11.01.13

Neue Ausstellung

Aus großer Kunst wird schöner Kitsch

Das Museum für Kunst und Gewerbe zeigt in einer farbenfrohen Ausstellung den Siegeszug der bunten Bilder im 19. Jahrhundert

Foto: MKG
Ein herziges Kind bei sinnvoller Beschäftigung: Der Maler dieser Seifenwerbung von 1887 war Mitglied der Royal Academy
Ein herziges Kind bei sinnvoller Beschäftigung: Der Maler dieser Seifenwerbung von 1887 war Mitglied der Royal Academy

Hamburg. Fröhlich marschieren rosige Schweine über ein Brett in eine monströse, dampfbetriebene Schlacht- und Verarbeitungsmaschine, die auf der anderen Seite die fertigen Würste ausspuckt. Dieses farbige Plakat, das um 1890 für die Würste der Braunschweiger Firma Denecke & Himmel warb, ist fast zu naiv, um zynisch zu wirken. Heute empfinden wir das Motiv schlicht als Kitsch, denn die bildliche Darstellung ist ganz und gar unangemessen für die Aussage, die sie visualisieren soll.

Liebliche Kinder, süßliche Märchenfeen oder mondäne Damen sind typisch für die Farbendrucke, die um 1840 aufkamen, enorme Verbreitung erfuhren, seit Beginn des 20. Jahrhunderts aber ästhetisch komplett durchs Raster fielen. Nun schätzte man sie so gering, dass sie bis heute kaum kunsthistorisch erforscht worden sind. Justus Brinckmann, der Gründungsdirektor des Museums für Kunst und Gewerbe, fand dieses Medium jedoch so interessant, dass er Tausende dieser Farbendrucke sammelte, darunter viele Beispiele, die weltweit sonst kaum erhalten geblieben sind. Jetzt widmet das Museum diesem bislang kaum beachteten Medium erstmals eine Ausstellung, der Kurator Jürgen Döring den Titel "Als Kitsch noch Kunst war" gegeben hat.

"Das können Sie wörtlich nehmen, denn in ihrer Entstehungszeit betrachtete man diese Darstellungen selbstverständlich als Kunst. Vielfach wurden die Bilder von akademisch ausgebildeten Künstlern geschaffen", sagt Döring. Und die hatten gut zu tun, denn die technische Entwicklung ermöglichte ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Verbreitung der bunten Bilder, die man sich bis dahin gar nicht hatte vorstellen können. Grundlage dafür war die "Chromolithografie", die sich der deutsch-französische Lithograf Godefroy Engelmann aus dem elsässischen Mühlhausen 1837 von der Académie française patentieren ließ.

"Bis dahin lebten die Menschen in einer weitgehend bilderlosen Gesellschaft. Bilder begegneten ihnen im Alltag nur selten, zum Beispiel in den Kirchen auf Altären und Glasfenstern", sagt Jürgen Döring, der die Entwicklung, die sich zwischen 1840 und 1890 im Verlags- und Druckwesen vollzog, mit der digitalen Revolution von heute vergleicht.

Auf einmal tauchten überall massenhaft farbige Bilder auf. Es gab Werbeplakate und Weinetiketten, farbige illustrierte Kinderbücher, aber vor allem Blätter, auf denen kuriose Szenen mit Katzen und Hunden zu sehen waren oder auch Porträts von Fürsten und Feldherren, Ansichten neuer Gebäude oder Szenen aus der Geschichte. Beliebt waren auch Märchendarstellungen oder religiöse Motive. Die "Chromo-Zivilisation", wie Kulturkritiker das Phänomen nannten, führte zur massenhaften Verbreitung von Bildern, die damit zwangsläufig dem Massengeschmack Rechnung trugen.

Godefroy Engelmann hatte davon geträumt, mit seinen farbigen Lithografien den Gemälden Konkurrenz zu machen. Das mag Mitte des 19. Jahrhunderts vermessen geklungen haben, aber die Geschichte gab ihm recht. Bald war die Drucktechnik so ausgereift, dass sich fast jede Familie in Frankreich oder Deutschland ein buntes Bild leisten konnte, das sie oft sogar wie ein Gemälde rahmen ließ, um es übers Sofa zu hängen. Wie populär diese Wandbilddrucke waren, zeigt die Äußerung eines amerikanischen Lithografen, der 1893 sagte: "Alle kamen, um ihr Heim zu verschönern. Die deprimierende Monotonie der leeren Wände hat hellen Farben Platz gemacht. Es gibt keinen Ort mehr, ob arm oder reich, wo man keine Bilder sieht."

Kaufen konnte man diese Blätter zunächst direkt in den Druckereien, die auch bald in Zeitungen und Zeitschriften inserierten und ihre Produkte im Versandhandel unters Volk brachten. Seit etwa 1870 spielten auch illustrierte Zeitschriften eine immer größere Rolle, und illustrierte Kinderbücher wurden sogar international vertrieben. In großen Metropolen etablierten sich aber auch Läden, die "Chromolithografien" im Angebot hatten und frühe Vorläufer unserer heutigen Postershops waren. Eine große Rolle spielten auch die Sammelbilder, die in den 1870er-Jahren in Paris aufkamen. Zunächst überreichten große Kaufhäuser ihren treuen Kunden die Bildchen, die bald darauf auch Lebensmittelverpackungen beigelegt wurden - weit bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Etwa ab 1890 machten sich zunächst in Frankreich junge Künstler der Avantgarde wie Henri de Toulouse-Lautrec daran, eine moderne farbige Künstlergrafik zu entwickeln. Seit dieser Zeit gerieten die "Chromolithografien" des 19. Jahrhunderts mit ihrer naiven Erzählfreude geschmacklich immer mehr ins Abseits, bis sie allgemein als Kitsch betrachtet wurden.

"Als Kitsch noch Kunst war. Farbendruck im 19. Jahrhundert". Museum für Kunst und Gewerbe. Bis 17. März, Di-So 11.00-18.00, Do bis 21 Uhr

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