19.11.12

Umwelt

Uno-Klimagipfel: Der Holz-Weg zur Klimarettung

Beim Uno-Klimagipfel berät der Hamburger Forstwissenschaftler Sebastian Rüter die deutschen und europäischen Chefverhandler.

Von Angelika Hillmer
Foto: Roland Magunia
Sebastian Rueter vom von-Thuenen-Institut
Sebastian Rüter und der Stoff, der sein Arbeitsleben bestimmt: Holz. Zum sechsten Mal reist Rüter nächste Woche zu einem Uno-Klimagipfel

Hamburg. Wenn sich heute in einer Woche Tausende Regierungsvertreter, Lobbyisten und Journalisten zum Auftakt des Uno-Klimagipfels in Doha (Katar) treffen, ist auch ein Hamburger Forstwissenschaftler dabei: Sebastian Rüter untersucht am Thünen-Institut für Holztechnologie und Holzbiologie, wie stark das Klima profitiert, wenn Holz aus nachhaltig genutzten Wäldern verbaut oder verbrannt wird. Mit seinem Spezialwissen steht er den deutschen und europäischen Chefverhandlern zur Seite, wenn Detailfragen aus seinem Arbeitsgebiet aufkommen.

Es ist Rüters sechste Gipfelteilnahme im wissenschaftlichen Bereitschaftsdienst. Das heißt für ihn: Er muss seine Kenntnisse als Fachmann in die Diskussion einbringen, solange über sein Thema debattiert wird. "Beim vergangenen Gipfel in Durban wurde zum Konferenzschluss bis morgens um vier über Holznutzung verhandelt, bis letzte Details zwischen einzelnen Ländern geklärt werden konnten", erzählt Rüter. Folglich wurde es auch für ihn eine lange Nacht.

Rüter leitet am Lohbrügger Thünen-Institut die fünfköpfige Arbeitsgruppe "Holz und Klima". Zu ihren Aufgaben gehört es, eine Klimabilanz der derzeitigen Holznutzung in Deutschland abzuschätzen und zu ermitteln, wie sich diese Bilanz potenziell verbessern lässt. Denn wenn dies gelingt, so kann der erzielte positive Klimaeffekt auf mögliche zukünftige Reduktionsverpflichtungen zum Treibhausgasausstoß angerechnet werden. Zwar wurde in Durban beschlossen, das Kyoto-Protokoll, das in diesem Jahr ausläuft, zu verlängern - ein Nachfolge-Abkommen ist aber politisch noch nicht greifbar. Doch arbeiten im Hintergrund Fachleute wie Sebastian Rüter daran, dass kommende Vereinbarungen, wenn sie denn von den Vereinten Nationen oder einigen Vorreiterstaaten beschlossen worden sind, überhaupt technisch umgesetzt werden können.

Um die Holznutzung zum berechenbaren Klimafaktor zu machen, betrachten die Forstwissenschaftler den Wald als natürlichen Speicher von Kohlenstoff (C). Kohlenstoff bildet die chemische Basis der Treibhausgase Kohlendioxid (CO2) und Methan (CH{-4}). Ist er in der Biomasse der Bäume fest eingebunden, so schützt dies das Weltklima. Wenn jedoch ein Baum gefällt wird, so reduziert dies den natürlichen Speicher um die Kohlenstoffmenge, die der Baum enthält. Das ist der Negativ-, der Sollposten der Klimabilanz.

Wie sich der Holzeinschlag tatsächlich auf das Klima auswirkt, hängt auch davon ab, wie der Rohstoff genutzt wird: Dient er als Brennstoff, so gelangt der Kohlenstoff (in Form von CO2) sofort in die Atmosphäre. Wird er jedoch zu Bauholz oder Möbel verarbeitet, bleibt der Kohlenstoff über Jahrzehnte in den Produkten gebunden - es ist ein neuer Kohlenstoffspeicher entstanden, er bildet einen Habenposten in der Klimabilanz. Gleichzeitig wächst in einem nachhaltig genutzten Wald genauso viel Biomasse nach, wie zuvor entnommen wurde, sodass das Klima von der Holzernte sogar profitieren kann.

Das gilt erst recht, wenn der sogenannte Substitutionseffekt in die Bilanz eingerechnet wird: Ersetzt Holz Baustoffe wie Beton, Stahl oder Kunststoff, so wird die Energie (und der damit verbundene CO2-Ausstoß) eingespart, die sonst zur Herstellung dieser Materialien aufgewendet worden wäre. Das gilt auch, wenn das Holz zum Brennstoff wird und die fossilen Energieträger Kohle, Öl oder Gas ersetzt. Allerdings löst sich in diesem Fall die Speicherwirkung des Holzes in Luft auf. Ideal für das Klima sei deshalb eine Nutzungskaskade, bei der das Holz zunächst als Material und erst später als Brennstoff diene, so Rüter: "Die zurzeit massiv geförderte energetische Nutzung von frischem Waldholz ist aus Klimasicht fragwürdig. Das Verbrennen von Altholz ist dagegen sinnvoll."

Wird eine deutsche Eiche zum Eichenschrank verarbeitet, ist das ein Glücksfall für das Klima. Denn der Schrank ist womöglich beständiger als der Baum. Wird dagegen Holz zu Kisten, Griffen oder Kochlöffeln, ist der entstandene Kohlenstoffspeicher deutlich kurzlebiger. Da nicht jedem Holzprodukt im Rahmen der Bilanzierung eine Lebenszeit zugeordnet werden kann, arbeiten die Forscher mit drei Nutzungsbereichen, denen sie jeweils eine "Zerfallskurve" zuordnen. Sie bildet im Zeitverlauf den altersgemäßen Schwund im jeweiligen Bereich ab. Am langlebigsten ist das Schnittholz (Baumaterial, Möbel etc.), gefolgt von den Werkstoffen (u. a. OSB-/Spanplatten) und dem kurzlebigen Papier.

Würde nun in Deutschland vermehrt Holz als langlebiges Bau- und Möbelholz eingesetzt, so würde sich die Klimabilanz der Holznutzung verbessern. Dank der Arbeiten der Lohbrügger Wissenschaftler ließe sich das in Form von Kohlenstoffmengen in Zahlen fassen. Das weitgehend ausgearbeitete internationale Klimavertragswerk sieht vor, dass diese als Gutschrift anzurechnen wären. Allerdings gelte dies nur für Produkte aus heimischem Holz, so Rüter: "Importierte Holzprodukte werden dem Ursprungsland zugerechnet, da dort auch die Holzentnahme zu Buche schlägt. Zudem ist eine Gutschrift nur möglich, wenn der Wald, aus dem das Holz stammt, nachhaltig bewirtschaftet wird. Denn es darf nicht passieren, dass Raubbau-Holz plötzlich ein positiver Klimaeffekt zugerechnet wird."

Weitere Regeln sind zu beachten, damit eine klimafreundlichere Holznutzung international punkten kann. Deshalb sind Fachberater wie Sebastian Rüter nicht nur auf den jährlichen zweiwöchigen Uno-Klimagipfeln im Einsatz, sondern eigentlich das ganze Jahr über. "Die Vertragsstaaten der Klimakonvention haben Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themenbereichen, etwa zur Landnutzung und Forstwirtschaft. Innerhalb dieser Bereiche gibt es wiederum Spezialistengruppen, etwa zur Wiedervernässung von Mooren oder eben zur Holznutzung. Zumindest mit den europäischen Experten stimme ich mich beinahe jede Woche ab."

Von der Doha-Konferenz erwartet Rüter, dass es für ihn etwas ruhiger wird als in Durban: "Viele technische Aspekte im Bereich des Forst- und Holzsektors sind jetzt klar." Er wird aber wieder von Anfang an dabei sein, zur täglichen Abstimmung in die morgendliche Delegationsbesprechung gehen und sich anschließend bereithalten, um Fachfragen mit Kollegen aus aller Welt zu besprechen.

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