Deichtorhallen Anselm Reyle: Mutwillig über Geschmacksgrenzen

Annette Stiekele
Art and Dinner

Foto: Juergen Joost

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Die Deichtorhallen würdigen den Künstler und HFBK-Professor Anselm Reyle bis Ende Januar mit der Einzelausstellung "Mystic Silver".

Hamburg. In langen Bahnen senkt sich der glänzende Vorhang von der Industriearchitektur herab. Ein gigantischer silberner Raumteiler. Er trennt und verbindet eine Tag- und Nachtseite, Offenheit und coolen Irrgarten, "Black Earth"-Bilder und "Streifenbilder" und verdoppelt das Material in funkelnden Reflexionen. Anselm Reyles Kunst speist sich aus Kontrasten. Seine Skulpturen, Installationen und Reliefs geben ein prachtvolles farbiges, elegantes, glitzerndes Schauspiel ab, doch das Laute, Knallige, Punkige ist mehr als bloße Oberfläche.

Deichtorhallen-Leiter Dirk Luckow nennt es ein "barockes Welttheater". Die Halle für moderne Kunst wird ab heute zur Bühne für dieses Spektakel. Mit 80 Arbeiten in der umfassenden Einzelausstellung "Mystic Silver" würdigen die Deichtorhallen den in Berlin lebenden und an der Hochschule für bildende Künste Hamburg lehrenden Künstler.

Die Schau will Zusammenhänge zeigen, nicht als konventionelle Retrospektive, sondern als Zusammenschau einer Entwicklung der vergangenen fünf Jahre. Hochglanz und Luxus, Trash und Funkstücke, für Anselm Reyle kein Widerspruch. Mit seiner schreiend knalligen Kunst aus Leuchtfarben, Spiegelfolien und Neonröhren, die durchaus mutwillig Geschmacksgrenzen überschreitet, hat er sich den Ruf als Metal-Star der Kunstszene eingehandelt. In Berlin unterhält er ein Riesenatelier mit 25 Assistenten. Sammler blättern sechsstellige Rekordpreise für seine Arbeiten hin.

Man kann in den Werken des Anselm Reyle die Abstraktion und den zwingenden Formalismus bewundern, die gesteigerte Sinnhaftigkeit und das Spielerische genießen. Man wird kein Narrativ darin entdecken, wie etwa bei einem Jeff Koons. Auch keine wirklichen Rückschlüsse auf ihren Schöpfer. Die vermeidet Reyle, wo es geht. Der 1970 in Tübingen geborene und in Stuttgart und Karlsruhe studierte Künstler braucht zu seinem Glück weder exzentrische Insignien noch Provokationen, auch fällt ihm Freundlichkeit nicht schwer. Für ihn gilt: Kunst muss allgemein verständlich sein. Jeder, den es dazu treibt, kann nach Referenzen suchen. Aber das elitär Hermetische der Abstraktion will er für seine Arbeiten von vornherein aufgehoben wissen.

Die Tagseite der Ausstellung prägen die mehrfarbig neon- und silbern glänzenden Streifenbilder, die ihn berühmt gemacht haben. Hinzu kommen die verführerisch glitzernden Folienbilder in lila- und pinkfarbenen Acrylglaskästen, eine Hommage an Otto Freundlich, afrikanisch-europäisch inspirierte abstrakte Großskulpturen sowie die halb fertigen und an Warhol erinnernden "Malen nach Zahlen"-Bilder. "Ich schätze diese vorgefertigte Kreativität. Das ist was für Leute wie mich, denen nix einfällt", scherzt er. Reyle liebt ausgetretene Pfade, seien es jene des abstrakten Kubismus oder der Gestik, die er in den Kontext des eigenen Farb- und Materialkanons stellt. Das aufs Gesicht fokussierende Bildnis eines Yorkshire-Terriers wird so etwa zu einem pseudogestischen Bild. In der Nachtseite jenseits des Spiegels strahlen Leuchtstoffröhren in einer Installation. Ein Relief, das einer DDR-Gebäudeverkleidung abgeschaut ist, erhellen rückwärtige LED-Lichter. Zu Collagen gefügte "Schüttbilder" zeigen freie oder auch gelenkte Farbverläufe. In den "Black Earth"-Bildern erheben sich Texturpasten und Lacke aus der Leinwand.

Reyles Aneignung der Moderne in der Suche nach einem aktuellen Kontext macht ihn zu einem Erneuerer der abstrakten Kunst. Das Material ist seine Sprache, aber niemals der Inhalt. Grundsätzlich thematisiert er eine Fragwürdigkeit des Effekts, des Dekorativen. Dabei sind die Bezüge mitunter erstaunlich. Der Faltenwurf, den Reyle so zwingend und mühsam auf seine zentrale Geste, die Silberfolie, überträgt und in Schaukästen anordnet, stand in der Gotik gleich für einen ganz neuen Weltentwurf.

Häufig zeigt sich eine gewisse Unverfrorenheit im Umgang mit dem Material. So hat er die Skulptur "Eternity" erst von einem Industriedesigner gießen, dann als Referenz an die traditionelle Skulptur in Bronze übertragen lassen. Diese hat er anschließend ziemlich gewagt verspiegelt und türkis eingefärbt. "Dieses Infragestellen ist Teil all meiner Arbeiten", sagt er. Das bezieht sich auch auf vermeintlich über sich hinausweisende Titel wie "Ontology". "Der ist mir eher so passiert", sagt er und räumt ein, auch mal bei Wikipedia zu schauen.

Bilder, die misslingen, zerschneidet er und legt sie in Reste- und Schrottecken ab, "Die haben eine eigene Schönheit und Energie", so Reyle. Er habe gar nicht definiert, ob das Kunst sei oder nicht, bis der befreundete Künstler Takashi Murakami ihn bat, für eine Schau in Taipeh genau solche Stapel mit ausrangierten Materialien zu zeigen. Ein wenig Neonlicht dazu, fertig ist das beseelte Kunstwerk. Ein alter Arte-Povera-Trick, wie die auf einem Eimer platzierte Neonröhre.

Eine gigantische, disparate Reste-Ecke und Materialsammlung mit Metallabfällen und Leinwandresten ziert nun auch die Eingangshalle der Deichtorhallen. Daneben ein ausrangiertes Kassenhäuschen, das Reyle im Spreewaldpark im Osten Berlins entdeckte. Anselm Reyle ironisiert Klischees nicht, er revitalisiert sie. Insofern ist er ein wahrer Utopist.

"Anselm Reyle - Mystic Silver" 9.11. 2012 bis 27.1.2013, Halle für aktuelle Kunst/Deichtorhallen, Deichtorstraße 1-2, Di-So 11.00-18.00, jeden ersten Do im Monat 11.00-21.00; www.deichtorhallen.de