Gesundheit

Deutschlands größte Krankenkasse stellt Vorsorge in Frage

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Techniker-Vorstandschef Dr. Jens Baas spricht von oft unnötigen Operationen. Aufforderung an die Politik, die private Krankenversicherung abzuschaffen.

Hamburg. Der Vorstandschef von Deutschlands größter Krankenkasse hat starke Zweifel am Nutzen von Vorsorgeuntersuchungen. Im Abendblatt-Interview sagte Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse (TK): "Man hat den Leuten jahrelang ein schlechtes Gewissen eingeredet. Eine schlechte Ehefrau, wenn sie ihren Mann nicht zur Prostatavorsorge schickt. Richtig wäre es, zu sagen: Früherkennung kann viel Nutzen stiften, sie kann aber auch zum Beispiel durch Strahlung Krankheiten auslösen. Sie kann zu unnötigen Behandlungen, zu Operationen führen, diese wiederum zu Komplikationen."

Für Vorsorge werden jedes Jahr Hunderte Millionen Euro ausgegeben. Baas sagte, die Krankenkassen müssten die Versicherten "in die Lage versetzen, die Vor- und Nachteile zu erkennen, um anschließend selbst entscheiden zu können".

Die Gesundheitsförderung sieht der Kassenchef ebenfalls kritisch. "Auch Politiker sagen: Prävention rettet das Gesundheitswesen. Dabei gibt es kaum Studien, die belegen, dass Prävention Geld spart." Es sei natürlich gut, wenn jemand erst gar nicht krank werde, wenn man Leid verhindern könne. "Aber nicht in der Illusion, damit Kosten zu sparen, schon gar nicht kurzfristig."

Der Kassenchef, der selbst jahrelang als Chirurg in einem Krankenhaus gearbeitet hat, hat außerdem konkrete Ideen, die private Krankenversicherung abzuschaffen und Ärzte wie Kliniken nach ihrer Qualität zu bezahlen. Viele Privatversicherte steuerten auf Altersarmut zu, weil ihre Prämien immer höher stiegen und sie nicht in die gesetzlichen Krankenkassen wechseln dürften.

Private Krankenversicherung sorgt für Altersarmut

"Die Politik wird eingreifen müssen", sagte Baas. "Es ist ja auch für die Versicherungsunternehmen nicht schön, wenn öffentlich diskutiert wird, dass Tausende Kunden von Unternehmen XY ihre Prämien nicht mehr zahlen können." Baas forderte die Große Koalition in Berlin zum Handeln auf. "Vielleicht hält das System noch 20 Jahre. Aber wir müssen jetzt eingreifen, sonst geht das zulasten der gesetzlich Versicherten."

Derzeit können Privatversicherte nur in die Gesetzliche, wenn ihr Gehalt dauerhaft unter ein bestimmtes Niveau sinkt. Ab 55 Jahren ist ein Wechsel grundsätzlich ausgeschlossen. Ein Problem sind die Rückstellungen, die die Privaten für ihre Versicherten zurückgelegt haben. Verfassungsrechtler machen darauf aufmerksam, dass man Unternehmen und Kunden nicht enteignen könne.

So bewerkstelligt man den Wechsel

Baas schlägt vor, dass die Privatversicherer von einem bestimmten Zeitpunkt keine Kunden mehr aufnehmen dürften. "Wer in die Gesetzliche zurückwill, muss das jederzeit tun dürfen. Die PKV könnte ihre Bestände noch 20 bis 30 Jahre halten, sie wären auch profitabel, denn man kann die Prämien ja risikogerecht kalkulieren." Die Altersrückstellungen der Wechsler sollten dann in einen Fonds fließen, aus dem eine Art Rente an die gesetzliche Krankenversicherung gezahlt würde.

Baas: "Dann hätte man das verfassungsrechtliche Problem der Enteignung gelöst. Und was die Beamten betrifft: Beihilfetarife können wir auch anbieten." Das Honorar von Ärzten und Kliniken, so Baas, müsse sich künftig an der Qualität messen. Dazu sollen medizinische Fachgesellschaften Kriterien aufstellen. "Erstens müssen wir uns fragen, was überhaupt Qualität ist, zweitens, wie man sie misst, erst drittens, wie man sie bezahlt. Es fängt schon bei der Indikationsstellung an: Muss der Herzkatheter überhaupt geschoben werden?"

Bei einem einheitlichen Honorarsystem für Ärzte könne man das Geld ganz anders verteilen. Baas: "Der Arzt am Starnberger See mit vielen Privatpatienten würde weniger verdienen. Der Kinderarzt im Hamburger Problembezirk deutlich mehr."