Wahlkampf: Überraschendes Eingeständnis

Steinbrück glaubt nicht mehr an einen Kanzler Steinmeier

SPD-Vize wirbt für Neuauflage der Großen Koalition und lobt Arbeit mit Angela Merkel.

Berlin. Nur wenige Tage vor der Bundestagswahl am 27. September hat der stellvertretende SPD-Vorsitzende Peer Steinbrück einen Wahlsieg seiner Partei indirekt ausgeschlossen. Er warb stattdessen für eine Neuauflage der Großen Koalition.

In einer Diskussionsrunde in Hamburg sagte Steinbrück, er rechne damit, dass die FDP einer Ampelkoalition mit SPD und Grünen nicht zustimmen werde. "Also geht es für die SPD darum, Schwarz-Gelb zu verhindern, also geht es für die SPD darum, sich in dieser (Großen) Koalition wiederzufinden", sagte er auf der Veranstaltung, die gestern in Auszügen als Video auf dem Internetportal des "Sterns" gezeigt wurde. Damit gab Steinbrück zu verstehen, dass er nicht mehr daran glaubt, dass SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier Kanzler wird.

Nach Auffassung des Ministers wäre eine Neuauflage der Großen Koalition für Deutschland "kein Unglück". Zwischen SPD und Union gebe es angesichts der Krise "mehr denn je" Gemeinsamkeiten. "Ich erachte die Risiken für die SPD in der Opposition für viel größer - auch durch einen Überbietungswettbewerb durch die Linkspartei." Ausdrücklich lobte Steinbrück die Zusammenarbeit mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU). "Ich habe viele positive Erfahrungen gemacht." Er sei nie von ihr geleimt worden. "Das, was wir unter vier Augen besprochen haben, blieb unter vier Augen."

Auf Steinbrücks Äußerung angesprochen, bezeichnete Hamburgs SPD-Landeschef Ingo Egloff eine Neuauflage der Großen Koalition gegenüber dem Abendblatt als "Option". "Aber warten wir doch mal ab, ob die FDP tatsächlich nicht bereit ist, mit uns und den Grünen eine Koalition zu bilden." Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast kritisierte: "Finanzminister Steinbrück hat sich offenbar auf der Couch von Angela Merkel häuslich eingerichtet." Der Vizechef der Linken, Klaus Ernst, bezeichnete Steinbrücks Äußerungen als "Aufgabe-Erklärung". FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sagte: "Die SPD gibt jetzt offiziell den Anspruch auf, stärkste Partei zu werden und den Kanzler zu stellen, kann sich hinter dieser Deckung aber auch auf Rot-Rot-Grün einrichten."

Am Abend versuchte Steinbrück, seine Aussagen zu relativieren. Steinmeier wäre "der bessere Bundeskanzler", sagte er.

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