China

Reise in das Reich der Yao-Frauen

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In den Reisterrassen von Longsheng in China haben sie das Sagen. Ein Hamburger Reiseveranstalter ermöglicht die Reise in ihre sagenhafte Heimat.

Longsheng. Shai Qin Luo ist eine moderne Frau, die ihr Haar sehr kurz trägt. Zugegeben, es fällt ihr weit über die Schultern. Sie lebt in einem handgefertigten Holzhaus, das man nur durch einen zweistündigen Fußmarsch durch die Reisterrassen erreichen kann. Feuerholz wird mit Ponys angeliefert, da es in diesem Teil des Nationalparks keine Straßen gibt. Aber für eine Frau aus dem Volk der Yao wirkt die 28-Jährige geradezu westlich - vor allem wegen ihrer Frisur. Denn traditionellerweise reicht den Yao-Frauen in den Longji-Reisterrassen in der südchinesischen Provinz Guangxi das Haar bis weit über die Knie - oder würde es, wenn sie es je offen trügen. Der Sitte nach türmen Yao-Frauen die schwarzen Stränge kunstvoll verschlungen auf dem Kopf auf. An der Art, wie eine Yao-Frau ihr Haar gestaltet, erkennt man, ob sie verheiratet ist und Söhne oder Töchter hat.

Wegen ihrer Haarlänge von bis zu zwei Metern stehen die Frauen des Dorfes Huangluo sogar im Guinnessbuch der Weltrekorde. Warum es ausgerechnet dieses Dorf ist, bleibt unverständlich, es könnte jedes in dieser Gegend sein. In den turbanartigen Gebilden der Yao-Frauen verbergen sich die Haare ihres ganzen Lebens. Nur einmal darf die Schere ran: am 18. Geburtstag als Zeichen ihres Erwachsenseins. Das abgeschnittene Haar wird geflochten und quasi als Eigenhaarteil mit in die Frisur eingebaut. Dazu kommt ein weiterer Strang aus allen Haaren, die den Frauen im Laufe der Jahre ausgegangen sind. Gewaschen wird die Pracht mit Reiswasser.

"Das Haar ist für die Hong-Yao ein Symbol für Leben und Weisheit. Je länger das Haar, desto klüger und langlebiger die Frau", sagt Chen Guoqiang, ein Reiseführer von China Tours aus Guilin, der uns fachkundig begleitet. Ohne ihn wären wir in den Reisterrassen aufgeschmissen. Selbst wer Chinesisch spricht, versteht die Sprache des Yao-Volkes nicht. "Langnasen", wie Westler hier genannt werden, sind in der abgeschiedenen Pension von Frau Luo seltene Gäste. China Tours aus Hamburg ist nach eigenen Angaben der einzige Anbieter, der Deutsche zu ihr bringt. Mit dem preisgekrönten Programm "Elements of China" will der Geschäftsführer Liu Guosheng, Wahl-Hamburger aus Leidenschaft, Reisen abseits von Reisegruppen und ausgetretenen Touristenpfaden möglich machen. "Obwohl China insgesamt 55 Nationalitäten beheimatet, ist die Yao-Kultur eine ganz besondere", sagt er.

+++Schlangenschnaps und geheimnisvolle Speisen+++

Die Geschichte der Yao, deren Urvater der Legende nach ein fünffarbiger Drachenhund mit 120 Punkten sein soll, reicht bis ins fünfte Jahrhundert vor Christus zurück. Es gibt mehr als zehn verschiedene Zweige dieses Volkes, das von der chinesischen Regierung offiziell als Nationalität oder "Minderheit" anerkannt ist. Die etwa 2,6 Millionen Yao in China genießen daher Sonderrechte. Die Ein-Kind-Politik etwa gilt nicht für sie. "Unsere Häuser sind groß, damit viele Kinder darin Platz haben", sagt Frau Luo. Die junge Frau hat erst einen Sohn, der bei der Oma in der Stadt lebt, dort zur Grundschule geht und später einmal Karriere in der großen weiten Welt machen soll. Ein weiterer Schritt weg vom traditionellen Leben der Yao als Reisbauern, die von der Hand in den Mund leben. Den ersten hat Frau Luo schon getan. "Meine Eltern haben ihr Leben lang auf den Feldern gearbeitet, ich nie", sagt sie. Stattdessen lebt sie vom Tourismus, der Einzug gehalten hat, seit die Longji-Reisterassen Nationalpark sind.

Mei Jing Lou, "Das Haus der schönen Landschaft", heißt ihre Pension, die über dem Bergdorf Jin Keng thront. Der Name ist eine Untertreibung: Schlicht atemberaubend ist die Aussicht über die Reisterrassen, die vor über 700 Jahren angelegt wurden. Steile Terrassenhänge bilden verrückte geometrische Formen, Türme, Schnecken und Wellen. Je nach Tages- und Jahreszeit spiegelt das Wasser das satte Grün der Reispflänzchen, den silbergrauen Himmel oder das Gold der blühenden Rapspflanzen, die im Herbst als Dünger gezogen werden. Im Winter bedeckt Schnee die Hänge, die bis zu 1180 Meter aufragen und steil bis zum tiefsten Punkt auf 380 Meter hinunterstürzen. Beschilderte Wege führen zu Aussichtspunkten mit Blick auf "Die Tausend Schichten zum Himmel" oder "Die neun Drachen und fünf Tiger". Bunte Punkte leuchten in den Feldern - Reisbäuerinnen, die ihre prächtige handgewebte Tracht täglich bei der Arbeit tragen. Nachts hört man Frösche und die kreissägenähnlichen Laute der Zikaden, tagsüber Wasserplätschern und Vogelgesang. Riesige Schmetterlinge schweben umher.

Vor Frau Luos Pension warten zwei Yao-Reisbäuerinnen auf Touristen, die ihr Gepäck nicht schleppen wollen. Für umgerechnet drei Euro tragen sie es hinunter in das zwei Fußmarschstunden entfernte Dorf Dazhai, wo der Nationalpark-Bus hält. Schwere Silberringe haben ihre Ohrläppchen lang gezogen, das aufgetürmte Haar bedeckt ein Tuch. Wer ihre Dienste in Anspruch nimmt, darf sie fotografieren.

Auch Frau Luos Nachbarn profitieren vom Tourismus. Frau Pan und ihr Mann, beide 68 Jahre alt und Eltern von sechs Kindern, haben ihr Leben auf den Reisfeldern verbracht. "Am härtesten ist das Pflügen mit dem Wasserbüffel", sagt die Bäuerin. "Wir sind froh über die Urlauber. Mit dem Verkauf von handgewebten Trachten verdiene ich etwas dazu." Im Erdgeschoss leben die Hühner und vier Schweine, im ersten Stock die Familie.

Das Land gehört dem Staat, der ihnen 15 Prozent der Reisernte für einen geringen Betrag abnimmt. Zum weiteren Verkauf bleibt wenig. "Fast alles verbrauchen wir selbst", sagt Frau Pan. "Wir essen dreimal täglich Reis." Bei den Yao haben die Frauen das Sagen, ihre Männer stehen meistens stumm lächelnd daneben - wenn man überhaupt erkennen kann, welcher der herumlungernden Typen der Ehemann ist. Das ist nicht ohne Grund so: Über Jahrhunderte war die Struktur der Yao matriarchalisch, sowohl wirtschaftlich als auch sexuell. "Der alten Sitte nach dürfen Frauen wie Männer mehrere Liebhaber haben, auch nach der Heirat", so Chen Guoqiang. "Die Männer ziehen in das Haus der Familie der Frau ein und haben wirtschaftlich nichts zu melden. Die Kinder bekommen den Nachnamen der Mutter." Bei einer Trennung hatte der Mann keine Bleibe. Heute sind diese Sitten aufgeweicht. "Von einem Matriarchat kann man nicht mehr sprechen", so Chen. "Die Eltern entscheiden gemeinsam über den Nachnamen des Kindes."

Trotzdem spürt man sie noch, die Macht der Yao-Frauen, die auch beim Flirten nicht zimperlich sind. In der Nachbarprovinz Yunnan beißen sie dem Mann, der ihnen gefällt, in den Arm. Die Narben bleiben als ewiger Liebesbeweis. Die Bräuche in den Reisterrassen von Longsheng sind weniger brutal: Mag ein Mädchen einen Mann, kneift es ihm in den Hintern. Erwidert er ihre Gefühle, tritt er ihr auf den Fuß. Eine klare Ansage.

Bisher kommen vor allem chinesische Touristen in die abgelegene Pension von Frau Luo. Viele von ihnen sind Hochzeitsreisende, die auf einen Abstecher in die Reisterrassen kommen, wenn sie das 120 Kilometer entfernte Städtchen Guilin besuchen. Eine Reise nach Guilin mit einer Fahrt auf dem Li-Fluss, das ist der Traum jedes Chinesen, ob aus Peking oder Hongkong. Rund 20 Millionen Touristen besuchen die Region um das einstige Fischerdorf. Die märchenhafte Szenerie des Flusses, der sich von Guilin bis zur 50 Kilometer südlich liegenden Kleinstadt Yangshuo durch skurril geformte grüne Karstfelsen schlängelt, gehört zu den am meisten gemalten und besungenen Landschaften in China. "So zauberhaft, dass der junge Werther seine Leiden wohl vergessen hätte", schwärmt Reiseführer Chen Guoqiang.

Schöner als die typischen Flusskreuzfahrten, die für westliche Reisegruppen reserviert sind, ist eine Tour auf einem der vielen kleinen Bambusflöße, die bevorzugten Transportmittel der chinesischen Urlauber. Der kleine Außenbordmotor knattert zwar laut, dafür sind wir näher dran am Geschehen und ganz unter uns, fernab von drängelnden Italienern oder Deutschen. Übermütige Chinesen, die an uns vorbeiziehen, bespritzen uns lachend mit Wasserpistolen, die man am Flussufer kaufen kann. Wir passieren beeindruckend geformte Karsthügel, die poetische Namen tragen wie "Der Fels der neun Pferde", "Katzenkopf", "Zank-Affe" oder "Der umgedrehte Pinsel". Am Ufer posiert ein Brautpaar für Hochzeitsfotos. Reiher und weiße Enten bevölkern das Wasser, ein Kormoranfischer geht mit seinen beiden Vögeln auf Fang.

Am Abend schlendern wir durch Guilin, vorbei an bunt beleuchteten China-Pavillons, deren wechselnde Farben sich im Wasser spiegeln. Es wimmelt von verliebten Paaren. In der Fußgängerzone herrscht buntes Treiben. Viele Stände locken mit Souvenirs zu Spottpreisen, Restaurants und Biergärten haben ihre Tische herausgestellt. In der Paulaner-Bar bedienen Chinesinnen im bayerischen Dirndl, während chinesische Touristen drinnen Karaoke singen. Ein Bild von Angela Merkel schmückt die Wand.

Das klingt skurril, ist aber nichts im Vergleich zu der wahnwitzigen Open-Air-Show Sanjie Liu. Bei der gigantischen Inszenierung stehen mehr als 600 Darsteller gleichzeitig auf einer riesigen Naturbühne am Li-Fluss vor der angestrahlten Kulisse der Karstberge. Die punktgenaue, bombastische Choreografie erinnert nicht zufällig an die Darbietungen bei den Olympischen Spielen in Peking: Regisseur der Show ist Zhang Yimou, der 2008 für die Eröffnungszeremonie verantwortlich war. Neben den menschlichen Darstellern kommen auch Wasserbüffel und Kormorane zum Einsatz. Obwohl man kein Wort versteht, ist die Gesangs- und Tanz-Show ein Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst. Genauso wenig wie das Naturspektakel der Reisterrassen, der Superlativ der anderen Art - vereint in China, dem Land der Kontraste.

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