Nationalmannschaft: Der Kapitän darf nach seiner Entschuldigung bleiben

Löws Friedensbefehl an Ballack

Aus London kam schließlich das Okay. Am Nachmittag stimmte Michael Ballack in seiner englischen Wahlheimat dem Entwurf des Friedensvertrages telefonisch zu. Um 16:35 veröffentlichte dann der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Presseerklärung.

Hamburg. Inhalt: Michael Ballack hat sich entschuldigt - und darf Kapitän bleiben.

Damit ist zumindest vorläufig der Krach zwischen Bundestrainer Joachim Löw und seinem Spielführer beigelegt. Zwei Wochen hatten sich beide Parteien nach Ballacks Interview mit heftiger Kritik an Löws Führungsstil gestritten. Zwischendurch stand sogar die Zukunft des Kapitäns in der Nationalmannschaft auf dem Spiel. Sehr deutlich hatte Löw dem Profi in Diensten des FC Chelsea den Rauswurf angedroht.

Bei dem kurzfristig vereinbarten, zweistündigen Friedensgipfel am Freitag, zu dem Ballack mit einem Privatjet aus London in die DFB-Zentrale anreiste, machte Löw seine Position dann auch mehr als deutlich klar. In dem Vier-Augen-Gespräch ließ Löw seinen Spielführer wissen, dass er sich ein solches Verhalten nicht bieten lässt. Entsprechend deutlich waren denn auch seine Worte in der Erklärung: "Auch als Kapitän muss er sich an die Regeln halten. Er weiß, dass er jederzeit alle Dinge intern ansprechen kann. Alle sportlichen und personellen Entscheidungen werden aber letztlich von unserem Trainerteam getroffen - und dies habe ich Michael unmissverständlich deutlich gemacht."

Ballack nahm den Friedensbefehl sofort an, wissend, dass jedes Zögern seine Chancen auf einen Verbleib im Team gegen Null gesenkt hätte. Entsprechend reumütig erklärte er: "Ich habe eingesehen, dass es nicht in Ordnung war, an die Öffentlichkeit zu gehen und bedauere auch, dass der Eindruck entstanden ist, ich wolle Joachim Löw in seiner Position als Bundestrainer kritisieren. Dafür habe ich mich bei Joachim Löw entschuldigt." Offenbar überzeugte Löw am Ende, dass Ballack es mit seiner Entschuldigung auch wirklich ernst meinte. Wohl auch deshalb ließ er in die Erklärung am nächsten Tag noch ein Sonderlob für den Kapitän schreiben: "Ich freue mich, dass damit ein hervorragender Nationalspieler, der in den vergangenen Jahren großen Anteil an unseren Erfolgen hatte, weiter zur Verfügung steht und uns helfen wird, die gesetzten Ziele auf dem Weg zur WM 2010 zu erreichen."

Dennoch bleiben Zweifel, ob der Frieden von Frankfurt wirklich belastbar bleibt. Augenfällig: Ballack entschuldigt sich weiter nur für den öffentlichen Weg seiner Kritik - nicht für den Inhalt. Der Chelsea-Profi ist weiter überzeugt, dass die Nicht-Berücksichtigung seines Teamgefährten Torsten Frings ein Fehler ist. Ballack sieht darin ein grundsätzliches Misstrauensvotum gegen die älteren Spieler - sowohl Frings als auch er selbst werden im WM-Jahr 2010 34 Jahre alt. Ballacks Sorge: Löw gefährde mit den verstärkten Einbau von jungen Spielern den Erfolg.

Löw beharrt dagegen auf den Leistungsgedanken und will weiter keine Stammplatzgarantie für arrivierte Kräfte geben.

Viel wird in der Zukunft davon abhängen, inwieweit der Bundestrainer seinen Kapitän bei seinen Personalentscheidungen mit einbezieht. Offenbar erfuhr Ballack vor dem Länderspiel gegen Russland (2:1) erst in der Teambesprechung von Frings` Verbannung auf die Ersatzbank.

Spannend bleibt auch, wie die Mannschaft den Friedensschluss aufnehmen wird. Zumindest bei jüngeren Spielern dürfte der Kapitän mit seiner Entschuldigung massiv Autorität verloren haben. Zudem gilt das Verhältnis zwischen Teamdirektor Oliver Bierhoff und Ballack als nicht mehr reparabel. Schließlich soll Ballack beim Streit nach dem EM-Finale in Wien um eine Fan-Aktion Bierhoff sogar als "Pisser" beschimpft haben.

Ballack, Löw, Bierhoff - die Troika des DFB ist nur noch eine Zweckgemeinschaft. Bei Misserfolgen auf dem Weg zur WM 2010 sind die nächsten Dissonanzen eine Frage der Zeit.

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