08.09.12

Parteitagsrede des US-Präsidenten

Barack Obama will kein Messias mehr sein

Beim Nominierungsparteitag der Demokraten gibt sich der US-Präsident zurückhaltend - und muss hoffen, dass die neue Strategie erfolgreich ist.

Foto: REUTERS
U.S. President Obama is joined on stage by first lady Michelle along with daughters Sasha and Malia, at the conclusion of his address to the Democratic National Convention in Charlotte
Barack Obama vorerst erleichtert: Nach seiner Rede kommen auch seine Frau Michelle (l.) und seine Töchter Sasha (2. v. r.) und Malia (r.) auf die Bühne

Charlotte. Präsidententochter Malia Obama rutscht ein wenig gelangweilt auf ihrem Klappstuhl in der ersten Reihe vor der Bühne hin und her. Kein Wunder: Gelegentlich mal abzuschalten, wenn Papa einen Vortrag hält, ist normal für eine 14-Jährige. Doch auch bei den anderen 20 000 Menschen in der Arena in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina springt der Funke anfangs nicht richtig über, als Barack Obama eine der wichtigsten Reden seiner Karriere hält. Der Applaus klingt müde. Wo ist die Magie der zwei vorangegangenen Nächte hin, als First Lady Michelle Obama die Halle verzauberte und Ex-Präsident Bill Clinton die Menge aufwühlte?

Es dauert eine halbe Stunde, bis Obama plötzlich den Schalter umlegt - von seiner Standardwahlkampfrede zum leidenschaftlichen Appell. "Ich bin hoffnungsvoll wegen euch", ruft er den Menschen zu. Der Jubel schwillt an. Er ist plötzlich wie ausgewechselt, schlägt die Hand aufs Rednerpult, bewegt seinen zuvor starren Oberkörper nun im Takt der Worte. "Wir kehren nicht um. Wir lassen niemanden zurück. Wir ziehen einander hoch", brüllt er mit voller Stimme gegen das begeisterte Gekreische seiner Anhänger an.

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Das ist er, der Barack Obama, den sie 2008 euphorisch ins Weiße Haus geschickt haben.

Diese kraftvollen fünf Minuten am Schluss müssen reichen, um dem Amtsinhaber den entscheidenden Schub zum Wahlsieg zu geben - und sie haben die Zuschauer überzeugt. "Das war sehr inspirierend", jubelt Alex Zilka, 30, aus Chicago unmittelbar nach der Ansprache. "Einfach super", sagt der 15-jährige Patrick Grace aus Charlotte wie aus der Pistole geschossen. "Er will das Beste für die Menschen, das merkt man." Der Lieblingssatz von Nan Bernardo, einer älteren Dame aus New Jersey: "Wir schaffen das gemeinsam."

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Vielleicht hätte alles viel besser gewirkt, wenn die geplante Choreografie geklappt hätte. Eigentlich war der Auftritt vor mehr als 70 000 Obama-Fans im Stadion vorgesehen, doch die Angst vor Gewitterstürmen verhinderte das kurzfristig. So bestand das Publikum fast nur aus Delegierten und Gästen, die nach drei Tagen Convention müde waren und in der überfüllten Arena an Frischluftmangel litten. Hier fehlten sogar die obligatorischen Luftballons, die sonst zu Tausenden von der Decke schweben und eine Partystimmung erzeugen.

Nach der Rede bleibt das Gefühl, dass Obama sich rechtzeitig vor der Wahl neu erfinden will. Er mag nicht mehr der Messias sein, zu dem er vor vier Jahren im Wahlkampf erklärt wurde. "Die Zeiten haben sich geändert - und ich mich auch", sagt er und gesteht, dass er es allein nicht schafft, "Hoffnung und Wandel" in die Welt zu bringen. Aber: "Ihr könnt es möglich machen", ruft er. Die Bürger hätten eine klare Wahl zwischen ihm, der die Tür dafür öffnen könne und seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney, der sie versperren wolle.

Romney hassen sie hier. Wann immer sein Name fällt beim Parteitag, wird die Stimmung im Saal aggressiv, wird laut gebuht und geschimpft. Letztlich ist die Präsidentschaftswahl im November auch eine Anti-Romney-Wahl, der parallel zum Demokraten-Parteitag eine weitere gigantische Werbekampagne in acht umkämpften Staaten vorbereitete und für 4,5 Millionen Dollar neue Werbezeiten kaufte.

Motto der Spots wird sein, dass es den Amerikanern nach vier Jahren unter Obama nicht besser gehe. Der Amtsinhaber sei für zahlreiche Zwangsversteigerungen, Kürzungen im Verteidigungshaushalt und den Anstieg des Staatsdefizits verantwortlich. Insgesamt 15 verschiedene Spots sollen in Colorado, Florida, Iowa, Nevada, New Hampshire, North Carolina, Ohio und Virginia laufen.

Obama hingegen nutzt die nun hochkochende Stimmung in der Halle in Charlotte und verknüpft seine Bitte um vier weitere Jahre mit der Warnung, dass der Republikaner die USA sozial wie außenpolitisch in dunkle Zeiten zurückwerfen würde: "Wenn ihr euch jetzt abwendet, wenn ihr jetzt dem Zynismus nachgebt, dass der Wandel, für den wir gekämpft haben, nicht möglich ist, dann wird er auch nicht kommen." Es ist eines seiner stärksten Argumente für die Wiederwahl. In der Arena wirkt es: "Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit", findet die New Yorkerin Mazeda Uddin. Tags zuvor hatte Ex-Präsident Clinton in einem flammenden Appell für eine Wiederwahl Obamas geworben. Er glaube "von ganzem Herzen", dass Obama das Land in einen wirtschaftliche Aufschwung führen werde, erklärte Clinton in seiner mit Humor gewürzten Rede am Mittwochabend in Charlotte. Der 66-Jährige schlug seinen Parteikollegen offiziell als Kandidat für die Wahl vor.

Zum Abschluss des Parteitages traten auch Hollywoodstars wie Kerry Washington, Scarlett Johansson und Eva Longoria auf. Auch Caroline Kennedy, die Tochter des 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, sprach kurz zu den Delegierten.

Ein weiterer Höhepunkt: Mit seiner Rede, so stellt es sich später heraus, hat Obama einen neuen Rekord bei Twitter aufgestellt: Der Internet-Kurzmitteilungsdienst verbreitete in der Nacht zu Freitag 52 756 Tweets pro Minute, die die Ansprache zum Thema hatten. Insgesamt zählte Twitter seit Beginn des Parteitags mehr als 9,5 Millionen Äußerungen zur "Democratic National Convention". Allein am letzten Tag der Versammlung waren es rund vier Millionen und damit etwa ebenso viele wie zum Nominierungsparteitag der Republikaner insgesamt.

Ob das ausreicht und Obamas Rede auch bei unentschlossenen Wählern wirklich die richtige Strategie war, wird sich erst bei der Wahl am 6. November zeigen. Schon Stunden später am Freitag zeigen die neuesten Jobzahlen, dass Tiefstapeln vielleicht wirklich die beste Möglichkeit für Obama ist - die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, seine Angriffsfläche damit groß.

(dpa/dapd)
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