Deutschland ist wenig verlockend

BERLIN. Die Wirtschaft jammert seit Monaten: Ausländische Ingenieure, Informatiker und Techniker aus Ländern wie Indien oder China sollen den hiesigen Fachkräftemangel überwinden helfen. Doch nach Deutschland zieht es die hoch qualifizierten Experten etwa aus Indien gar nicht so sehr: Zu unattraktiv sind nach Ansicht von Experten die Bedingungen für Spitzenkräfte.

In Deutschland fehlten im vergangenen Jahr nach Schätzungen 165 000 Spezialisten. Hochqualifizierte können zwar bereits nach Deutschland kommen, wenn sie ein Stellenangebot haben. Voraussetzung ist teilweise aber ein jährliches Mindesteinkommen von rund 85 000 Euro. Die von der EU-Kommission geplante Bluecard stößt in Berlin auf Vorbehalte, denn die Bundesregierung setzt zuerst auf nationale Fachkräfte.

Für den Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) sind die Bedingungen völlig unzureichend. "Es ist nicht gerade so, dass ausländische Arbeitnehmer in Deutschland mit offenen Armen empfangen werden", sagt ein Bitkom-Sprecher. Die Sprache sei eine Barriere, deutsche Zuzugsregelungen seien unattraktiv; besser seien die Bedingungen insbesondere in den USA, Australien, Singapur, Großbritannien - oder Indien. Alle großen IT-Firmen hätten in Indien inzwischen Entwicklungszentren aufgebaut, und auch indische IT-Firmen seien am Markt. "Die indischen Fachkräfte finden auch dort gute Jobs." Für sie sei entscheidend, wo sie die beste Perspektive hätten. Nötig sei in Deutschland daher neben dem Daueraufenthalt auch etwa eine Arbeitserlaubnis für Ehepartner.

Als mäßig attraktiv gilt im Rückblick die sogenannte Greencard, die ab August 2000 eigens für den IT-Bereich in Deutschland geschaffen wurde. Im Zuge der Greencard kamen vom Jahr 2000 bis 2004 etwa 18 000 IT-Kräfte nach Deutschland, darunter 5740 aus Indien. Doch mussten die Spezialisten nach fünf Jahren in der Regel das Land wieder verlassen. 2006 lebten 34 000 Inder in Deutschland, 6000 weitere sind eingebürgert. Die wenigsten von ihnen haben einen gesicherten Aufenthaltsstatus, nur rund ein Fünftel von ihnen hat eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.

Die Bundesregierung müsse darüber nachdenken, wie die Zuzugsbedingungen für Hochqualifizierte besser gestaltet werden könnten, fordert auch der Migrationsforscher Klaus Bade. "Deutschland ist in Konkurrenz mit Silicon Valley und muss deshalb attraktiver werden." Der Nachweis eines Jahreseinkommens von 85 000 sei "dramatisch zu hoch".

Gleichzeitig solle die Kanzlerin Angela Merkel bei ihrer derzeitigen Reise nach Indien aber auch klarmachen, dass die Bedingungen in Deutschland nicht so schlecht sind, sagte Bade. Der Vorsitzende der deutsch-indischen Parlamentariergruppe, Josef Winkler (Grüne), sprach sich darüber hinaus dafür aus, dass Merkel sich für einen Uni-Austausch und für mehr Deutschkurse einsetzen solle. In Indien gingen jährlich 200 000 Hochqualifizierte von den Unis ab. Dieses Potenzial müsse erschlossen werden.

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