04.12.12

Influenza

Volkskrankheit Erkältung: Die Nase voll

Irgendwann erwischt es jeden: Erkältung und Schnupfen grassieren. Ein verlässliches Gegenmittel gibt es immer noch nicht.

Von Alexander Schuller
Foto: dpa/DPA
Grippewelle bleibt bisher aus
Bei Schnupfen und Erkältung kann ein Taschentuch Abhilfe schaffen

Trösten Sie sich. Sie sind nicht allein. Egal wo Sie zurzeit anrufen: Die Stimme, die Ihnen antworten wird, klingt ziemlich sicher leidend, röchelnd und schlapp. Viele der Betroffenen bezeichnen ihren Zustand gemeinhin als "Grippe", was allerdings falsch ist; denn während die klassische Influenza eine Allgemeininfektion des ganzen Körpers ist, entwickeln sich Infekte der oberen Luftwege nur auf den Schleimhäuten (worauf die Komponenten des Immunsystems übrigens wenig Zugriff haben, dazu später mehr). Andere sagen "Schnupfen" oder "Erkältung", was zumeist stimmt. Und die Mitglieder aus der Gruppe der Hypochonder stöhnen mit letzter verbliebener Kraft, es handele sich um eine "extrem hartnäckige Superinfektion mit Rhinoviren", aus der mit Sicherheit mindestens eine Sinusitis und/oder eine Bronchitis erwachsen werde.

Es ist schon merkwürdig. Gegen die meisten bekannten und gefährlichen Infektionskrankheiten kann man sich mittlerweile impfen lassen, auch gegen Grippe. Aber ein Schnupfen erwischt irgendwann jeden, Millionen von uns, jedes Jahr, unwiderruflich, manchmal sogar im Frühjahr, im Sommer und vor allem aber jetzt, wenn der Herbst in den Winter übergeht. "Fast jeder zweite Kunde hat Erkältungsbeschwerden", sagt Götz Nickel von der Bienen-Apotheke in Alsterdorf, dessen Kundenzahl in den vergangenen Wochen um rund 30 Prozent angestiegen ist. In der Adler-Apotheke in Wandsbek sieht es ähnlich aus: "Die Nachfrage nach Medikamenten gegen Erkältungssymptome ist extrem hoch", sagt Apothekerin Yvonne Zlodej. "Nasenspray und Mittel gegen Kopf- und Gliederschmerzen sind der Renner."

Während eine echte Grippe in den meisten Fällen von hohem Fieber begleitet wird, sind die Erkältungssymptome von Mensch zu Mensch unterschiedlich: 72 Prozent sagen, die Erkrankung kündige sich mit Halskratzen an, 61 Prozent leiden unter einer triefenden Nase. Satte 89 Prozent trinken beim ersten Anflug der Erkältung sofort eine heiße Zitrone, einen Salbei- oder anderen Kräutertee - was sicherlich schmeckt und kurzzeitig wohltut, aber im medizinischen Sinne nicht wirklich hilft. Und nahezu 99,9 Prozent aller Erkrankten entwickeln nach dem endgültigen Ausbruch der Erkältung dieses Mir-ist-alles-egal-ich-will-nur-noch-ins-Bett-Gefühl. Ja, warum tun sie das dann nicht einfach? Warum quälen sie sich an ihren Arbeitsplatz, gehen weiterhin der Hausarbeit nach, verzögern damit den Genesungsprozess und setzen damit ihre Mitmenschen der latenten Gefahr aus, sich anzustecken?

Fakt ist: Schnupfen ist eine unangenehme Volkskrankheit. Aber besonders gefährlich sei sie in der Regel nicht, sagt der Arzt und Virologe Prof. Dr. Dieter Neumann-Haefelin, 64, von der Universität Heidelberg. "Wenn aber Komplikationen auftreten, kann der Schnupfen seine Harmlosigkeit verlieren." Ernsthafte Folgen eines Schnupfens können etwa die Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis) bei Erwachsenen sein, die Mittelohrentzündung bei Kleinkindern und die Säuglings-Pneumonie (Lungenentzündung) bei Babys. Wer eine solche Erkrankung vermutet, sollte schnell zum Arzt gehen - da hilft Salbeitee nicht mehr.

Unabhängig vom persönlichen Krankheitsgefühl ist Schnupfen ein Wirtschaftsfaktor: Er belastet des Bruttosozialprodukt erheblich. Statistisch wird jeder Arbeitnehmer pro Jahr im Mittel exakt 6,96 Tage wegen einer Erkältung krankgeschrieben. Und mehr als die Hälfte des Produktionsausfalls entsteht, weil die Arbeitsleistung der erkälteten Menschen beeinträchtigt ist. Damit fallen pro sozialversicherungspflichtigem Beschäftigten indirekte Kosten von durchschnittlich 1009 Euro pro Jahr an; hochgerechnet sind das rund 29,2 Milliarden Euro, die nicht in die Volkswirtschaft, sondern ins Taschentuch gehen. Diese Zahlen sind das Ergebnis einer Erhebung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung; Selbstständige wurden dabei nicht berücksichtigt.

Der Bundesverband Deutscher Apotheker in Frankfurt wiederum hat ausgerechnet, dass jeder erkältete Mensch am Tag durchschnittlich 2,41 Euro für Medikamente ausgibt (inklusive Vitamine und homöopathische Arzneien), was der Pharmaindustrie einen jährlichen Erkältungsumsatz von gut 1,75 Milliarden Euro verschafft. Schnupfen hat aber auch eine positive Komponente: Selbst die herzlosesten Zeitgenossen verwandeln sich in empathische Hobbymediziner und überschütten die Verschnupften mit gut gemeinten Vorschlägen für "garantiert wirksame" Therapien. Besonders häufig wird warmes Bier empfohlen (mit Honig, aber nicht wärmer als 40 Grad), gefolgt von der klassischen, heißen Hühnerbrühe. Auf Platz drei brodelt heißer Holunderbeersaft (mit oder ohne Schuss Hochprozentigem).

Viele Hausärzte schwören zusätzlich auf Inhalationen mit Kamille (oder Menthol), Naturheiler auf Fußbäder in heißem Senfwasser. Gut Betuchte empfehlen neuseeländischen, antibakteriell wirkenden Manuka-Honig (Wirkstoff: Methylglyoxal, das 250-Gramm-Glas für durchschnittlich 42 Euro im Internet-Versandhandel oder für 59 Euro im Reformhaus). Die Pharmaziegläubigen dagegen versuchen, Erkältungssymptome mit coffeinangereicherten, vitaminreichen und fiebersenkenden Pillen zu unterdrücken. Weltenbummler bewahren nicht selten "Spezialsäfte" aus dem Ausland im Badezimmerschrank auf, die man hierzulande höchstens als Heroin-Junkie zur Substitutionstherapie verschrieben bekäme. Und dann gibt's natürlich noch den Gang zum Arzt, der ziemlich oft bei einem rezeptpflichtigen Antibiotikum endet. Das ist allerdings nur sinnvoll, wenn sich bakterielle Erreger in den oberen Luftwegen eingenistet haben.

Jede dieser Behandlungen geht mit dem unvermeidlichen Witz einher: "Eine Erkältung dauert mit Arzt 14 Tage und ohne Arzt zwei Wochen." Eine These, der auch seriöse Schnupfenforscher nicht widersprechen. Aber dann muss sich der betüdelte Kranke zumeist noch anhören, was er in Zukunft tun soll, um sich gar nicht erst eine Erkältung einzufangen: in der "kritischen" Zeit grammweise Vitamin C schlucken, kalt duschen, in der Sauna schwitzen, den Kopf immer warm halten (Föhnen nicht vergessen!), die Füße auch. Denn: "Füße warm - Doktor arm", weiß der Volksmund. Und: Das Begrüßungsküsschen können Sie vergessen (wie alle anderen Küsse auch). Propagiert werden selbstverständlich auch die einschlägigen Prophylaxemittel - zur "Stärkung des Immunsystems". Aber nützt das alles was? Oder stärken die Mittel bloß die Wirtschaftskraft der pharmazeutischen Industrie? Denn wie ist es zu erklären, dass zurzeit so viele Menschen trotz aller prophylaktischen Maßnahmen verschnupft sind?

Dieter Neumann-Haefelin forscht schon lange zum Thema Schnupfen und kann daher die Mythen und Legenden um die Volkskrankheit Nummer eins entlarven. Es fängt schon an mit der Ansteckung: "Die Schmierinfektion ist der Übertragungsmechanismus Nummer eins", sagt der Virologe, "noch vor dem Tröpfchennebel, der beim Niesen entsteht."

Das kann man auch dahingehend interpretieren, dass es gefährlicher ist, einem erkälteten Menschen die Hand zu geben, als ihn zu küssen. Denn bei etwa 100 von geschätzten 300 der unterschiedlichen Rhinoviren könne es sogar passieren, dass man sich schon infiziert, wenn man den viel benutzten Griff einer Zugtür oder einen anderen Gegenstand berührt. Weil der Mensch sich mit den Fingern unbewusst dauernd im Gesicht herumfummele, gerieten die Rhinoviren dann auf die Schleimhäute.

Wenn das passiert und die Umstände günstig sind, docken die Schnupfenviren an die Zellen der Schleimhäute an und beginnen, ihr eigenes Erbgut ins Erbgut der Wirtszelle einzubauen. Die manipulierte Zelle produziert dann neue Viren, bis sie selbst zugrunde geht und Millionen neuer Viren freisetzt, die blöderweise nichts Besseres zu tun haben, als weitere Wirtszellen anzugreifen. Am besten funktioniert dieses Spiel ausgerechnet in unseren gemäßigten Breitengeraden, in unseren gut geheizten, oft viel zu trockenen Behausungen. Der Hamburger Internist Dr. Hannes Welker rät daher, so häufig wie möglich an die frische Luft zu gehen und viel zu trinken. "Wichtig ist, dass Räume nicht nur ausreichend belüftet sind, sondern dass auch die Luftfeuchtigkeit hoch genug ist. Trockene Luft führt schneller zu Erkältungen. Man kann deshalb Behältnisse mit Wasser im Zimmer aufstellen."

Der walisische Schnupfenforscher Prof. Ron Eccles vom Common-Cold-Center in Cardiff konnte im Jahr 2005 nachweisen, dass auch kalte Füße die Ansteckungsgefahr vergrößern können: Er ließ 90 Studierende 20 Minuten lang in eiskaltem Wasser stehen, eine Kontrollgruppe blieb davon verschont. Eine Woche später hatten sich doppelt so viele der frierenden Probanden einen Schnupfen geholt wie diejenigen aus der Kontrollgruppe. Doch kann man nur dann krank werden, wenn das Virus sich bereits in der Nasenschleimhaut eingenistet hat. Die Wissenschaft ist einig: Kälte allein macht nicht krank.

Erstaunlich ist, dass nicht bei allen Menschen, die sich mit Rhinoviren infiziert haben, die Erkältung ausbricht. Das hat mit der Beschaffenheit unseres Immunsystems zu tun, der biologischen Firewall des menschlichen Körpers, die dafür sorgt, dass wir die tagtäglichen Angriffe ungezählter Viren und Bakterien, die es auf der Erde gibt, überleben. Dabei wird zwischen dem spezifischen und dem unspezifischen Immunsystem unterschieden. Letzteres ist genetisch bedingt, also angeboren, und wird in der Regel binnen weniger Augenblicke aktiv. Die etwas schlauere, spezifische Immunabwehr dagegen kann sich den sich verändernden Viren anpassen, um die Kontrolle zu behalten; allerdings braucht sie dafür schon mal Stunden oder sogar Tage.

"Leider ist es ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Sie ein Immunsystem stärken können", sagt der Heidelberger Virologe Neumann-Haefelin. Klassischer Volksglaube: Vitamin C hilft! Der Virologe winkt ab: "Eine hoch dosierte Einnahme von Vitamin C - dessen Unwirksamkeit übrigens längst wissenschaftlich bewiesen ist - beantwortet der Körper beispielsweise lediglich mit Durchfall." Auch die Wirkung aller anderen Prophylaxen sei eher eine "Glaubensfrage".

Dass es zu einer Erkältung kommt, dafür sind drei Faktoren hauptverantwortlich: erstens die Virulenz (also die Stärke des Erregers), zweitens die Anzahl der Erreger, drittens die tatsächliche Stärke des angeborenen Immunsystems, das zwar nicht gestärkt, aber durch sogenannte Noxen - schädigende Einflüsse - entscheidend geschwächt werden kann. Durch diese Schädigung "verändert sich die Wirtspopulation. Sie wird angreifbarer. Denn die 'zivilisierte' Menschheit isst und trinkt zu viel, raucht, steht unter Stress, hockt zu lange vorm Computer, bewegt sich einfach zu wenig. Auch andere Krankheiten, medizinische Behandlungen oder Depressionen können sich negativ aufs menschliche Abwehrsystem auswirken", sagt Neumann-Haefelin.

Und was ist mit Naturheilmitteln? "Zwar fehlen derzeit noch die wissenschaftlichen Nachweise, dass einige der Naturheilmittel in Bezug auf Ansteckung sinnvoll sind. Aber das, was uns die Apotheken und die Wellnessbranche anbieten, ist im Grunde fauler Zauber. Jede normale Ernährung enthält genügend Vitamine." Der Mediziner ist auch skeptisch, was frei verkäufliche Pflanzenextrakte, Inhalationsmittel und sogar die guten alten Hausmittel gegen Schnupfen ausrichten können. "Es gibt keinen einzigen überzeugenden medizinischen Nachweis, dass sie den Krankheitsverlauf verkürzen können oder auf die Stärke der Symptome einen Einfluss haben", sagt Neumann-Haefelin.

Aber steht dem nicht das subjektive Empfinden gegenüber? Scheint man sich nicht nach der Einnahme eines bestimmten Mittels besser zu fühlen? "Die Wirkung ist am ehesten als Linderung und weniger als Heilung zu verstehen - und man muss wohl fest daran glauben."

Ein ziemlich ernüchterndes Fazit: Erkältungen kommen und gehen also. Nichts und niemand kann sie aufhalten. Höchstens ein ABC-Schutzanzug, der zwischenmenschliche Kontakte verhindert. Aber wer will das schon?

Andererseits: Wenn man weiß, dass es praktisch kein Entrinnen gibt - dann kann man sich auf den nächsten Schnupfen doch eigentlich ganz gelassen einstellen.

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