18.01.13

Krieg gegen Islamisten

Malis Soldaten erobern die Stadt Kona zurück

Stadt in Landesmitte zurück Regierungshand. Start der Bundeswehr-Flugzeuge abgebrochen. Bangen um Geiseln in Algerien geht weiter.

Foto: dpa
Ein französischer Soldat (l) spricht mit einem malischen Soldaten (r) während einer Operation im Norden von Bamako
Ein französischer Soldat (l) spricht mit einem malischen Soldaten (r) während einer Operation im Norden von Bamako

Bamako/Algier/Landsberg. Mit massiver französischer Unterstützung setzen die malischen Truppen die islamistischen Rebellen zunehmend unter Druck. Die Regierungsverbände eroberten die Stadt Kona in der Landesmitte zurück. "Bevor wir einrücken konnten, haben wir 42 Stunden lang gekämpft", sagte Kommandeur Didier Dakouo im nationalen Fernsehen.

Im Geiseldrama in Ostalgerien war am Freitag kein Ende abzusehen. Die französische und die britische Regierung erklärten die Lage in der von Islamisten überfallenen Industrieanlage In Amenas für unübersichtlich. Am Donnerstag hatten Regierungstruppen dort den Wohnbereich befreit und die Produktionsanlagen abgeriegelt. Unklar war, ob einige Terroristen mit Geiseln aus In Amenas entkommen konnten. Mehrere westliche Regierungen kritisierten das unabgesprochene Vorgehen Algeriens.

Eine Entlastung ihrer Kampfesbrüder in Mali brachte die Geiselnahme der Islamisten in Algerien nicht. Nach der Rückeroberung Konas rückten die malischen Truppen am Freitag in Richtung auf die von Rebellen gehaltene Stadt Douentza vor. Weitere Verbände stünden in Niono, rund 60 Kilometer vor Diabali, bereit.

Nigeria erhöhte nach einem Bericht der Zeitung "This Day" seine Zusage für die westafrikanische Mali-Eingreiftruppe um 300 auf 1200 Mann. Die USA erklärten sich bereit, den Franzosen für Truppentransporte Transportflugzeuge zu stellen.

Technikprobleme verzögern Start von Bundeswehr-Transall nach Mali

Wegen Technikproblemen ist der Start einer Transall-Transportmaschine der Bundeswehr von Bayern nach Mali am Freitagmorgen abgebrochen worden. Die Maschine rollte zwar bereits über die Startbahn des Fliegerhorsts Landsberg bei Penzing, konnte dann aber nicht losfliegen, wie Oberstabsfeldwebel Manfred Kunze sagte. "Wir werden wahrscheinlich auf eine Ersatzmaschine umsteigen."

Schon am Donnerstagabend hatte die Maschine nicht starten können - starker Schneefall behinderte den Abflug. Die Maschine soll zunächst ins französische Évreux fliegen, wo bereits zwei am Donnerstagabend gestartete Maschinen aus Hohn (Schleswig-Holstein) zwischenlandeten. Zwei der drei Flugzeuge sollen dort mit Sanitätsmaterial beladen werden und dann in die malische Hauptstadt Bamako weiterfliegen. Die dritte Maschine ist nach Angaben der Luftwaffe nur Ersatz und soll nach Deutschland zurückkehren.

Die Transporter sollen Soldaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas in das Einsatzgebiet bringen, wo sie zusammen mit malischen und französischen Soldaten Islamisten aus dem Norden des Wüstenstaats zurückdrängen sollen. Jedes Flugzeug kann etwa 90 Soldaten transportieren.

Geiselnehmer möglicherweise internationales Kommando

Die Geiselnehmer von In Amenas waren vermutlich über die nahe Grenze aus Libyen gekommen. "Die Terroristen waren sehr gut vorbereitet, kannten die Anlage", berichtete eine befreite Geisel der Pariser Zeitung "Le Monde": "Sie haben sofort die Produktion gekappt, nachdem sie das Werk unter Kontrolle hatten." Es habe sich um ein internationales Kommando gehandelt: "Ein Ägypter, ein Tunesier, ein Algerier, ein Schwarzer, möglicherweise aus Niger oder Mali." Einer habe perfekt englisch gesprochen.

Die algerischen Streitkräfte hatten mit ihrem Angriff auf In Amenas am Donnerstag versucht, Dutzende ausländische Geiseln aus den Händen eines Islamistenkommandos zu befreien, das die Industrieanlage in Ostalgerien tags zuvor in seine Gewalt gebracht hatte. Dabei gab es Medienberichten zufolge viele Tote; mehrere Arbeiter konnten befreit werden. Die Islamisten begründeten den Angriff mit Algeriens Unterstützung des französischen Kriegseinsatzes in Mali.

Das Schicksal vieler westlicher Beschäftigter des von BP, Statoil und Sonatrach betriebenen Werks mit 700 Mitarbeitern war am Freitag noch ungeklärt. Nach Informationen der BBC ist alleine das Schicksal von bis zu 20 Briten ungeklärt. Die britische Regierung geht vom Tod einer größeren Anzahl Landsleute aus. Premierminister David Cameron sagte wegen der "sehr schlechten Nachrichten" eine Grundsatzrede zur Europapolitik in den Niederlanden ab.

Frankreichs Innenminister Manuel Valls berichtete am Freitag im französischen Sender RTL, zwei Franzosen seien aus In Amenas heimgekehrt. Dem Sender Europe 1 berichtete einer von ihnen, er habe sich fast 40 Stunden vor den Terroristen in seinem Zimmer versteckt. Eine der norwegischen Geiseln wurde in der Nacht zum Freitag in Sicherheit gebracht. Der Energiekonzern Statoil teilte mit, das Schicksal von weiteren acht Norwegern sei ungeklärt.

Die Bundesregierung mahnte alle Reisenden im nördlichen und mittleren Afrika wegen der Terrorgefahr zur Vorsicht. Es bestehe eine erhöhte Gefahr von Gewaltakten und Entführungen durch Al-Kaida und kriminelle Banden.

Die Ereignisse in Mali: Ein Rückblick

Jahrelang galt Mali als Vorbild für eine demokratische Entwicklung in Afrika. Seit dem Militärputsch im März 2012 aber rutscht der westafrikanische Staat zunehmend ins Chaos. Ein Rückblick:

21./22. März 2012: Meuternde Soldaten stürzen Präsident Amadou Toumani Touré. Hintergrund sind Kämpfe zwischen Tuareg-Rebellen und Regierungstruppen im Norden des Landes. 6. April: Wenige Tage später spitzt sich die Lage im Norden weiter zu. Nach einem militärischen Siegeszug erklären Tuareg-Rebellen das eroberte Gebiet für unabhängig. Der neue Staat soll Azawad heißen.

12. April: Der bisherige Vorsitzende der Nationalversammlung, Dioncounda Traoré, wird als Interimspräsident vereidigt. 30. Juni: Islamisten zerstören in Gao und Timbuktu jahrhundertealte Mausoleen, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Sie setzen ihr zerstörerisches Werk in den nächsten Tagen fort und lösen damit internationale Proteste aus.

15. Oktober: Die EU-Außenminister beschließen in Luxemburg die Entsendung von Militärausbildern nach Mali, um die einheimischen Streitkräfte für den Kampf gegen die Islamisten zu rüsten.

19. Oktober: In Malis Hauptstadt Bamako diskutieren Experten, wie eine Spaltung des Landes zu verhindern wäre. Eine Militärintervention afrikanischer Staaten unter UN-Mandat wird immer wahrscheinlicher.

1. November: Bei einem Besuch in Mali stellt Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) humanitäre und militärische Hilfe in Aussicht.

12. November: Die westafrikanischen Staatschefs einigen sich in Nigeria auf die Entsendung von 3500 Soldaten, um den Norden gewaltsam zu befreien. Die Afrikanische Union gibt grünes Licht.

5. Dezember: Die Tuareg strebten eine politische Lösung an, sagt ein Sprecher nach einem Treffen mit der Regierung Malis, an dem auch Vertreter der islamistischen Organisation Ansar Dine teilnahmen.

20. Dezember: Der UN-Sicherheitsrat spricht sich einstimmig für die Entsendung von Friedenstruppen aus. Die unter afrikanischer Führung stehende Afisma-Mission solle die Regierung Malis "mit allen notwendigen Mitteln" unterstützen, heißt es in der Resolution. Kurz darauf erklären sich Tuareg und Islamisten zum Dialog bereit. Zugleich werden in Timbuktu weitere Heiligtümer zerstört.

8. Januar 2013: Die Rebellen rücken immer weiter nach Süden vor. Einwohner berichten von Gefechten zwischen Islamisten und Armee.

10. Januar: Angesichts der Offensive spricht sich der UN-Sicherheitsrat in einer Sondersitzung für eine schnelle Entsendung von internationalen Truppen aus.

11. Januar: Soldaten aus Frankreich, Nigeria und dem Senegal seien in Mali eingetroffen, gibt die Regierung in Bamako bekannt. Präsident Traoré hatte in einem Brief an Frankreichs Präsidenten François Hollande und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon um Hilfe gebeten.

12. Januar: Französische Kampfjets zwingen die Rebellen zum Rückzug aus der umkämpften Stadt Kona. Ein französischer Hubschrauberpilot kommt ums Leben.

(dpa/abendblatt.de)
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