Dyskalkulie: 130 000 Grundschüler in Deutschland leiden unter Rechenschwäche

Drei mal drei macht sechs?

Mathematik hat eine eigene Logik. Kinder mit einer ausgeprägten Lernstörung in diesem Bereich haben es schwer, in der Schule mitzukommen. Ein neues Therapiekonzept schafft "fingerleicht" Abhilfe.

Drei mal drei macht sechs." Was bei Pippi Langstrumpf noch ulkig und unproblematisch klingt, ist für die neunjährige Laura aus Hamburg alles andere als ein Spaß. Obwohl das Mädchen eine intelligente und fleißige Schülerin ist, mit guten Noten im Lesen und Schreiben, hat sie im Mathematikunterricht überhaupt keine Chance. Für Laura ist es in der 3. Klasse immer noch schwierig, einfachste Aufgaben wie 9 + 3 auszurechnen. Immer wieder nimmt sie ihre Finger zum Abzählen zu Hilfe; reichen diese nicht aus, denkt sie sich "Luftfinger" aus. Laura ist eins von 130 000 Kindern in Deutschlands Grundschulen, die eine ausgeprägte Lernstörung im Bereich der Mathematik haben - Fachleute sprechen hier von einer Dyskalkulie.

Rechenschwache Kinder können intelligent sein, auch sehr motiviert und sogar gute Noten erzielen. Mathematik hat eine eigene Logik. Wer den Zugang zu ihr nicht findet, hat es schwer, die Stufen der Mathematikleiter zu erklimmen. Und wer das Dividieren nicht beherrscht, wird spätestens an der Bruchrechnung scheitern.

Kindern mit einer Rechenschwäche ist der Zugang zur Mathematik nicht gelungen. Sie entwickeln oft eigene Regeln und Hilfsstrategien, damit sie in der Schule nicht völlig im Chaos dastehen. Diesen Strategien fehlt jedoch das Fundament, ein inhaltliches Verständnis der Zahlen. In der Schule vermitteln rechenschwache Kinder schnell den Eindruck, faul und unaufmerksam zu sein. Häufig entwickeln sie Schulangst.

Eine rechtzeitige und gezielte Förderung hilft diesen Kindern, den Teufelskreis aus schlechten Leistungen, Frust, Angst und Kummer zu durchbrechen.

Das Rechnen mithilfe der Finger steht in keinem guten Ruf. Ist es doch eines der prägnantesten Symptome für eine Rechenschwäche. Aber, Fingerrechnen ist nicht gleich Fingerrechnen. "Richtig ist: Kinder, die in der dritten Klasse noch mit den Fingern rechnen, bewältigen wesentliche Lernschritte nur langsam, unvollständig oder gar nicht. Allerdings wäre es ungerecht, diese Schwierigkeiten und Misserfolge den Fingern anzulasten. Es ist vielmehr die zugrunde liegende Rechenstrategie, das zählende Rechnen, die dem Lernfortschritt im Wege steht", beschreibt Dr. Jochen Peter, der Psychologische Leiter des Instituts für mathematisches Lernen in Hamburg, die Problematik der Kinder, die unter einer Rechenschwäche leiden.

Das bemerken Eltern und Lehrer immer dann, wenn sie die Kinder auffordern, die Finger endlich wegzulassen. Die Kinder versuchen dem nachzukommen, brauchen dann aber andere Zählhilfen. Werden die Finger dagegen als Lern- und Arbeitsmittel zum Aufbau eines positiven Mengenverständnisses benutzt, so entwickeln sie eine erstaunliche Produktivität. Schließlich gehören sie zu den ältesten Rechenwerkzeugen des Menschen, sind ständig verfügbar und leicht einsetzbar.

Das Institut für mathematisches Lernen in Hamburg hat in über zwölfjähriger Arbeit ein Förderprogramm für Kinder entwickelt. Ein konkretes Beispiel: Das Kind legt mit geschlossenen Augen oder unter einem Tuch verdeckt eine Fingerbild-Neun. Der Lehrer nennt eine Teilmenge: Die Neun besteht aus einer Fünf und aus welcher anderen Zahl? Das Kind bewegt die Fünf - also eine Hand - und die Vier - also weitere vier Finger. Dann nennt es das Ergebnis: vier. So werden nacheinander alle Zerlegungen der Neun in beliebiger Reihenfolge geübt.

Dieses "Verdeckte Operieren" gehört zu dem Hamburger Zahlbegriffs- und Rechenaufbau (HamZaRA). Dies ist ein systematisches Programm zur Förderung des Zahl- und Rechenverständnisses, zunächst im Zahlenraum bis zehn. Die eigenen Finger werden dabei als Lernmittel eingesetzt, das Zahleigenschaften, Zahlbeziehungen und Rechenoperationen erfahrbar macht.

"Der mehrjährige praktische Einsatz dieses Programms in der lerntherapeutischen Arbeit unseres Instituts hat gezeigt, dass es eine hohe Wirksamkeit bei Kindern mit einer Rechenschwäche erzielt", erläutert Jochen Peter das neue Therapiekonzept. Das Förderprogramm liegt jetzt auch in Buchform vor.

"Das Buch mit praktischen Materialien wendet sich vor allem an Lehrer, Sonderpädagogen und andere Berufsgruppen, aber auch an Eltern, um sich mit der Problematik der Dyskalkulie zu befassen", erklärt Peter.

Weitere Informationen: Zum Thema Rechenschwäche für Interessierte, Lehrer und betroffene Eltern beim Institut für Mathematisches Lernen Hamburg, Grindelberg 45, 20144 Hamburg, Tel.: 040/422 42 21.

Informationen im Internet: www.iml-hamburg.de

Literatur: Heidrun Claus Jochen Peter: "Finger, Bilder, Rechnen. Förderung des Zahlverständnisses im Zahlenraum bis 10", Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, ISBN 3-525-46246-8, 29,90 Euro.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.