. Nach dem Doppelpack von Mario Gomez gegen Oranje scheint der EM-Coup mehr denn je möglich. Der Rivale muss kurz darauf sieglos die Heimreise antreten. Aber auch für Deutschland ist im Halbfinale gegen Italien (1:2) Schluss.

Quelle: dpa

Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik
  • Manuel Neuer

    Manuel Neuer: Der Torwart war in der ersten Hälfte nahezu beschäftigungslos. Nur einmal tauchte sein Münchner Klubkollege Arjen Robben gefährlich vor ihm auf (30.), doch der Niederländer verstolperte. In der 77. Minute reagierte der frühere Schalker stark gegen Daryl Janmaat.

  • Benedikt Höwedes

    Benedikt Höwedes: Der Schalker Kapitän musste als Außenverteidiger ran. Damit hatte Höwedes zunächst Probleme, dann bereitete er aber mit seinen Flankenläufen zwei gute Möglichkeiten vor (21. und 27.). Höwedes hatte zudem den niederländischen Superstar Arjen Robben bis zu dessen Auswechslung zur Pause im Griff. Auch nach dem Wechsel überzeugte Höwedes.

  • Per Mertesacker

    Per Mertesacker: Der Wahl-Londoner wurde in der ersten Hälfte kaum gefordert. Im Spielaufbau agierte der frühere Bremer solide, die defensiven Zweikämpfe und Kopfballduelle entschied Mertesacker für sich.

  • Mats Hummels

    Mats Hummels: Der Dortmunder hatte in der Innenverteidigung gemeinsam mit Mertesacker alles im Griff, nur bei der Chance von Robben (30.) sah Hummels nicht so gut aus. Im Aufbauspiel agierte Hummels mit Licht und Schatten.

  • Philipp Lahm

    Philipp Lahm: Der Kapitän spielte wieder einmal links hinten, weil Marcel Schmelzer verletzt fehlte. Mit dieser Umstellung kam der Münchner gar nicht zurecht. Der Außenverteidiger wurde mehrfach überlaufen und war der Schwachpunkt in der Defensive.

  • Lars Bender

    Lars Bender: Der Leverkusener spielte unauffällig, aber solide. Er stand aber klar im Schatten seines Nebenmannes Ilkay Gündogan.

  • Ilkay Gündogan

    Ilkay Gündogan: Der Dortmunder war vor allem in der ersten Halbzeit der beste deutsche Spieler. Der Mittelfeldspieler hielt die Fäden in der Hand und setzte seine Mitspieler gut in Szene. In der Nachspielzeit des ersten Durchgangs vergab er die große Chance zur Führung. Im zweiten Durchgang war nicht mehr so viel von Gündogan zu sehen.

  • Thomas Müller

    Thomas Müller: Der Münchner war im ersten Abschnitt der unauffäligste Offensivspieler, an ihm lief das Spiel meist vorbei. Nach der Pause wurde es nicht besser.

  • Lewis Holtby

    Lewis Holtby: Der Schalker erhielt den Vorzug vor Lukas Podolski. Obwohl viel in Bewegung, blieben starke Szenen des nachnominierten U21-Kapitäns Mangelware.

  • Marco Reus

    Marco Reus: Der frühere Gladbacher hatte die ein oder andere gute Szene in der Offensive, eine Direktabnahme verfehlte nur knapp das Tor (39.). Dem Dortmunder fehlte aber die letzte Konsequenz im Strafraum - auch bei seiner Chance in der Nachspielzeit.

  • Mario Götze

    Mario Götze: Der Dortmunder lief völlig überraschend erstmals im Sturm auf. Götze rotierte ständig mit Reus, Holtby und Müller. In der 21. Minute vergab er aus kurzer Distanz die Chance zur Führung. Als Alternative im Angriff konnte sich Götze, der in der 72. Minute durch Lukas Podolski ersetzt wurde, nicht empfehlen.

  • Lukas Podolski

    Lukas Podolski: Der Londoner kam in der 72. Minute für Götze. Aufällige Szenen hatte der frühere Kölner zunächst keine.

  • André Schürrle

    André Schürrle: Der Leverkusener kam in der 85. Minute für Müller, konnte aber keine Akzente mehr setzen.

  • Roman Neustädter

    Roman Neustädter: Feierte sein Länderspieldebüt, als er in der 87. Minute seinen Schalker Teamkollegen Holtby ersetzte.

  • Julian Draxler

    Julian Draxler: Der Schalker löste in der Nachspielzeit Reus ab.

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