Afghanistan

Angela Merkel spricht bei Weihnachtsbesuch von Krieg

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Am Ende des bislang verlustreichsten Jahres dankt die Kanzlerin den Soldaten für ihren Einsatz - und betrauert einen aktuellen Todesfall.

Masar-i-Scharif/Hamburg. Dutzende deutscher Soldaten in Afghanistan haben jetzt ihr persönliches Kanzlerinnenfoto. Bei ihrem Blitzbesuch in Afghanistan nahm sich Angela Merkel die Zeit und posierte im Feldlager Masar-i-Scharif mit vielen Einzelnen vor einem Weihnachtsbaum. Am Sonnabendmorgen hatte ihr Besuch im Lager Kundus begonnen. Die Soldatinnen und Soldaten waren überrascht - so bald nach dem Ehepaar Guttenberg hatten sie gar nicht mit einer neuen Visite gerechnet.

Die Bundeskanzlerin, zeitweise in einer Splitterschutzweste über dem Anorak, nutzte ihren Aufenthalt nicht nur zum vorweihnachtlichen Kantinenplausch mit Offizieren und Soldaten. "Der Grund, warum ich auch hier bin, ist, Ihnen Danke schön zu sagen", sagte sie vor rund 800 Zuhörenden in Kundus. "Wir haben hier nicht nur kriegsähnliche Zustände, sondern Sie sind in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat ", sagte Merkel. "So etwas kannten wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht." Dies sei "natürlich ein Krieg innerhalb eines Landes". Aber die Soldaten stünden in "wirklichen Gefechten, so wie Soldaten das in einem Krieg tun. Ich finde, das sollte man beim Namen nennen." Das militärische Engagement am Hindukusch diene auch der Sicherheit Deutschlands. "Ohne Sie könnten wir nicht so sicher leben, und das müssen wir den Menschen auch sagen." Auch in Masar-i-Scharif sprach sie den Soldatinnen und Soldaten ihre Anerkennung aus. Begleitet wurde sie von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Bundeswehrgeneralinspekteur Volker Wieker.

Die dritte Afghanistanreise der Kanzlerin nach 2007 und 2009 wurde überschattet vom Tod eines Hauptgefreiten, der auf einem Außenposten in Nordafghanistan offenbar durch einen Unfall ums Leben kam. Der 21-Jährige hatte beim Waffenreinigen einen Kopfschuss erlitten und starb bei einer Notoperation. Bei der Trauerfeier für den Soldaten übermittelte Merkel den Angehörigen ihr Mitgefühl: "Es ist grausam, eine Woche vor Weihnachten die Nachricht vom Tod des geliebten Sohnes und Bruders zu bekommen."

In Kundus besuchte Merkel unter anderem das Ehrenmal für die Gefallenen des Lagers. Für die Bundeswehr war 2010 mit acht getöteten Soldaten das verlustreichste Jahr in Afghanistan. Damit kostete der Einsatz bisher insgesamt 45 Bundeswehrsoldaten das Leben. 27 von ihnen starben bei Anschlägen und Gefechten.

Merkels Besuch stand unter höchsten Schutzmaßnahmen. Wegen der Anschlagsgefahr verließ sie die Feldlager nicht. Wie hoch die Gefahr ist, unterstrich ein Taliban-Selbstmordkommando, das wenige Stunden nach Merkels Abreise ein Rekrutierungszentrum der afghanischen Armee in Kundus angriff. Nach offiziellen Angaben wurden sieben Sicherheitskräfte getötet. Auch in der Hauptstadt Kabul starben gestern fünf Soldaten bei Selbstmordanschlägen.

In Masar-i-Scharif traf Merkel mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und Isaf-Oberbefehlshaber General David Petraeus zusammen. Dabei pochte Merkel gegenüber Karsai auf den Abbau der Korruption und eine verbesserte Verwaltung. Nach dem Gespräch sagte sie jedoch vor Journalisten, Karsai habe "konkret, ehrlich gesagt, gar nichts versprochen".

Merkel nahm auch zu einem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan Stellung. Nach dem Willen von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) soll er Ende 2011 beginnen. Merkel zeigte sich vorsichtig: Dies sei "ein erster möglicher Termin", sagte sie. "Das setzt voraus, dass die Lage auch so ist, dass man das verantworten kann."

Westerwelle gab sich in "Bild am Sonntag" deutlich zuversichtlicher: "Im nächsten Jahr werden wir mit der Übergabe der Verantwortung an die Afghanen beginnen. Ende 2011 wollen wir zum ersten Mal unser Bundeswehrkontingent reduzieren." Damit kommt Westerwelle der SPD entgegen, die einen frühestmöglichen Abzug fordert. 2014 soll die Verantwortung für die Sicherheit ganz an die afghanische Polizei und Armee abgegeben werden - das wollen Bundesregierung, Isaf und Präsident Karsai. Kritiker bezweifeln allerdings, dass Afghanistan dann schon allein seine Sicherheit gewährleisten kann. Im Januar muss der Bundestag erneut über die Verlängerung des Mandats für den Afghanistan-Einsatz entscheiden.

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