Atomkraftwerk

In Brokdorf wächst der Protest gegen die "Bedrohung"

Foto: Patrick Piel

Das Atomkraftwerk ist das letzte in der Nähe Hamburgs, gegen das Atomkraftgegner demonstrieren können. Die Gemeinde lebt gut von ihm.

Brokdorf. Karsten Hinrichsen kommt zu spät. Er trägt einen Aktenkoffer in der einen Hand, einen Zettel mit der Rede in der anderen. "Karsten, wo bist du?", knarrt eine Stimme aus Richtung Lautsprecherwagen. "Ich komm doch schon", murmelt Hinrichsen in seinen Zauselbart. Er zieht den Schritt an, rennt fast, vorbei an Männern in Gummistiefeln und mit Fahnen, auf denen "Atomkraft? Nein danke" steht, vorbei am Stand der Grünen und am Bratwurstgrill. "Da issa ja", sagen sie und klopfen Hinrichsen auf die Schulter, als er sich durch die Menge schlängelt. "Wirst schon vermisst."

Hinrichsen, 69, klein und drahtig, nähert sich dem Lastwagen mit der Bühne wie ein Fliegengewichtsboxer dem Ring. Hinrichsen, das kann mansagen, ist eine kleine Ikone der AKW-Gegner in Brokdorf. Ein Ort, der über die Jahrzehnte selbst zum Mythos geworden ist im Protest gegen Atomkraft, ein Ort mit einem Kernkraftwerk, das Einzige um Hamburg, das noch nicht abgeschaltet ist.

Und deshalb demonstriert Hinrichsen an diesem Sonntag wieder - amJahrestag der Katastrophe in Fukushima. "Wir können es schaffen!", ruft er ins Mikrofon auf der Bühne. "Wir können es schaffen, und wir werden diese Bedrohung endlich los." Jubel, Klatschen, Tröten. Die Bewegung braucht Menschen wie Hinrichsen, die Luft in den gelben Ballon mit der strahlenden Sonne pusten, wenn er mal ein bisschen schlaff ist.

3000 Menschen sind da: Sie haben sich angefasst, Hand an Hand, umzingeln das Kraftwerk mit einer Menschenkette, die Hälfte hört jetzt noch den Rednern zu. Im Februar 1981 waren hier 100 000 Menschen. Und 10 000 Polizisten. Die bis dahin größte Anti-Atomkaft-Demonstration in der deutschen Nachkriegsgeschichte. In Brokdorf fing an, was bis heute andauert.

+++Schon wieder Panne im Atomkraftwerk Brokdorf+++

1986, ein halbes Jahr nach der Katastrophe von Tschernobyl, ging der Reaktor in Brokdorf ans Netz. Tschernobyl und Fukushima - zwei Tragödien, die die Anti-AKW-Bewegung verändert haben. "Fukushima ist überall", den Spruch hört man an diesem Tag in Brokdorf oft. Das Unglück in Japan brachte Deutschland den Ausstieg aus der Atomkraft, nachdem Schwarz-Gelb gerade die Laufzeiten verlängert hatte. Bis 2022 sollen nun alle Meiler abgeschaltet werden - der in Brokdorf 2021.

Nach Tschernobyl, sagt Hinrichsen, konnten die Betreiber in Deutschland behaupten: "Waren halt die doofen Russen." Seit Fukushima, einem Unfall im Industrieland Japan, gehe das nicht mehr. In Brokdorf haben sie nach Fukushima wieder eine Aktionsgruppe ins Leben gerufen: Brokdorf akut. Alle zwei Wochen treffen sie sich jetzt. "Hilft ja nichts", sagt Hinrichsen. In diesem Satz schwingt vieles von dem mit, was nach mehr als 30 Jahren Widerstand gegen das AKW auch übrig geblieben ist: Frust, aber auch Entschlossenheit.

Manchmal, sagt Hinrichsen, sei es nicht leicht, Atomkraftgegner zu sein in Brokdorf. Rund 700 000 Euro erhält die Gemeinde an Gewerbesteuern von Kraftwerksbetreiber E.on pro Jahr. Brokdorf hat ein beheiztes Freibad mit einer 100 Meter langen Wasserrutsche, eine Sportanlage mit Kraftraum, Sauna und Fußballplatz mit Tribüne, sogareine Eishalle. Blutzoll, sagt Karsten Hinrichsen.

Gewinnbringend und nachhaltig für die Finanzen der Gemeinde, sagt Bürgermeister Werner Schultze von der CDU. Nach Fukushima sei seine Gemeinde "lange nicht zur Tagesordnung übergegangen. Wir wissen aber, dasseine derartige Katastrophe hier sicher auszuschließen ist." Er könne nicht für alle sprechen, aber der "größte Teil" in Brokdorf befürworte die Nutzung der Kernenergie. Schultze findet diplomatische Worte für Brokdorfs Leben nach der Katastrophe. Es ist die Sicht eines Bürgermeisters.

Hinrichsen warnt vor den Sturmfluten. Früher arbeitete er als Meteorologe, auch an der Universität in Hamburg. Für die Gegner des AKW hat er jetzt eine Broschüre geschrieben. "Was wäre, wenn ...", so heißt sie und zeigt, welche Regionen im Norden wie stark kontaminiert wären bei einem Super-GAU in Brokdorf. Hinrichsen erklärt den Menschen, wie das funktioniert mit der Atomkraft, dem Cäsium-137, dem Neutronenbeschuss und den Störfällen. Es ist die Sicht eines Wissenschaftlers - und eines Widerständlers.

Petra Uhlmann hatte nach der nuklearen Katastrophe in Fukushima viele Anrufe, fast ein Dutzend pro Stunde, Kamerateams, die in den deutschen Kernkraftwerken filmen und Angestellte interviewen wollten. Seit 18 Jahren ist Uhlmann Pressesprecherin bei E.on, dem Konzern, der das Kraftwerk in Brokdorf betreibt. Sie kennt auch Hinrichsen. Das Abendblatt fragte gleichfalls Interviews mit Mitarbeitern des Kraftwerks an. Das Unternehmen sagte ab. Viele der Mitarbeiter seien es leid, für "Betroffenheitsstorys der Journalisten" bereitzustehen, sagt Uhlmann. Immer wieder dieselben Fragen: Wie ist es nach dem Ausstieg aus der Atomkraft? Wie fühlen Sie sich, wenn vor dem Kraftwerk die Menschen gegen Ihr Kraftwerk demonstrieren?

Also muss Uhlmann jetzt diese Fragen selbst beantworten. Sie verweist auf die Überprüfung durch die Reaktorsicherheitskommission nach der Katastrophe von Fukushima und die europäischen Stresstests. "In beiden Fällen wurde uns von den nationalen Behörden bescheinigt, dass die Kraftwerke sehr robust sind und sicher", sagt Uhlmann. Manchmal verzweifle sie, weil sich "viele AKW-Gegner gar nicht wirklich für Informationen interessieren", sondern vorgefasste Meinungen hätten. Und Uhlmann sagt: Mit deutschem Sicherheitsverständnis wäre der Bau des Kraftwerks in Fukushima nicht vereinbar. Diese Anlagen wären hier nie genehmigt worden. "Fukushima ist eben nicht überall."

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