27.01.13

Sexismus-Debatte

Niebel: Vorwürfe gegen Brüderle eine "Unverschämtheit"

FDP-Fraktionschef Brüderle beobachtet und schweigt während Parteikollege Dirk Niebel jetzt einen Angriff auf die "Stern"-Reporterin startet.

Foto: dpa
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Entwicklungsminister Niebel springt seinem FDP-Parteikollegen Brüderle bei

Berlin. Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) hält die Sexismus-Vorwürfe gegen den FDP-Spitzenmann Rainer Brüderle für politisch motiviert. Es sei schon "eine ziemliche Unverschämtheit" der "Stern"-Reporterin, erst nach einem Jahr diese Vorwürfe zu erheben – ausgerechnet dann, wenn jemand bei den Liberalen eine neue politische Funktion übernimmt, sagte Niebel am Sonntag in der ZDF-Sendung "Berlin direkt". "Das hat nichts mit gutem Journalismus zu tun", fügte er hinzu.

Grundsätzlich habe die FDP kein Problem mit Frauen in der Partei. "Aber ein Jahr zu warten und dann zu skandalisieren, spricht für sich", sagte Niebel. Daher habe er "der Dame ein Interview, das für Mittwoch vereinbart war, abgesagt".

Trotz Forderungen nach einer Entschuldigung oder Erklärung schweigt Fraktionschef Brüderle weiterhin eisern zu den Sexismus-Vorwürfen. Beim Neujahrsempfang der NRW-FDP am Sonntag in Düsseldorf erwähnte er die Affäre mit keinem Wort. Zugleich erhält der 67-Jährige immer mehr Rückendeckung von Parteifreunden. Auch im Internet ist die Debatte über Sexismus in der Gesellschaft in vollem Gange. Dort wird Brüderle für seine angeblichen anzüglichen Äußerungen zu einer "Stern"-Mitarbeiterin auch attackiert.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte seine Partei zu Solidarität mit ihrem Frontmann auf. Für den Mann an der Spitze gebe es bei den politischen Konkurrenten und "in einigen Redaktionsstuben kein Pardon mehr".

Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki warf dem "Stern" in der "Bild am Sonntag" vor, Brüderle schaden zu wollen. Er habe ihm aber von einer Klage gegen das Magazin abgeraten. "Denn der Beitrag enthält, soweit ich das überblicken kann, keine falschen Tatsachenbehauptungen." Für sich selbst wolle er aus der Debatte Konsequenzen ziehen. Zum Beispiel werde er Gespräche an Hotelbars vermeiden, wenn Journalistinnen dabei seien. "Denn natürlich rutscht einem da schon mal eine lockere und nicht gelungene Bemerkung heraus. Jetzt muss ich damit rechnen, dass das gegen mich verwendet wird."

Nach einer repräsentativen Emnid-Umfrage für die "Bild am Sonntag" halten 90 Prozent der Bürger eine Entschuldigung Brüderles für angemessen, sollten sich die Vorwürfe als wahr herausstellen.

Die Vorsitzende des Journalistinnenbundes in Bonn, Andrea Ernst, findet die Sexismus-Debatte dringend notwendig. Dank des "Stern"-Berichts werde endlich über alltäglichen Sexismus gesprochen. Vor allem junge Frauen, Praktikantinnen und Jungredakteurinnen kämen nun zu Wort. Dem ohnehin schon sehr nahen Verhältnis zwischen Presse und Politik tue die Diskussion zudem sehr gut und professionalisiere die Beziehung wieder.

Aus Sicht von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier ist die Nähe zwischen Medien und Politik unvermeidbar. "Ich glaube indes nicht, dass sie wirklich größer geworden ist", sagte er der "Leipziger Volkszeitung" (Sonnabend). Linke-Fraktionschef Gregor Gysi hält die Debatte um Brüderle für überzogen. "Und dann noch ein Jahr später, finde ich auch ein bisschen sehr spät, ehrlich gesagt", sagte er in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin".

Grünen-Parteichefin Claudia Roth kritisierte, Frauen würden in der Debatte "mehr und mehr zu Tätern gemacht", damit die "männlichen Machtverhältnisse" erhalten blieben. Im Sender NDR Info forderte sie Brüderle zum Handeln auf. "Es wäre nicht schlecht, wenn er sich erklären würde, wenn er sich entschuldigen würde, denn ganz offensichtlich hat die junge Journalistin sich angemacht gefühlt", sagte sie. "Es ist sehr traurig, dass ganz offensichtlich immer noch Männer meinen, Sexismus sei eine Lappalie oder sogar ihr gutes Recht (...)."

Auch Roths Parteikollegin Renate Künast kritisierte einige Reaktionen auf die Sexismus-Vorwürfe: "Die Frau melde sich nun zu spät, sie hätte doch bitte gleich anders reagieren müssen. Da fehlt nur noch, ein: "Sie habe es selbst verursacht"." Das alles seien Abwehrmechanismen, "die den Spieß umdrehen sollen".

Abseits vom politischen Parkett ging die Debatte im Kurzmitteilungsdienst Twitter am Wochenende weiter. Seit Beginn der Diskussion erschienen dort zehntausende Tweets unter dem Schlagwort (Hashtag) #Aufschrei. Am Wochenende flossen pro Minute bis zu zehn Tweets zu dem Thema ein.

(dpa/dapd/abendblatt.de)
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