Der Druck auf Jemens Präsident Saleh wächst, aber dieser geht in die Abwehrhaltung und prophezeit den Protestlern einen Bürgerkrieg.

Sanaa. Der zunehmend unter Druck stehende jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh hat vor einem drohenden Zerfall des Landes im Falle seines Rücktritts gewarnt. „Der Jemen ist eine tickende Bombe“, sagte Saleh am Sonnabend in einem Interview mit dem Fernsehsender Al Arabija. „Und wenn das politische System zusammenbricht und es keinen konstruktiven Dialog gibt, wird es einen langen Bürgerkrieg geben, der schwierig zu beenden sein wird.“

Im Jemen kommt es seit sechs Wochen zu teils gewaltsamen Massenprotesten gegen den seit 32 Jahren regierenden Präsidenten. Vor einer Woche hatten Sicherheitskräfte in Sanaa mehr als 40 Demonstranten erschossen. Saleh hat zwar angekündigt, er sei zum Rücktritt bereit, aber zugleich erklärt, er wolle das Land nur in „sichere Hände“ übergeben.

Voraussetzung für die Abgabe seines Amtes sei, dass eine dritte Partei im Konflikt zwischen ihm und seinen Gegnern vermittele, sagte er am Sonnabend dem Nachrichtensender Al-Arabija. Diese Aufgabe könne das Nachbarland Saudi-Arabien übernehmen, alle arabischen Golfstaaten zusammen oder die Europäer, fügte er hinzu. Das Herrscherhaus von Saudi-Arabien ist besorgt über die Lage im Jemen und hat Präsident Saleh seit der Eskalation der Proteste vergangene Woche die kalte Schulter gezeigt.

Verhandlungen über einen möglichen Rücktritt Salehs am Sonnabend sind gescheitert. Salehs Stellvertreter und sein politischer Berater seien mit Vertretern der Opposition und dem US-Botschafter zu Gesprächen zusammengetroffen, sagte Salehs Sprecher Ahmed al Sufi. Die Regierungspartei sei zu Verhandlungen über eine Übergangsphase bereit gewesen, die Opposition habe jedoch auf Salehs sofortigem Rücktritt bestanden. Diese Forderung sei inakzeptabel.

Saleh, der in Sanaa seit 1978 an der Macht ist, erklärte im Interview, er wolle einen „respektvollen Machtwechsel“. Der Präsident warnte gleichzeitig vor einem Zerfall des Landes, das zu einem zweiten Somalia werden könne. Experten, die von dem Sender anschließend zu dem Interview befragt wurden, erklärten, die Aussagen Salehs über die Lage im Jemen kämen einer Bankrotterklärung gleich. „Wer hat das Land denn in diese Situation gebracht, wenn nicht der Mann, der es seit mehr als drei Jahrzehnten regiert?“, fragte einer von ihnen.

Al-Kaida-Kämpfer besetzen Stadt im Süden

Mutmaßliche Al-Kaida-Kämpfer haben laut Augenzeugenberichten eine Kleinstadt im Süden des Jemens besetzt. Die Extremisten hätten in der Ortschaft Dschaar am Sonnabend Kontrollpunkte errichtet und mehrere leerstehende Regierungsgebäude besetzt, sagte ein Bewohner. Die Polizei habe sich aus Dschaar zurückgezogen.

Die Stadt liegt zwischen einer Bergregion, in der die Al-Kaida aktiv ist, und der 35 Kilometer südwestlich gelegenen, strategisch wichtigen Hafenstadt Aden. Die Übernahme des Ortes deutet darauf hin, dass das Terrornetzwerk verstärkt versucht, aus den politischen Unruhen im Jemen Kapital zu schlagen.

(dapd/abendblatt.de)