Ein neuer Blick auf Joachim Gauck

Ex-Sprecher schreibt Biografie des Bundespräsidenten. Was treibt das Staatsoberhaupt wirklich an?

Berlin. Mit einer neuen Biografie über Joachim Gauck zeichnet der Journalist Johann Legner ein komplexes und zum Teil kritisches Bild des Bundespräsidenten. "Das ist keine autorisierte Biografie", stellte Legner bei der Präsentation seines fast 400 Seiten starken Werks "Joachim Gauck. Träume vom Paradies" in Berlin klar.

Das Buch beginnt mit dem Satz: "Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten auf in Nordrhein-Westfalen." Diese Bemerkung stammt aus einer Rede Gaucks zum 10. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1999. "Träume vom Paradies" nennt Legner sein Buch deshalb im Untertitel. Gaucks Lebensgeschichte sei "geprägt von der Suche nach Anerkennung, von dem Wunsch, endlich aufwachen zu dürfen in vergleichsweise paradiesischen Zuständen". Legner war von 1996 bis 2000 Pressesprecher Gaucks, als dieser die Stasi-Unterlagenbehörde leitete. Danach arbeitet er noch einmal für ihn, als Gauck 2010 vergeblich gegen Christian Wulff als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten antrat. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki bescheinigte Legner bei der Präsentation "wohltuende Distanz" zum Objekt seines Buchs. Er bekannte, 2012 Gauck gewählt zu haben, 2010 bei seiner ersten Kandidatur aber nicht.

Er habe sich Grenzen auferlegt beim Zitieren von Gesprächen unter vier Augen, sagte Legner. "Ich fände mein Vorgehen nicht okay, wenn ich tatsächlich alles schreiben würde, was ich weiß", sagte Legner auch vor dem Hintergrund der umstrittenen Veröffentlichung von Gesprächen mit Altkanzler Helmut Kohl. Er sieht Gaucks Aufstieg nach der Wende 1989 als Befreiung aus einer "jahrzehntelangen Randexistenz". Die Familie des jungen Gauck sei den Nazis zugetan gewesen, der Vater 1951 von den Sowjets verschleppt worden. Legner: "Nirgendwo hatte er erkennen lassen, dass er in der Lage wäre, Verantwortung zu übernehmen." Das änderte sich erst kurz vor dem Ende der DDR. Mit den Ereignissen des Jahres 1989 hat sich Gauck nach Legners Ansicht quasi neu erfunden. "Es brauchte einen Volksaufstand, um ihn zu einem persönlichen Aufstand zu bewegen." Legner macht auch klar, dass Gauck immer ein Gegner des SED-Regimes gewesen sei. Für engere Kontakte zur Stasi gebe es "nicht den geringsten Hinweis", betonte er. "Ich sehe nichts, was man ihm vorwerfen kann."

Legner bescheinigt Gauck, dem beschädigten Amt des Bundespräsidenten Respekt zurückgegeben zu haben. Seine Botschaft sei aber "nicht frei von der Gefahr pathetischer Überhöhung und Selbstgefälligkeit". Im Übrigen habe Gauck schon 2004 Bundespräsident werden wollen. Dann wäre seine zweite Amtszeit gerade zu Ende gegangen. Im Januar wird Gauck 75 Jahre alt.

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