31.12.12

Menschen 2013

Schwesig ist die Hoffnungsträgerin der SPD

Es könnte das Jahr der Manuela Schwesig werden. Sie könnte Bundesministerin werden. Vorausgesetzt, ihre Partei kriegt die Kurve.

Von Christian Unger
Foto: dpa
Manuela Schwesig
Die SPD-Parteivorsitzende Manuela Schwesig ist die Antwort der SPD auf Ursula von der Leyen (SPD)

Hamburg. Manuela Schwesig stülpt sich lieber einen Eimer über den Kopf. Wieder diese Frage, wieder diese Klischees. Sie - die Junge, die Hübsche, die Ostdeutsche. Trifft die Charakterisierung eigentlich zu?, fragt 2010 ein Journalist der "Süddeutschen Zeitung". Schwesig muss auf die Interviewfragen mit Gesten antworten, nicht mit Worten, es werden nur Fotos gedruckt. Also der Eimer. Und die Geste, die ironisch, aber entschlossen sagt: Es nervt.

Sie gehe mit diesen Klischees mittlerweile entspannter um, sagt Schwesig im Gespräch mit dem Abendblatt. Früher habe sie das aufgeregt, manchmal wütend gemacht. Aber sie hat die Mechanismen der Medien und Politik verstanden. Und Schwesig kann das alles heute gelassener hinnehmen, denn längst hat sie sich in der deutschen Politik mit Inhalten etabliert. Schwesig ist Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern und stellvertretende Vorsitzende der Bundes-SPD. 2013 könnte es noch besser werden.

Aber erst mal wieder zurück ins Jahr 2010, Bundestag: Die Republik debattiert gerade darüber, wie Hartz IV reformiert werden soll. Es geht um Bildungspakete für Kinder, um Mindestlohn und um mehr Hilfe für Langzeitarbeitslose. Schwesig tritt vor das Mikrofon, greift die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und die schwarz-gelbe Regierung an. "Wissen Sie eigentlich, dass von diesen Sozialleistungen auch die alleinerziehende Verkäuferin betroffen ist, die in Schwerin zwei Jobs hat und trotzdem aufstocken muss?" Als SPD-Verhandlungsführerin in der Debatte läuft Schwesig zur Höchstform auf, kritisiert die geplante Erhöhung der Hartz-IV-Sätze um fünf Euro. Die Kanzlerin solle doch mal vor dem Reichstag spazieren gehen. Dann werde sie feststellen, dass fünf Euro gerade einmal für einen Latte macchiato reichen.

Schwesig ist am stärksten, wenn sie den etablierten Politikern in Berlin die Schicksale der Menschen am Rand der Gesellschaft vor Augen führt. Sie ist dann besonders glaubwürdig, jeder merkt: Die weiß, wovon sie redet.

Am Ende reformiert Schwarz-Gelb Hartz IV. Und die SPD merkt, dass es mit Manuela Schwesig sehr gut funktioniert. Endlich hat die Partei ein Gegengewicht zur CDU-Powerfrau von der Leyen. Sogar von Regierungspolitikern bekommt Schwesig Lob für ihr Auftreten in der Hartz-Debatte. Ihr gelingt der Durchbruch in der Bundespolitik. Sie ist gerade 36 Jahre alt.

2013 könnte ihre Karriere einen neuen Höhepunkt erreichen. Kommt die SPD nach der Bundestagswahl an die Macht, scheint die heute 38 Jahre alte Sozialdemokratin als Ministerin für Familie oder Arbeit gesetzt. Nicht in Schwerin, sondern in Berlin. SPD-Geschäftsführer Thomas Oppermann nennt sie "hervorragend profiliert" und ein "Aushängeschild" der Partei. Peer Steinbrück wird Schwesig schon im Wahlkampf eng an seine Kanzlerkandidatur binden.

Sie selbst werde dazu in einem Interview nichts sagen. Das stellt ihre Pressesprecherin gleich zu Beginn klar. Keine Mutmaßungen über mögliche Ämter, bloß nicht mit Spekulationen aus dem Fenster lehnen. Schwesig sagt nur: "Ich bin sehr zuversichtlich, dass 2013 auch ein gutes Jahr wird." Sie lege große Hoffnungen in die Wahl in Niedersachsen im Januar. "Wir werden dort den Machtwechsel schaffen und dann auch im Bundestag eine rot-grüne Mehrheit erzielen." Sie kann auch Floskeln.

Lieber spricht Schwesig über Betreuungsgeld, Kita-Ausbau oder Frauenquote. Ihre Themen. "2012 war ein gutes Jahr, denn wir konnten in Mecklenburg-Vorpommern in Regierungsverantwortung wichtige Projekte durchsetzen: zum einen den Mindestlohn von 8,50 Euro bei öffentlichen Aufträgen. Zum anderen konnten Eltern bei den Kosten für Krippenplätze deutlich entlastet werden."

Früher wollte Schwesig einen Beruf ergreifen, der etwas mit Kindern zu tun hat. Dann wurde sie Finanzfachfrau, studierte an der Fachhochschule in Königs Wusterhausen und arbeitete in Ämtern in ihrer Geburtsstadt Frankfurt an der Oder und später im Finanzministerium in Schwerin. Seit 2003 ist Schwesig in der SPD. Sie kam in einer Zeit zu den Genossen, als Kanzler Gerhard Schröder an der Spitze der Partei noch von "Familiengedöns" redete. Heute sind Wahlen ohne Frauen in Führungsämtern der Parteien kaum mehr zu gewinnen, und Familienpolitik ist eines der entscheidenden Schlachtfelder der Politik. Wählerinnen seien Parteien gegenüber skeptisch, an deren Spitze nur Männer stehen, sagt Schwesig. "Da hat die SPD dazugelernt. Da war die Wahlniederlage 2005 heilend." Über Umwege in die Finanzwelt ist Schwesig in ihrem Beruf jetzt auch für Kinder da.

Und sie ist für ihren eigenen Sohn da. Häppchenweise gibt es in Interviews auch Geschichten aus dem Privatleben von Manuela Schwesig. Anekdoten, die beweisen sollen, dass Kind und Karriere vereinbar sind. Jedenfalls mit der Hilfe ihres Partners. Und mit einem funktionierenden Ganztagsangebot. Auch Schwesigs Mann hat 2007 die Vätermonate genommen. Da habe sein Chef noch irritiert gefragt: "Sie wollen wirklich diese komischen Monate freinehmen?", erzählte Schwesig einmal in einem Interview mit dem Abendblatt. Es sei doch nicht so, dass man die Verantwortung für die Erziehung des Kindes an der Kita-Tür abgebe. Im Gegenteil. "Auch uns hilft das städtische Ganztagsangebot der Kita, unseren Familienalltag gut zu bewältigen."

Es macht Schwesig wütend, dass Deutschland in einer so elementaren Frage wie der Förderung moderner Familienstrukturen so verstaubt daherkomme. Sie meint damit vor allem das von Union und FDP beschlossene Betreuungsgeld. Kaum eine Oppositionspolitikerin hat so lautstark dagegen Stimmung gemacht wie Schwesig. Am Ende ohne Erfolg. Auch das Betreuungsgeld wurde beschlossen.

Derzeit liegt Schwesigs weiteres Schicksal in Steinbrücks Händen. Kann er die SPD im Herbst an die Macht führen? In Umfragen steht seine und Schwesigs Partei bei 27 Prozent, die Union bei 41. Weder Rot-Grün noch Schwarz-Gelb kämen auf eine Mehrheit. Sicher ist nur, dass Kanzlerin Merkel bei den Deutschen deutlich beliebter ist als Steinbrück.

Trotzdem sagt Schwesig: "Peer Steinbrück ist der richtige Kanzlerkandidat. Er steht für die Kerninhalte der SPD: wirtschaftliche Stärke, soziale Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung." Und er sei für Frauen der richtige Kandidat. Vor allem weil er sich für die Themen einsetze, die Frauen wichtig seien: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Lohngleichheit auf dem Arbeitsmarkt.

Schwesig war auch erfolgreich in der SPD, weil sie eine Frau ist. 2009 suchte Frank-Walter Steinmeier im Wahlkampf dringend Frauen für die erste Reihe der Sozialdemokraten. Also lud er Schwesig in sein Kompetenzteam ein. Als Steinmeier sein Schattenkabinett vorstellte, lief Schwesig vorneweg, gleich neben ihm. Heute bleibt Schwesig als Frau für die SPD wichtig. Neben ihr machten auch andere Sozialdemokratinnen Karriere: Generalsekretärin Andrea Nahles, die Hamburger Abgeordnete Aydan Özoguz, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Wie denn ein Spitzenamt mit der Familie vereinbart sei? Auch das sei so eine Frage, die meist nur den Frauen gestellt werde. "Frauen fühlen sich unter Druck gesetzt", sagt Schwesig. Sie hat eine Antwort darauf: Sigmar Gabriel. Der ist Parteichef der SPD, Vater von zwei Kindern. Und Mann.

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