Auf der Jagd nach einem mörderischen Phantom

Foto: Bayernpress/Polizei

Soko "Bosporus": Eine Tatwaffe, neun Tote binnen fünfeinhalb Jahren: Wer tut so etwas - und vor allem: Warum? Der Nürnberger Kripo-Chef Wolfgang Geier führt eine der größten Sonderkommissionen, die es in Deutschland je gab. Doch noch sind die Spezialisten ratlos.

Nürnberg. "Eines Tages werden sie hier vor mir sitzen, und ich werde sie verhören, warum sie das gemacht haben." Der Mann, der eigentlich schlecht schlafen müßte, wirkt gelassen. Obwohl die Mörder, die er jagt, scheinbar nicht zu stoppen sind. Wolfgang Geier, 51 Jahre alt, Leitender Kriminaldirektor: Er ist der Chef der Nürnberger Kripo, der Chef von allein 60 Ermittlern der Soko "Bosporus", die in der Frankenmetropole jeden Tag an nichts anderem arbeiten als an diesem Fall: Eine der größten Sonderkommissionen, die es je in Deutschland gab - sie versucht die unheimliche Mordserie, die sich seit fünfeinhalb Jahren durch die Republik zieht, endlich aufzuklären.

Die Opfer sind fast ausschließlich türkische Kleinhändler: Döner-Verkäufer, Obsthändler, Schlüsselmacher. Nach außen unbescholtene, uninteressante Männer, die nach und nach mit ein und derselben Pistole erschossen werden. Einer tschechischen Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65, die nirgendwo sonst in Europa je bei einer Straftat benutzt wurde. "Die Waffe ist eine Botschaft", sagt der Chefermittler: "Sie soll andere einschüchtern." Eine bewußt gelegte Spur in diesem grausamen Spiel.

Geier, seit 34 Jahren Polizeibeamter, sieht nicht aus wie ein Verlierer. Akkurater, grauer Dreiteiler, leicht gebräunt, kerniger Händedruck. Im Gespräch freundlich, aber bestimmt. Kollegen, die den 1,78 Meter großen Franken kennen, sagen: "Er ist einer der Hartnäckigsten." Und doch muß der erfahrene Ermittler zusehen, wie es in seinem bisher größten Fall statt Festnahmen immer neue Opfer gibt.

Zuletzt waren Anfang April zwei Menschen gestorben, nur gut 48 Stunden nacheinander. In Dortmund trafen Mehmet K. (39) mehrere Schüsse, bis er in seinem Kiosk zusammensackte. In Kassel bekam Halit Y. (21) in einem Internet-Cafe zwei Kugeln in den Kopf. Dann war auch Opfer Nummer neun tot. Nicht nur Geier fragt sich, "wie lange die Öffentlichkeit noch ruhig bleibt".

Die spektakuläre Mordserie ist längst auch ein Politikum. Bayerns Innenminister Günter Beckstein (CSU) hat sich vor der Innenministerkonferenz von Bund und Ländern Anfang Mai in Garmisch-Partenkirchen eingeschaltet und mit dafür gesorgt, daß der Fall kein Fall für das Bundeskriminalamt wurde - trotz der über fünf Bundesländer verstreuten Taten, trotz der Hinweise auf ausländische, türkische Hintergründe. "Wenn Beckstein Geier beauftragt, dann vor allem, weil er ihm am ehesten zutraut, den Fall zu lösen", sagt ein Vertrauter.

Beckstein will es offensichtlich wissen. Sogar eine Erhöhung der Belohnung von bislang 33 000 Euro auf stattliche 300 000 Euro hat er jetzt angekündigt - damit diejenigen endlich reden, die mehr wissen und jetzt womöglich um ihr Leben zittern. Und in Hamburg, dem Tatort des dritten Mordes, so heißt es aus Kripo-Kreisen, sollen sich bald Ermittler mit Hochdruck noch einmal jedes Detail des Mordes an dem Bahrenfelder Gemüsehändler vornehmen und neu bewerten.

Die bisherige Bilanz - fünf Jahre, acht Monate und 22 Tage nach der ersten Tat in Nürnberg - ist allerdings mau: kein Motiv, keine Verdächtigen, noch nicht einmal eine DNA-Spur. "Wir müssen ehrlich einräumen: Wir haben keine heiße Spur und noch nicht einmal einen vielversprechenden Ansatz", sagt Chefermittler Geier dem Abendblatt.

Dabei haben seine Fahnder so ziemlich alles versucht. Sie haben Hunderttausende Daten, vor allem Namen miteinander abgeglichen. Passagierlisten von Türkei-Flügen rund um die Tatzeiten, dazu Mietwagen-Verträge, Tankquittungen und Auszahlungen an EC-Automaten. Um einen Namen zu finden, der bei wenigstens zwei Morden auftaucht. Fehlanzeige. Sie haben die Taten an den Tatorten nachgespielt. Wo stand der Schütze, wo das Opfer - und wer könnte etwas gesehen haben? Sie sind in die Türkei geflogen, haben hochrangige Kollegen getroffen, dort ermittelt.

Sogar sogenannte Profiler brüten jetzt über den Morden. Die Beamten der Operativen Fallanalyse, einer Methode, die der heutige Hamburger Innensenator Udo Nagel (parteilos) als Chef des Münchner Morddezernats Mitte der 90er Jahre in Bayern einführte, versuchen, aus der Handschrift der Taten den Typ des Täters zu destillieren. Und erst dieser Tage setzt Geier neue "Spezialisten" an den Fall, die er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht näher benennen will. Ein neuer, vielversprechender Ansatz - oder eine Seifenblase, die zerplatzt wie alle anderen Ansätze bisher?

Die einzige Spur: zwei Radfahrer, jeder etwa 30 Jahre alt, die mit dunklen Rucksäcken kurz vor Mord Nummer sechs in Nürnberg nahe dem Tatort gesehen wurden - wie auch einige Tage vor dem gewaltsamen Tod des Dönerbuden-Besitzers Ismail Y. Von ihnen gibt es seit Monaten Phantombilder, aber mehr auch nicht.

Die, die höchstens hinter vorgehaltener Hand murren, "die deutsche Polizei will die Täter gar nicht fangen", die türkisch-hierarchisch geprägten Familien der Opfer, geben sich Fremden und der Polizei gegenüber noch immer äußerst zugeknöpft - und genau da liegt vielleicht das Hauptproblem der Fahnder: "Wir dringen in Gesellschaftsteile vor, die offensichtlich eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Polizei nicht gewohnt sind", formuliert es Geier. Niemand kommt von sich aus zu den Ermittlern. Und wenn sie die Familien der Opfer aufsuchen, bekommen sie vielleicht einen Tee mit Minze. Aber keine Antworten auf ihre Fragen.

So zogen die Ermittler nach Mord sechs alle türkischstämmigen Kollegen aus Bayern zusammen und ließen sie 500 Kleingewerbetreibende türkischer Herkunft im Nürnberger Raum befragen. Jeden einzeln. Jeder bekam eine Visitenkarte mit Namen und Telefonnummer des Beamten in die Hand gedrückt, "falls Ihnen noch etwas einfällt". Das Ergebnis - dünn, sagt Geier: "Es gibt da einfach eine gewisse Unruhe."

Jeder hat Angst, der nächste zu sein.

Die Mordserie ist Geiers zweiter großer Fall. Der erste machte unter dem Namen Peggy Schlagzeilen. Die damals Neunjährige verschwand im Mai 2001 aus dem bayerischen Lichtenberg spurlos. Wegen Mordes sitzt inzwischen ein rechtskräftig verurteilter Täter in Haft. Ein geistig Behinderter, von dessen Schuld nicht alle überzeugt sind. Die Leiche des Kindes wurde bis heute nicht gefunden. Auch im Fall Peggy wurde Geier erst nachträglich Ermittlungsleiter, als andere nicht mehr weiterkamen.

Er werde geholt, wenn sonst nichts mehr gehe. Den Satz haben Journalisten dem Sohn eines Schreinermeisters in den Mund gelegt, als er zum 1. Juli 2005 die Mordserie übernahm. "Aber der paßt mir net", sagt der Franke: "Ich bin kein Übermensch, sondern ein ganz normaler Kripo-Beamter, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat." Geier, Golfspieler, verheirateter Vater von drei Kindern und bereits Großvater, nennt seinen größten Fall eine "Herausforderung", vor allem wegen der "Dreistigkeit, mit der hier gemordet wird". Der 51jährige beschreibt sich selbst als ruhigen Analytiker: "Ich habe vom Aktenstudium in dem Fall mittlerweile einen Kopf wie ein Pferd."

Der noch fehlende Durchbruch bei den Ermittlungen - scheitert er auch am Gewirr der Ermittler-Zuständigkeiten? In Nürnberg sitzt die Soko "Bosporus", die Ermittler aus der Franken-Stadt und München vereint. Parallel dazu arbeiten die Fahnder in Hamburg, Rostock, Dortmund und Kassel, den anderen Tatorten. Die Leiter dieser Ermittlungsgruppen wollen sich bald "periodisch" treffen, sagt Geier. Überhaupt ist viel von "ständigen Verbindungen", "Informations-Austausch" und "gegenseitig auf dem laufenden halten" die Rede. Aber jeder, der den deutschen Polizeiapparat ein wenig kennt, weiß, wie eifersüchtig Ermittler untereinander nicht nur im Fernsehen sind. Geier weist das von sich: "Wir haben in Nürnberg die meisten Erfahrungen mit der Serie, in Bayern allein fünf Tatorte und können den Fall lösen."

Es bleiben Vermutungen, Arbeitsansätze, wie es die Soko "Bosporus" nennt. Wahrscheinlich handelt es sich um zwei Täter. Sie sind Profis, werden möglicherweise extra aus der Türkei eingeflogen für ihre Tat. Nie wurde auch nur ein Cent geraubt. Die Opfer sind nicht zufällig gestorben, wenn es auch möglicherweise tödliche Verwechslungen gab. Sie waren vielleicht letzte Glieder einer Kette, Geldwäscher eines Drogenrings womöglich, die einen Fehler gemacht hatten, der sie das Leben kostete. Und welche Rolle spielt eine geheimnisvolle Im- und Exportfirma in Istanbul?

Nach dem bisher geltenden Gesetz der Serie passiert jetzt erst einmal für Wochen, wahrscheinlich eher Monate nichts. Dann wird es das zehnte Opfer geben. Wenn Wolfgang Geier und seine Ermittler nicht schneller sind.