30.10.12

Menschheitsgeschichte

Was der Neandertaler vom Menschen lernte

Eine Studie kommt zu dem Schluss, dass unsere ausgestorbenen Verwandten fortschrittliche Werkzeuge und Schmuck aus Knochen herstellten.

Von Marc Hasse
Foto: dpa
Neandertaler-Erbgut ist entziffert
Der Neandertaler, hier seine Nachbildung aus dem Neandertal-Museum in Mettmann, verschwand vor etwa 40 000 Jahren - warum, ist weiterhin unkla Mettmann Erkrath Jubiläum

Leipzig . Konnten die Neandertaler mehr als einfache Werkzeuge aus Steinen und Knochen anzufertigen? Ja, sagen die Autoren einer neuen Studie. Ihnen zufolge entwickelten unsere ausgestorbenen Verwandten ihre Fertigkeiten in Europa aber wahrscheinlich nicht selbst, sondern sie hatten Lehrmeister: die ersten modernen Menschen auf dem Kontinent.

Die Arbeit, die ein internationales Forscherteam um Jean-Jaques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie im Journal "PNAS" vorstellt, liefert weitere Hinweise, dass die Beziehungen zwischen den beiden Menschengruppen enger waren als lange angenommen. Der Mensch, schreiben die Forscher, habe den Neandertaler kulturell inspiriert.

Genützt hat dieser Fortschritt den Neandertalern letztendlich allerdings nicht: Vor etwa 40 000 Jahren verschwanden sie von der Bildfläche – aus noch ungeklärten Gründen. Die modernen Menschen hingegen, die nach jüngeren Erkenntnissen vor 45 000 bis 43 000 Jahren in Europa einwanderten und dort etwa 5000 Jahre mit den Neandertalern zusammenlebten, besiedelten den Kontinent.

Auch Höhlenmalereien in Nordspanien könnten von Neandertalern stammen

Warum die Neandertaler ausstarben, kann auch die neue Studie aus Leipzig nicht aufklären, aber sie zeigt einmal mehr, dass unsere Verwandten nicht so primitiv waren, wie es ältere Forschungen vermuten ließen. Tatsächlich konnten Neandertaler anspruchsvolle Werkzeuge und Schmuck aus Knochen herstellen, berichten Hublin und seine Kollegen. Erst im Juni hatten Forscher um den britischen Anthropologen Alistair Pike im Journal "Science" berichtet, dass Höhlenmalereien aus der Steinzeit in Nordspanien zum Teil mindestens 40 800 Jahre alt sind. Damit könnten die Werke auch von Neandertalern stammen, die damals dort lebten.

Die Forscher aus Leipzig konzentrierten sich auf eine Höhle in Frankreich, in der Überreste von Neandertalern entdeckt worden waren: die Grotte du Renne (Rentier-Höhle) bei Arcy-sur- Cure. Dort haben sich Schichten aus drei Epochen erhalten. In das Moustérien, das vor etwa 120 000 Jahren begann, fällt die Herstellung einfacher Steinwerkzeuge. Diese Epoche lässt sich eindeutig den Neandertalern zuordnen, weil in Schichten aus dieser Zeit bisher nur Überreste dieser Menschenart gefunden wurden. Das Aurignacien hingegen, das die erste Kultur darstellt, die figürliche Kunstwerke und Musikinstrumente hervorbrachte und nach jüngeren Erkenntnissen vor etwa 43 000 bis 42 000 Jahren wohl in Süddeutschland begann, lässt sich eindeutig dem Menschen zuordnen. Welche der beiden Menschengruppen die Übergangsindustrie Châtelperronien (CP) schuf, war bisher umstritten.

Die Übergangsindustrie Châtelperronien (CP) lässt sich Neandertalern zuordnen, zeigte eine Radiokohlenstoffdatierung.

Zwar stammten die in der Grotte du Renne entdeckten Neandertalerknochen aus der CP-Schicht. Und in eben diesen Ablagerungen hatten Archäologen auch vergleichsweise aufwendige Werkzeuge und Schmuckstücke aus Knochen gefunden. Dennoch bezweifelten viele Forscher lange, dass Neandertaler diese Artefakte hergestellt hatten. Objekte aus verschiedenen Schichten könnten sich vermischt haben, die Artefakte stammten in Wahrheit wohl aus dem Aurignacien, so ihre Vermutung. Das wollten Jean-Jaques Hublin und seine Kollegen überprüfen.

Sie wählten aus der Grotte du Renne 40 Knochenproben aus. Die meisten stammten aus CP-Schichten, die Schmuck und Überreste von Neandertalern enthielten; manche hatten ihren Ursprung in den älteren Schichten des Moustérien oder in den jüngeren des Aurignacien. Die Forscher analysierten die Proben mit den nach ihrer Auskunft modernsten Techniken zur Radiokohlenstoffdatierung (C14-Methode). Sie basiert darauf, dass in abgestorbenen organischen Materialien die Menge an Kohlenstoff 14, einem radioaktiven Isotop des Kohlenstoffs, abnimmt. Die noch vorhandenen C14-Isotope sind messbar. Aus der Anzahl lässt sich das Alter des Materials berechnen.

Die Untersuchung ergab erstens, dass sich die drei Schichten in der Höhle nicht nennenswert vermischt haben. Demnach stammen die Artefakte aus dem Châtelperronien also doch von Neandertalern. Zweitens zeigte sich, dass die CP-Schicht 44 500 bis 41 000 Jahre alt ist. Weil die modernen Menschen in dieser Zeit bereits Teile Frankreichs sowie Deutschlands besiedelt hatten, "gehen wir davon aus, dass Neandertaler komplexe Knochenwerkzeuge und Schmuck erst produzierten, nachdem moderne Menschen diese neuen Verhaltensweisen in Westeuropa eingeführt hatten", sagt Jean-Jaques Hublin. "Sehr wahrscheinlich standen die beiden Menschengruppen vor mehr als 40 000 Jahren in kulturellem Austausch."

Knochen eines Neandertalers aus Saint Césaire sind 41 500 Jahre alt

Die Grotte du Renne befindet sich im Norden Mittelfrankreichs. Weiter westlich, nahe der Atlantikküste, liegt das Dorf Saint Césaire. Auch dort waren Überreste von Neandertalern entdeckt worden. Einen dieser Knochen datierten die Forscher um Hublin auf ein Alter von 41 000 Jahren. Damit stammt er aus einer Zeit, die etwa das Ende der Châtelperronien markiert. Den Forschern zufolge lässt dies vermuten, dass auch die in Saint Césaire entdeckten fortschrittlichen Werkzeuge von Neandertalern hergestellt wurden.

Ein Video über die Forschungen zum Neandertaler: www.abendblatt.de/wissen-vorfahr

Der Neandertaler - spät erkannter Sensationsfund
Der Neandertaler - spät erkannter Sensationsfund
Der Neandertaler gilt heute als weltweit am besten erforschter Urmensch. Die Bedeutung des ersten Fundes wurde allerdings lange nicht erkannt.
Im August 1856 stießen im Neandertal östlich von Düsseldorf Arbeiter beim Kalkabbau in der Feldhofer Grotte auf einige Knochen und warfen sie auf einen Schutthaufen.
Dort fielen sie dem Steinbruchbesitzer auf, der sie für Reste eines Höhlenbären hielt und an den Elberfelder Lehrer Johann Carl Fuhlrott schickte. Dieser erkannte menschliche Fragmente, die er als erster richtig als Fossil eines frühen Menschen deutete.
Seine Veröffentlichung zu dem Fund fand aber kaum Gehör. Eine Zeitung beschrieb sie 1856 als Knochen eines "Wesens vom Geschlecht der Flachköpfe, die noch heute im amerikanischen Westen wohnen".
Der Berliner Gelehrte Rudolf Virchow untersuchte das Skelett 1872 und meinte, rachitisch verformte Knochen eines Menschen der Neuzeit zu erkennen. Möglicherweise seien es die Überreste eines Soldaten aus napoleonischer Zeit um 1810.
Seine Einschätzung behinderte die Forschung für viele Jahre. Erst 1888 lag eine erste umfassende wissenschaftliche Arbeit über den Homo neanderthalensis vor.
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