Gazastreifen

Raketenhagel auf Israels Süden

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Nachts sitzen eine Million Menschen in Bunkern, Premier Netanjahu erwägt Einmarsch in den Gazastreifen.

Hamburg. Mehr als eine Million Israelis haben gestern die vierte Nacht in Folge in Luftschutzbunkern verbracht. Seit dem Wochenende haben radikale Palästinenser, vor allem Militante der Terrororganisationen Hamas und Dschihad, mehr als 140 Raketen auf den Süden Israels abgefeuert.

Premierminister Benjamin Netanjahu beriet mit dem Kabinett und führenden Generälen über durchschlagende Gegenmaßnahmen. Der Raketenhagel aus dem Gazastreifen ist der schlimmste seit Jahren; eine von Ägypten vermittelte Waffenruhe scheiterte. Gestern flogen israelische Kampfflugzeuge Angriffe auf Raketenstellungen und Munitionsdepots im Gazastreifen. In der israelischen Regierung werden bereits massive militärische Schritte bis hin zu einem erneuten Einmarsch in den von der Hamas beherrschten Gazastreifen erwogen, wie dies Vizeministerpräsident Silvan Schalom, ehemals Außenminister, forderte.

Netanjahu hatte sich am Montag zu einem spektakulären Schritt entschlossen: Er berief eine Konferenz mit rund 100 in Israel akkreditierten Botschaftern aus aller Welt ein - und zwar in der südisraelischen Stadt Aschkelon, die in Reichweite der palästinensischen Raketen liegt. Damit wollte er den Diplomaten einen Eindruck davon geben, wie es sich unter der Bedrohung lebt.

"Eine Million Israelis, darunter viele Kinder, werden Tag für Tag zu Zielen - von Leuten, die Gebiete übernommen haben, aus denen wir uns zurückgezogen haben. Und die sich jetzt hinter Zivilisten verstecken, während sie auf Zivilisten feuern; auf Kinder", sagte Netanjahu. "Ich wüsste nicht, dass irgendeine Ihrer Regierungen so etwas hinnehmen würde. Ich wüsste keinen Bürger Ihrer Städte, der das hinnehmen würde ... Ich denke, die ganze Welt versteht, dass dies inakzeptabel ist." Eindringlich sagte der Premier zu den in Aschkelon versammelten Diplomaten: "Wenn jetzt eine Sirene heult, dann haben wir alle genau 30 Sekunden Zeit, einen Bunker aufzusuchen." Israel habe das Recht, sich zu verteidigen - "und genau das werden wir tun".

"Die Lage ist sehr komplex", sagte der Minister für Öffentliche Sicherheit, Yitzhak Aharanovitsch, dem Londoner "Independent". "Meine persönliche Meinung ist, dass wir in der härtesten Weise reagieren und den Kopf von Hamas zerschlagen sollten." Eine Entscheidung der Regierung werde in Kürze fallen. Wie das Londoner Blatt schrieb, sei das Kabinett über die Vorgehensweise gespalten - einige der Minister befürworteten einen Einmarsch in den Gazastreifen, andere die gezielte Tötung von Hamas-Führern. Die Hamas berief derweil eilig eine Krisensitzung von Vertretern militanter Palästinensergruppen ein.

Die Situation in Südisrael ist seit Jahren äußerst angespannt. Neben der Großstadt Aschkelon nördlich des Gazastreifens mit ihren fast 120 000 Einwohnern sind vor allem immer wieder die Stadt Sderot mit knapp 20 000 Menschen sowie die umliegenden Siedlungen und Kibbuzim betroffen. In den vergangenen Jahren sind häufig Wohnhäuser und Schulen von Raketen getroffen worden; es gab zahlreiche Todesopfer. Israel hat ein Warnsystem eingerichtet, zumeist mit der deutschen Hochleistungssirene Hörmann F-71. Hunderte Bushaltestellen sind zu Bunkern ausgebaut, ebenso alle Schulen in Sderot, die mit raketensicheren Schutzdächern überspannt wurden. Dennoch durchschlug Anfang 2009 eine Rakete des russischen Typs "Grad" (Hagel) die Befestigung einer Schule in Aschkelon. Ein Klassenraum wurde verwüstet, zwei Menschen verletzt. Auch Kindertagesstätten wurden aufwendig mit Schutzeinrichtungen gesichert - die Betontunnel sind bemalt, damit sie lustigen Raupen ähneln.

Israels Regierung versucht, die Bedrohung mithilfe von hochmodernen Radareinrichtungen sowie Raketenabfangsystemen zu vermindern, die poetische Namen wie "Eiserne Kuppel" oder "Davids Schleuder" tragen. Sie fangen einen Teil der anfliegenden Raketen ab.

Israel hat eine Nationale Notfallbehörde mit dem Namen "Rachel" und sogar eine spezielle Behörde namens "Melah" für die Organisation bestimmter Wirtschaftsabläufe im Notfall.

"Es ist sehr schlimm hier. Die Leute können kein normales Leben mehr führen", sagte Daniel Dorot, der in Aschkelon ein Übersetzungsbüro betreibt, gestern telefonisch dem Abendblatt. In der Stadt und den umliegenden Siedlungen müsse man bei einer Raketenwarnung manchmal schon innerhalb von zehn Sekunden im Bunker sein. "Ich habe den Vorteil, dass ich von zu Hause aus arbeiten kann", sagt Dorot. "Denn ich habe einen Schutzraum im Haus. Alle neu gebauten Wohnungen und Häuser müssen einen solchen Bunkerraum haben, der selbst einen direkten Treffer überstehen kann."

Die ständige Lebensgefahr mache die Menschen nervös, viele Leute, vor allem Kinder, seien traumatisiert. "Wenn eine Rakete ganz in der Nähe explodiert, erleiden sie einen Schock." Die Kinder von Daniel Dorot sind schon erwachsen, aus dem Haus und haben inzwischen selber Kinder. "Nach Raketenüberfällen stürzen alle ans Telefon und rufen die Familienmitglieder an. Dann wird gefragt: ,Geht es dir gut? Ist dir etwas passiert?' So kann man doch nicht leben! Wir leben hier von einem Raketeneinschlag zum nächsten, stehen unter ständiger Anspannung und schlafen schlecht. Und es sind nicht die Soldaten, die unter diesen Bedingungen leben müssen - sondern die ganz normale Zivilbevölkerung. Es ist ein Gefühl wie im Krieg."

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