05.01.13

Debatte um Einkommen

Die Löhne der Hamburger - Wie viel Geld ist gerecht?

Das Abendblatt hat sich nach den Löhnen der Hamburger erkundigt: So viel verdienen Olaf Scholz, Rafael van der Vaart und Günther Fielmann.

Von Volker ter Haseborg
Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Werbetexter Miru Rudnicki kommt jährlich auf ein Bruttogehalt in Höhe von 40.000 Euro

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Hamburg. Beginnen wir mit einem Gehaltsvergleich: VW-Chef Martin Winterkorn hat 2011 rund 17,5 Millionen Euro verdient - 350-mal so viel wie ein durchschnittlicher Mitarbeiter seines Konzerns. Bundeskanzlerin Angela Merkel führt ein Land mit 80 Millionen Einwohnern, gestaltet Politik - und verdient knapp 300.000 Euro im Jahr.

Und was verdienen Sie so? Das Abendblatt hat sich nach den Löhnen der Hamburger erkundigt. Wir haben Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft gefragt - viele wollten aber keine Auskunft über ihren Lohn geben. Weil der Lohn ein Tabu-Thema ist.

Wie viel Lohn ist gerecht? Wie viel Ungleichheit verträgt die Gesellschaft? Das ist die Debatte, die Peer Steinbrück mit seiner ungeschickten Kritik am angeblich so niedrigen Kanzlergehalt ausgelöst hat.

Leistung muss sich lohnen. Wer mehr leistet, wer besser ausgebildet ist, wer mehr Berufserfahrung hat, wer mehr Verantwortung hat - der soll auch besser bezahlt werden als andere. Das ist der gesellschaftliche Konsens. Auf der anderen Seite soll jeder, der arbeitet, von seinem Lohn auch leben können. Auch darüber ist sich die Gesellschaft einig.

Heinz-Gerhard Justenhoven ist Direktor des Hamburger Instituts für Theologie und Frieden. "Lohngerechtigkeit soll eine Form der Angemessenheit beinhalten", sagt der Sozialethiker. "Die Gesellschaft muss selbst verhandeln, was angemessen und anständig ist." Warum verdient ein Lehrer meistens weniger als ein Arzt? "Dass Ärzte mehr verdienen, zeigt eine gesellschaftliche Wertschätzung, die schon so lange greift, dass sie nicht mehr hinterfragt wird. Das muss deswegen noch nicht angemessen sein", sagt Justenhoven.

Tarifverträge sind ein gesellschaftliches Mittel, die Gehälter zu verhandeln. Gewerkschaften verhandeln mit den Arbeitgebern. Die Gehälter bemessen sich an der Produktivität der Branche - und an der gesamtwirtschaftlichen Lage. Wird eine Krise erwartet, verhandeln die Gewerkschaften weniger hartnäckig. Wer länger im Betrieb ist, bekommt mehr Geld. Wer faul ist, bekommt den gleichen Lohn wie ein Fleißiger. Fleißige wie Faule brauchen Geld zum Leben. Der einzelne Arbeiter kann in der Regel sein eigenes Gehalt nicht verhandeln. Ist das gerecht?

Der Markt regelt die Löhne, heißt es. Wer seine Leistung auf dem Markt anbietet, erlangt das, was andere dafür zu zahlen bereit sind. Und gerade Vorstände der DAX-Unternehmen rechtfertigen ihre fürstliche Bezahlung damit, dass sie im internationalen Wettbewerb stehen und deswegen internationale Spitzengehälter kassieren müssen. Das Durchschnittsgehalt eines DAX-Firmenchefs liegt bei fünf Millionen Euro im Jahr.

Doch das Gebot von Angebot und Nachfrage rechtfertigt Millionen-Jahresgehälter nur bedingt. "Tatsächlich gelten gerade bei den Spitzenmanagern andere Kriterien", sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Er kritisiert: "Manager können sehr viel Einfluss auf ihre Bezahlung nehmen."

Während die Löhne der Beschäftigten häufig aus Tarifverhandlungen hervorgehen, verhandeln die Vorstandschefs ihre Gehälter im kleinen Kreis: mit Aufsichtsräten, die meist selbst aus der Kaste der Manager kommen. Man kennt sich, man schätzt sich. Bonuszahlungen sind häufig an den Aktienkurs des Unternehmens gebunden. Die Anleger freuen sich, wenn im Unternehmen gespart wird, wenn Stellen gestrichen werden. Und so werden Firmenchefs dafür belohnt, dass sie viele Mitarbeiter feuern. Ist das gerecht?

Auch wurde in vielen Fällen Geld an Manager gezahlt, obwohl sie die Finanzkrise mit verursacht hatten. "Dass Banker mitten in der Finanzkrise Millionen-Bonuszahlungen bekamen, hat gezeigt, dass da etwas nicht stimmt", sagt Brenke. Solche Millionen-Zahlungen an Manager und Banker sind oft nicht mehr mit dem gesellschaftlichen Verständnis in Einklang zu bringen, wie viel ein Mensch eigentlich zum Leben braucht.

Welchen Bedarf soll ein Jahresgehalt von 17,5 Millionen Euro bedienen? Auch wenn die Manager Argumente für ihre Millionengehälter finden - viele in der Gesellschaft können diese nicht nachvollziehen. Das haben mittlerweile schon einige Manager selbst begriffen. Im vergangenen Jahr brachten sie selbst eine Obergrenze für Vergütungen ins Gespräch. Passiert ist bislang nichts. Wie passen Politiker in dieses System? Kann man ihre Gehälter mit denen aus der freien Wirtschaft vergleichen? Nein, findet der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter.

"In der Wirtschaft wird im Allgemeinen nach Leistung und Gewinn bezahlt. Dieses Kriterium gibt es in der Politik nicht. Die Leistung zeigt sich teilweise erst mehrere Legislaturperioden später." So habe sich erst Jahre später herausgestellt, dass die Agenda 2010 von Gerhard Schröder ein Erfolg ist. Und so zeigen sich erst jetzt gravierende Fehler, die bei der Schaffung der europäischen Gemeinschaftswährung Euro gemacht worden sind.

Während ein Geschäftsmann mit dem Geld der Kunden arbeitet, gibt der Politiker das Geld der Steuerzahler aus. "Ein Kunde ist frei, nicht Kunde zu sein. Ein Steuerzahler ist es nicht. Nicht zuletzt deshalb wird bei der Bezahlung von Politikern auf Sparsamkeit geachtet." Politiker sollten primär am Gemeinwohl interessiert sein - und nicht des Geldes wegen ihren Beruf ergreifen. Eigentlich, so Falter, sei die Bezahlung doch gar nicht schlecht. Die Gehälter von Parlamentariern entsprächen dem gehobenen Mittelstand. Spitzenpolitiker sind auch Besserverdienende - wenngleich ihre Arbeit sie auch nicht richtig reich macht. Dafür sind sie in ihrem Alter im Allgemeinen jedoch sehr gut abgesichert.

Politiker erhalten zudem eine andere Art des Lohns. "Politiker bekommen etwas zurück: Sie können gestalten, dass bestimmte Dinge für ein ganzes Bundesland, ja den ganzen Staat verbindlich sind. Sie werden im Fernsehen erwähnt, haben Macht - das ist das Aphrodisiakum der Politik", sagt Politik-Professor Falter.

Es ist paradox: Während Manager und Politiker Reizfiguren sind, regt sich kaum jemand über die Millionengehälter der Stars aus Sport, Film und Musikbranche auf. "Sportler etwa werden bewundert, die Menschen identifizieren sich mit ihnen. Und außerdem sind ihre sportlichen Leistungen messbar", sagt Hagen Lesch vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Ein Sportler verdient gut, solange er gut ist. Bei Managern hingegen ist die individuelle Leistung umstritten.

Verdiene ich genug? Hat mein Nachbar mehr als ich? Was verdient mein Chef? Die Debatte um die Löhne ist auch ein Tabu-Thema. Niemand verrät gerne, was er bekommt. Verglichen wird trotzdem. Wie kann das Dilemma gelöst werden?

Der Harvard-Professor John Rawls hat in den 70er-Jahren ein Konzept für einen gerechten Lohn entwickelt. Rawls fragte, welche Regeln die Menschen wohl aufstellen würden, wenn sie keine Ahnung hätten, ob sie zu den Starken oder den Schwachen gehören würden. Wenn sie einen "Schleier des Nichtwissens" vor den Augen hätten. In diesem Fall würden die Menschen verabreden, dass alle die gleichen Chancen haben sollen. Dann würden sie sich einigen, wann Ungleichheiten gerechtfertigt sind: Wer mehr leistet, soll mehr bekommen - solange es der restlichen Gesellschaft und vor allem den Schwächsten nutzt.

Auf welche Löhne würden sich Martin Winterkorn und ein Fließband-Arbeiter von VW einigen, wenn sie das Konzept von Rawls anwenden? Wenn sie nicht wüssten, welchen Platz sie in der Gesellschaft einnehmen können? Ein VW-Chef wird mehr verdienen als einer seiner Fließbandarbeiter. Allerdings würde sich Winterkorn unter dem "Schleier des Unwissens" wohl wünschen, dass sein Gehalt akzeptiert wird. Dass er das 350-Fache seiner Mitarbeiter verdient, würde sicher nicht akzeptiert werden.

Dass etwas in Deutschland falsch läuft, zeigt eine Studie der internationalen Wirtschaftsorganisation OECD: Die obersten zehn Prozent der deutschen Einkommensbezieher verdienten 2008 etwa achtmal so viel wie die untersten zehn Prozent. In den 90er-Jahren lag das Verhältnis bei 6 zu 1. Niedriglöhner profitieren also immer weniger davon, dass Besserverdiener noch besser verdienen.

Wirtschaftswissenschaftler sehen dies mit Sorge: Wer sehr viel hat und noch mehr bekommt, gibt das zusätzliche Geld oft nicht aus. Die Mehrheit, die nur wenig hat, kann nur wenig ausgeben. So wächst die Wirtschaft nur wenig. Die Folge: Die Gesellschaft bleibt unter ihren Möglichkeiten.

Recherchen der Löhne in Hamburg: Celina de Cuveland, Marc Hasse, Daniel Herder, Kai-Hinrich Renner, Christoph Rybarczyk, Julia Witte, Rolf Zamponi

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