Deutschland
Sparkommissar
Merkel schlägt Aufpasser für Athen vor - Griechen empört
30.01.2012, 06:50
Uhr
30.01.2012, 06:50
Uhr
Stefanie Bolzen und Jan Dams
Merkels Pläne für einen Sparkommissar für Griechenland stoßen auf heftige Kritik. Sarkozy will in Frankreich Börsensteuer einführen.
Kanzlerin Merkel verärgert die Griechen mit ihrem Vorschlag für einen Sparkommissar für das marode Land. Nicolas Sarkozy sorgt für Aufsehen mit seiner Ankündigung, eine Finanztransaktionssteuer in Frankreich einzuführen
Foto: AFP
Berlin/Brüssel.
Nur wenige Stunden vor dem Treffen der EU-Regierungschefs sorgte der
französische Präsident Nicolas Sarkozy gestern Abend mit einem TV-Interview
für Aufsehen. Er kündigte die Einführung einer Finanztransaktionssteuer an.
Der Satz werde 0,1 Prozent betragen und ab August in Kraft treten. Das gelte
für jedes Unternehmen, das einen Sitz in Frankreich hat. Sein Land solle mit
diesem Beschluss ein Beispiel für andere Länder sein. Sarkozy hatte mit
dieser Idee bereits in der EU Streit ausgelöst.
In dem einstündigen Fernsehauftritt stellte Sarkozy außerdem umfassende
Reformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs vor, unter
anderem eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19,6 auf 21,2 Prozent. Auch die
Abgaben auf Finanzeinkommen sollen um zwei Prozentpunkte erhöht werden. Mit
diesen Einnahmen in Höhe von 13 Milliarden Euro würden dann die
Sozialabgaben auf niedrige Einkommen gesenkt. Diese Maßnahmen, so Sarkozy,
seien inspiriert vom ehemaligen sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard
Schröder.
Zudem müsse auch die 35-Stunden-Woche abgeschafft werden, fügte der Staatschef
hinzu. Sollten die Sozialpartner das nicht schaffen, werde der französische
Gesetzgeber dies tun. Nach deutschem Vorbild soll die Kurzarbeit eingeführt
werden, je nach Auftragslage und Bedarf sollen Firmen mit ihren
Beschäftigten aber auch Tarifverträge abschließen können, die eine höhere
Wochenarbeitszeit ermöglichen. Der Frage, ob er bei der Präsidentschaftswahl
im April antreten werde, wich Sarkozy aus. Der sozialistische Kandidat
François Hollande liegt in Umfragen derzeit weit vorn. Die
deutsch-französische Aussöhnung bezeichnete Sarkozy dagegen als einen "Schatz",
den niemand infrage stellen dürfe: "Deutschland ist unser Partner
und unser Konkurrent." Zusammen seien beide Staaten stärker, um die
Finanzkrise zu bewältigen.
+++Der Kommissar geht um+++
Unterdessen sorgt ein Vorschlag aus Deutschland, der die Einsetzung eines
Sparkommissars für Griechenland vorsieht, für Ärger in Athen. "Wer
das Volk vor das Dilemma Finanzhilfe oder nationale Würde stellt, ignoriert
historische Lehren", schimpfte Griechenlands Finanzminister Evangelos
Venizelos vor seiner Abreise zum Krisengipfel nach Brüssel. Die
Bundesregierung hat damit heftigen Streit mit Griechenland ausgelöst.
Überraschend ist, dass deutsche Regierungskreise Ende vergangener Woche noch
behauptet hatten, die Zukunft des maroden Staates sei kein Thema des Gipfels.
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Nun soll Griechenland - solange es Hilfe erhält - auf
seine finanzpolitische Souveränität verzichten. Der europäische
Sparkommissar würde ein zentrales Kontrollsystem aufbauen, das alle
griechischen Staatsausgaben überwacht - und notfalls auch blockiert. Da
Politik wesentlich über die Verteilung von Geld funktioniert, wäre die
gewählte griechische Regierung damit entmachtet. Der Vorschlag ist ein
Indikator dafür, wie frustriert Berlin ist, weil sich die Lage in
Griechenland trotz aller Beschlüsse nicht zum Besseren wendet.
Hinter den Kulissen der schwarz-gelben Regierungskoalition findet allerdings
nicht jeder die Idee schlau. "Das mag finanzpolitisch und ökonomisch
interessant sein", sagte ein ranghoher Koalitionspolitiker. "Außenpolitisch
und verhandlungstaktisch ist es einfach nur dumm." Selten zuvor bei
einem Krisengipfel musste die Bundeskanzlerin mit so viel Widerstand
rechnen. Denn Länder wie Italien, Portugal oder Spanien werden Parallelen zu
Griechenland ziehen und ähnliche Folgen für sich fürchten.
So steht Angela Merkel quasi allein im europäischen Haus. "Berlin
sollte mit seinen Vorschlägen vorsichtig sein", warnte der Chef
der CSU-Gruppe im Europaparlament, Markus Ferber, im Gespräch mit der "Welt".
"Man sollte nichts verlangen, was man selber nicht zu akzeptieren
bereit wäre." Das deutsche Bundesverfassungsgericht habe
seinerzeit beim Urteil zum Vertrag von Lissabon festgestellt, dass das
Budgetrecht ein Kernelement staatlicher Souveränität sei und daher nicht
angetastet werden dürfe. Zudem habe die Beobachtermission aus
Internationalem Währungsfonds (IWF), EU und Europäischer Zentralbank (EZB)
bereits eine Aufsichtsfunktion, so Ferber.
Härter noch wird Merkel vom deutschen Europaparlamentarier Jorgo
Chatzimarkakis kritisiert: "Mit dem Vorschlag eines Sparkommissars, der
allein auf Schuldentilgung achten soll anstatt auf Investitionen für den
Wirtschaftsaufschwung, setzt die wirtschaftspolitische Vernunft vollends aus",
schimpft der FDP-Abgeordnete. "Ein Sparkommissar nur für Griechenland
würde auch von den Griechen nicht akzeptiert." Denkbar wäre aber
ein Sparkommissar für die gesamte Euro-Zone im Rahmen der Fiskalunion.
Fotostrecke
Griechenland-Krise
Dass die Bundesregierung auf internationaler Ebene
unter Druck gerät, zeigten Äußerungen unmittelbar vor Beginn des
Euro-Krisengipfels. Neben anderen Regierungen forderte Österreichs
Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), endlich die Ausleihkapazität des
Euro-Rettungsschirms EFSF und seines Nachfolgers ESM aufzustocken. Außerdem
will er, dass der ESM eine Banklizenz bekommt, mit der er sich direkt bei
der EZB Geld leihen kann. Deutschland hatte bereits mehrfach geglaubt,
solche Forderungen ein für allemal vom Tisch gewischt zu haben. Zum Gipfel
sind sie wieder da.
Aber auch die Chefin des IWF, Christine Lagarde, lässt nicht locker. Obwohl
mehrfach von Merkel mit einer Ablehnung nach Washington zurückgeschickt,
bleibt die Französin hartnäckig: "Es ist entscheidend, dass
die Euro-Zone eine klare, einfache Brandmauer aufbaut, die sowohl eine
Ansteckung verhindert als auch Vertrauen bringt."
Euro-Schuldenkrise: Die nächsten Termine:
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