09.01.13

Nach dem Scheitern

Missbrauchsstudie: Opfer wollen unabhängige Aufklärung

Drei Jahre nachdem der Missbrauchsskandal durch Fälle am Jesuiten-Kolleg ins Rollen kam, stockt Versuch der wissenschaftlichen Aufklärung.

Foto: dapd
Aufarbeitung von Missbrauchsskandal in der Kirche gescheitert
Ein Messdiener betet während des Gottesdienstes. Die umfassende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ist vorerst gescheitert

Bonn/Trier/Würzburg. Nach dem vorläufigen Scheitern der Missbrauchsstudie haben Opfervertreter erneut eine unabhängige Aufklärung der Vorfälle durch den Bundestag gefordert. "Die katholische Kirche ist offensichtlich mit der Aufarbeitung überfordert", teilte der Opferzusammenschluss Eckiger Tisch am Mittwoch in Berlin mit.

"Drei Jahre nach den ersten Veröffentlichungen liegen noch immer keinerlei detaillierte Zahlen und Informationen über das Ausmaß der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland vor." Ähnlich wie in den Niederlanden solle nun eine vom Parlament eingesetzte Kommission tätig werden, fordert der Eckige Tisch.

Das Erzbistum Berlin betonte am Mittwoch: "Für uns ist die Sache nicht abgeschlossen." Wenn die Missbrauchsstudie nun nicht durchgeführt werde wie ursprünglich geplant, so werde sich ein neuer externer Partner dafür finden.

"Auf anderen Ebenen ist außerdem bereits sehr viel passiert", sagte ein Bistumssprecher. So sei in Berlin ein katholisches Präventionsnetzwerk Kinderschutz eingerichtet worden, in dem alle katholischen Institutionen zusammengeschlossen seien.

Der Eckige Tisch hingegen kritisierte erneut, dass die von der Kirche angebotene Opferentschädigung von 5000 Euro viel zu niedrig sei. Auch fehle für die Opfer weiterhin eine unabhängige Anlaufstelle, um Hilfe zu bekommen.

Würzburger Kriminologe attestiert Institut Mängel

Der Würzburger Professor für Kriminologie, Klaus Laubenthal, hat Christian Pfeiffer beim gescheiterten Forschungsprojekt zum Missbrauch in der katholischen Kirche methodische Mängel attestiert. So sei die Frage des Opferschutzes nicht zufriedenstellend gelöst worden, sagte Laubenthal am Mittwoch. Dabei bemängelte er das Vorhaben von Pfeiffers Institut, die allein aus Akten hervorgehenden Missbrauchsopfer anzuschreiben. Damit wären sie ungefragt erneut mit den zum Teil Jahrzehnte zurückliegenden Ereignissen konfrontiert worden.

Laubenthal ist auch unabhängiger Missbrauchsbeauftragter des Bistum Würzburg. Nach dem ersten Expose der Kriminologischen Forschungsstelle Niedersachsen (KFN) zu dem Projekt sei er vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) um eine Stellungnahme gebeten worden. Darin habe er "deutliche Vorbehalte aus kriminologisch-wissenschaftlicher Sicht" geäußert. Diese seien jedoch nur zum Teil vom KFN berücksichtigt worden. Die Frage der Einflussnahme bei Veröffentlichungen sei "kein entscheidendes Kriterium" für das Scheitern der Zusammenarbeit gewesen.

Ein weiterer Kritikpunkt Laubenthals ist die Fokussierung auf die Aktenanalyse. Damit werde nur ein Teilbereich des dokumentierten Missbrauchgeschehens erfasst. Es gebe aber auch Opfer, die nur bei den von den Diözesen und Orden eingesetzten Ansprechpartnern bekannt seien und bewusst keine Weitergabe an die Diözesen wollten. "Doch die Missbrauchsbeauftragten sind bei der Studie nicht einbezogen worden", so der Jurist. Grundsätzlich sei es jedoch wichtig, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung fortgesetzt werde.

Leutheusser-Schnarrenberger stellt sich hinter Institut

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hatte sich nach dem Scheitern des Forschungsprojekts zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche hinter das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen gestellt. Die Einrichtung sei eine "der ersten Adressen, um eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung auf Grundlage der Personalakten seit 1945 vorzunehmen", sagte sie der "Süddeutschen Zeitung".

Die katholische Kirche hatte den Vertrag mit dem Institut über eine Untersuchung von Tätern und Opfern anhand von Kirchenakten, Fragebögen und Interviews gekündigt. Sie begründet den Schritt damit, dass das Verhältnis mit dem Direktor des Istituts, Christian Pfeiffer, zerrüttet sei.

Es sei ein "notwendiger und überfälliger Schritt, dass sich die katholische Kirche öffnet und erstmals kirchenfremden Fachleuten Zugang zu den Kirchenarchiven ermöglicht", fügte Leutheusser-Schnarrenberger hinzu: "Die dramatischen Erschütterungen des Jahres 2010 dürfen nicht in einer halbherzigen Aufarbeitung versickern." Der Vorwurf, Zensur und Kontrollwünsche behinderten eine unabhängige Aufarbeitung, sollten durch den Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, schnell aus der Welt geschafft werden.

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hatte am Vormittag mitgeteilt, dass sie den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche nicht mehr vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Am Mittwoch kündigte sie vorzeitig den Vertrag mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer, teilte die DBK in Bonn mit.

Zur Begründung erklärte der Missbrauchsbeauftragte der DBK, Triers Bischof Stephan Ackermann: "Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Direktor des Instituts und den deutschen Bischöfen ist zerrüttet." Vertrauen sei aber "für ein so umfangreiches und sensibles Projekt unverzichtbar". Die Bischofskonferenz werde sich einen anderen Partner für die Durchführung des Projekts suchen.

Christian Pfeiffer sieht als Ursache für die gescheiterte Zusammenarbeit die "zu starken Kontrollwünsche vonseiten der Kirche, denen das Institut nicht nachgeben wollte". Das sagte er am Mittwoch im Deutschlandfunk. Ein Kirchenvertreter habe ihn über das Ende der Zusammenarbeit informiert. Das Kündigungsschreiben sei bereits unterwegs.

Pfeiffer kündigte an, eine eigene Untersuchung zu kirchlichem Missbrauch erstellen zu wollen. Er rief kirchliche Missbrauchsopfer auf, mit seinem Institut Kontakt aufzunehmen. Nachdem dieses bereits für eine andere Studie 500 Opfer von Missbrauch durch unterschiedliche Tätergruppen untersucht habe, sollten diese Ergebnisse mittels anonymer Befragung mit denen von Opfern kirchlichen Missbrauchs verglichen werden.

Bischhöfe wollen an Studie festhalten

Die Bischhöfe wollen trotz des Streits an ihrer Studie zum Missbrauch durch katholische Priester festhalten. "Das Projekt geht auf jeden Fall weiter", sagte deren Sekretär Pater Hans Langendörfer in Berlin. Wer dabei der Partner sein werde, sei noch zu klären. Zu den Einzelheiten kündigte er für Mittwoch eine Mitteilung an.

Die sogenannte Pfeiffer-Studie ist eines von zwei großen Forschungsprojekten zum sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche in Deutschland. Das Resultat der ersten hatte der Trierer Bischof Stephan Ackermann vor einem Monat vorgestellt. Die wissenschaftliche Leitung lag beim Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen, Norbert Leygraf. Die Studie erbrachte ein umfassendes Bild über Täterpersönlichkeiten und Gefahrenmomente im kirchlichen Bereich. Auf dieser Grundlage sollen nun Präventionsmaßnahmen verbessert werden.

Im Unterschied dazu war für die Pfeiffer-Studie geplant, dass unabhängige Juristen sämtliche Personalakten von Geistlichen in den 27 deutschen Bistümern von 2000 bis 2010 sichten. Zur Wahrung des Datenschutzes hätte das KFN anonymisierte Daten aus den Akten erhalten, die Archivmitarbeiter und geschulte Juristen sichten sollten. Damit hätten erstmals kirchenfremde Fachleute Zugang zu den Kirchenarchiven erhalten. Ferner sollten Missbrauchsopfer befragt werden. Gegen die Erhebungsmethode hatten einige Priester protestiert, weil sie den Datenschutz für nicht gewährleistet hielten. Ein Zusammenschluss konservativer Priester protestierte gegen fremde Blicke in die Akten.

Pfeiffer betonte daraufhin, dass lediglich Täterakten an das Forschungsinstitut weitergeleitet würden. Die Sortierung der Personalakten sollten Bistumsmitarbeiter übernehmen. Lediglich in Zweifelsfällen würde ein ehemaliger Richter zu Rate gezogen, indem ihm anonymisiert der betreffende Fall geschildert werde. Zweifel an der Wirksamkeit des Datenschutzes sowie an der Einhaltung rechtlicher Garantien konnte Pfeiffer dennoch nicht völlig ausräumen.

Wie der "Trierische Volksfreund" berichtete, hatte die Kirche nach Widerstand in den eigenen Reihen Veröffentlichungen notfalls verbieten, zumindest aber schriftlich genehmigen wollen.

Missbrauchskandal erschütterte die Kirche

Der 2010 bekanntgewordene Skandal um den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch vieler Kinder und Jugendlicher in katholischen Einrichtungen hatte die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Das Forschungsvorhaben war von der Kirche als ein Baustein gedacht, um die Problematik zu analysieren, neue Missbrauchsfälle zu verhindern und Vertrauen zurückzugewinnen.

Das Projekt sei "an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert", sagte Pfeiffer der "Süddeutschen Zeitung". Zudem habe er aus der Kirche Hinweise erhalten, dass in mehreren Diözesen Missbrauchsakten vernichtet worden seien. Der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, widersprach dieser Darstellung. "Für eine Vernichtung von Täterakten habe ich keinerlei Anhaltspunkte."

Missbrauch: Was sollten Forscher untersuchen?

Nach dem Missbrauchsskandal, der Deutschland 2010 erschüttert hatte, kündigte die katholische Kirche eine umfassende Aufarbeitung der Vorgänge an. Ein wichtiger Baustein sollte das 2011 vorgestellte Forschungsprojekt mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter Leitung von Professor Christian Pfeiffer sein.

Zu den Zielen zählte es, Täterprofile und Rahmenbedingungen aufzuklären, Erkenntnisse über das Verhalten der Kirche zu gewinnen und in letzter Konsequenz die Prävention zu verbessern.

Für die Studie sollten in neun ausgewählten Bistümern alle relevanten Unterlagen von 1945 bis 2010, in den anderen 18 Bistümern die Akten von 2000 bis 2010 ausgewertet werden. Insgesamt läuft das allein auf mehr als 100.000 Personalakten hinaus.

Bei der Erhebung der Daten sollten die Wissenschaftler aus daten- und personenschutzrechtlichen Gründen keinen direkter Einblick in Personalakten bekommen. Die Daten sollten vielmehr von kirchlichen Archivmitarbeitern und geschulten Juristen – etwa ehemaligen Richtern oder Staatsanwälten – erhoben und dann dem KFN zur Auswertung übermittelt werden. Das KFN wollte auch Opfer wie Täter befragen - ähnlich wie bei einer anderen Studie, bei der es um Missbrauchsopfer in Deutschland generell ging.

(dpa/dapd/kna/abendblatt.de)
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