05.02.13

Scharfschütze erschossen

Depressiv wurde Kyle nur, wenn man ihn vom Töten abhielt

Der traumatisierte Kriegsveteran Eddie Ray Routh erschießt den ehemaligen Navy Seal Chris Kyle, den prominentesten Scharfschützen der USA.

Von Thomas Frankenfeld
Foto: AP
Sniper Chris Kyle
Tod eines amerikanischen Helden: Chris Kyle mit seinem "Handwerkszeug" daheim in Texas. Er war strikt gegen Obamas schärfere Waffengesetze

Hamburg. Chris Kyle war das, was man in Amerika einen Helden nennt. Er war Mitglied der legendenumwobenen Elitetruppe Navy Seals, hatte einen Schrank voller Orden und galt mit 160 bestätigten Abschüssen als effektivster Scharfschütze der US-Militärgeschichte. Seine Autobiografie "American Sniper" verkaufte sich fast eine Million Mal. Als "überlebensgroßen Texaner" bezeichnete ihn ein Seal-Kamerad.

Doch Chris Kyle ist nun auch ein Symbol für das unbewältigte Drama traumatisierter Kriegsveteranen geworden. Der bärenhafte Kyle, der die Navy 2009 verlassen hatte und ein Sicherheitsunternehmen betrieb, war Gründer einer Organisation, die Fitnessgeräte für körperlich und geistig geschädigte Kriegsveteranen zur Verfügung stellte. Er war unermüdlich für die Sache der rund 22 Millionen US-Veteranen im Einsatz, unter denen sich Millionen Traumatisierte befinden.

Am Wochenende hatten Kyle und sein Freund Chad Littlefield den Kriegsveteranen Eddie Ray Routh, 25, in Kyles schwarzem Ford Pick-up F 350 mit auf den exklusiven Schießplatz Rough Creek Lodge in der Nähe von Dallas genommen. Der arbeitslose Routh hatte als Scharfschütze bei den Marines bis 2010 im Irak und in Haiti gedient. Kyle kümmerte sich um ihn, weil dieser schwer traumatisiert und gesellschaftlich abgestürzt war. Der ehemalige "Super-Sniper" ging öfter mit geschädigten Veteranen auf die Schießbahn, weil er glaubte, ausgerechnet das Schießen würde die im Gefecht Traumatisierten psychisch stabilisieren. Doch kaum hatte Routh eine halb automatische Feuerwaffe in der Hand, als er sie auf Kyle und Littlefield richtete und beide erschoss. Danach flüchtete er in Kyles Wagen, wurde aber bald darauf von der Polizei gefasst.

Für Menschen, die mit der amerikanischen Waffen- und Kriegsheldenkultur fremdeln, ist Kyles Autobiografie zutiefst verstörend. Keinen einzigen seiner tödlichen Schüsse - er selbst gab 255 Getötete an - bereut er darin, "sie alle hatten es verdient zu sterben". Falls Gott ihn nach seinem Tod mit seinen Sünden konfrontieren werde, dann wohl kaum wegen der Erschossenen, glaubte Kyle. Er nannte Amerikas Feinde "Wilde", die es auszurotten gilt, und schilderte ganz offen, wie viel Spaß ihm das Töten bereitet. "Ich konnte es kaum abwarten, dass die Schlacht losging ... Ich wollte jemanden erschießen." Nüchtern erzählte er, wie er in Bagdad eine Frau erschoss, die in der einen Hand eine Granate und in der anderen ihr Baby hielt. Einmal tötete er einen Aufständischen, der einen Raketenwerfer auf US-Soldaten richtete, über eine Entfernung von rund zwei Kilometern und rettet damit den Kameraden das Leben. Vier Einsätze im Irak überlebt er, wird in den USA zur lebenden Legende und tritt in Fernsehshows auf. Chris Kyle glaubte, er sei unverwundbar. Die irakischen Rebellen nannten ihn den "Teufel von Ramadi" und setzten ein hohes Kopfgeld auf ihn aus. Depressiv wird Chris Kyle im Einsatz nur, wenn man ihn vom Töten abhält, wenn seine Einheit, das Navy Seal Team Three, eine Erholungspause verordnet bekommt.

Als sein Buch vor einigen Monaten auf Deutsch erschien, befragte das Abendblatt einen anderen legendären Navy-Seal-Scharfschützen dazu. Howard Wasdin, dessen Autobiografie "Navy Seal Team Six" ebenfalls zum Bestseller wurde und der sogar im Team Six diente - einer Elite innerhalb der US-Elitetruppe -, sagte: "Mir hat das Buch überhaupt nicht gefallen. Chris benötigt dringend eine Therapie."

Wasdin, der heute sehr erfolgreich in Georgia als Chiropraktiker arbeitet und selbst nach seinem Einsatz in Somalia - Stichwort "Blackhawk Down" - schwer verwundet und schwerst traumatisiert war, hasst den Krieg nach eigenem Eingeständnis. Er brach ein Tabu der Elitekrieger, indem er offen um Hilfe bat und von Psychiatern erfolgreich behandelt wurde. Erst als Wasdin dies öffentlich gemacht hatte, fanden viele Veteranen den Mut, ebenfalls um Behandlung zu bitten.

Pro Jahr sterben rund 6500 Veteranen durch Selbstmord, rund 30.000 Menschen in den USA kommen jedes Jahr durch Schusswaffen um. Das Kriegsveteranenministerium in den USA hat rund 280.000 Mitarbeiter und einen Etat von rund 100 Milliarden Dollar. 89 Kriegsveteranen sind Abgeordnete im Repräsentantenhaus, auch 18 Senatoren sind Veteranen, dazu Außenminister John Kerry und der designierte Verteidigungsminister Chuck Hagel.

"Ich bin ein besserer Ehemann und Vater, als ich ein Killer war", sagte Chris Kyle einmal. Der Ermordete hinterlässt seine Frau Taya und zwei Kinder.

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