15.01.13

Kammerspiele

Rot, rot, rot sind alle meine Farben

Das Stück über den Maler Mark Rothko an den Hamburger Kammerspielen ist Theater mit Mehrwert: Man lernt viel über Kunst.

Von Maike Schiller
Foto: Bo Lahola
ROT von John Logan an den Hamburger Kammerspielen,  v.li. Markus Boysen, Jacob Matschenz, Regie Michael Bogdanov
Rothko auf der Bühne: Szene aus dem Theaterstück "Rot", das jetzt in der Regie von Michael Bogdanov an den Hamburger Kammerspielen Premiere hatte

Hamburg. Was dem einen sein Rot, ist dem anderen sein Schwarz. Denn schnöde um Farben geht es doch sowieso nicht in der Malerei. Es geht um mehr. Viel mehr. Um ein Schaffen. Um Tiefe. Das Sein. Das Leben. Um ein Dahinter, Darunter, Darin. Zu philosophisch? Total aktuell, jedenfalls: Georg Baselitz zum Beispiel, zweifelsohne einer der wichtigsten zeitgenössischen deutschen Maler, hat soeben angekündigt, er wolle gern einmal ein "unsichtbares" Werk schaffen. Also, nicht einfach nicht malen, wie das ein pragmatischer Spötter jetzt süffisant anmerken könnte. Sondern erst schaffen - und dann mit schwarzer Farbe übermalen. Un-sichtbar, aber dennoch existent. Weil das Werk darunter Teil des Übermalten wird. Weil - und an dieser Stelle wird es entscheidend - ein Bild immer auch im Kopf des Betrachters entsteht.

Fast ist man versucht, den Multi-Intendanten Axel Schneider zu verdächtigen, er habe Baselitz zu der Idee angestiftet. Oder ihn jedenfalls ermuntert, ausgerechnet jetzt an die Öffentlichkeit damit zu gehen. Denn an den Hamburger Kammerspielen hatte nun "Rot" Premiere und genau darum geht es in John Logans Zwei-Personen-Stück: um die Frage, was eigentlich Kunst ist (und darf und soll und will) und vor allem: was Kunst ohne ihren Betrachter wäre. Warum eigentlich Kunst und wenn ja, wofür.

"Rot" ist gewissermaßen die nachgereichte Inszenierung zur großen Mark-Rothko-Retrospektive in der Kunsthalle vor ein paar Jahren. Und sie animiert unbedingt dazu, sich auch nach dem Theaterbesuch weiter mit Rothkos Werken zu beschäftigen. Oder, je nach Vorbildung: ganz grundsätzlich mit Malerei. Rembrandt, Van Gogh, Matisse, Pollock, wer mit diesen Namen bisher wenig anfangen konnte, dem haut Markus Boysen in der Rolle des Rothko einen nach dem anderen um die Ohren. Und trotzdem braucht niemand ein Kunstlexikon, um den Abend zu genießen. Sicher, als Zuschauer erfährt man viel über den bedeutendsten Protagonisten des Abstrakten Expressionismus und seine farbdurchglühten Werke. Man sieht Markus Boysen (den die Maske verblüffend rothkoesk hinbekommen hat) als einen egozentrischen, granteligen, leidenschaftlichen Maler, dem es weniger um Form oder Farbe als vielmehr um existenzielle menschliche Emotionen geht, die durch das Betrachten seiner Kunst ausgelöst werden sollen. Vor allem aber sieht man in Michael Bogdanovs realistisch gehaltener Inszenierung die Auseinandersetzung des arrivierten Künstlers mit einem Jungspund, gewissermaßen also mit einer jungfräulichen Leinwand. Nachwuchsmaler Ken kommt als Assistent zu Rothko, bespannt ihm die Rahmen, holt Nudeln vom Chinesen und hört den chinanudelspuckenden Tiraden des Alten zu, der gerade an einem sensationellen Auftrag arbeitet (den Rothko tatsächlich hatte): Er soll ein Luxusrestaurant mit Wandgemälden ausstatten. Dekoration, komfortabel bezahlt.

Aber: Darf man das? Oder verrät Rothko seine eigenen Ideale? Nach einer Anfangsaufwärmphase schaut man den beiden Schauspielern wirklich gern zu, wie sie sich kabbeln, sezieren, wie sich Machtverhältnisse verschieben und Charakterzüge offenbaren. Rothkos Assistenten gibt Jacob Matschenz als Gegenpart des bebenden Boysen (der als selbstsüchtiger Kotzbrocken toll ist, allerdings bisweilen ein bisschen arg deklamiert) erfrischend und unbekümmert. Der Film- und Fernsehakteur hatte die Rolle von Robert Stadlober kurzfristig übernommen und meistert sein Bühnendebüt hervorragend. Die Figuren sind übrigens anregend in der Besetzung gespiegelt, hier der alte Hase, dort der kecke Junge, der sich wie schon lange keiner mehr über den kräftigen Schlussapplaus freut.

Spontanbeifall bekommen beide auch während der Vorstellung immer wieder, ganz stark ist jene Szene, in der Rothko herrlich süffig und arrogant die dumme, hippe Oberflächlichkeit des plappernden Szenevolks beschreibt. Überhaupt enthält der Text sehr schöne, zuhörenswerte Sätze. "Stille, junger Mann. Stille ist so präzise", heißt es an einer Stelle. Oder: "Eines Tages wird das Schwarz das Rot verschlingen."

Eines Tages? Herr Baselitz hat die schwarze Farbe schon angerührt.

"Rot" Kammerspiele, bis 10. Februar, Karten an allen Abendblatt-Ticketshops: T. 30 30 98 98

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