07.08.09

Hier bei mir, Folge 7: Lämmertwiete

"Schlemmertwiete": Die Welt zu Gast in Harburg

In einer der kürzesten Straßen der Stadt findet sich das schönste historische Flair, das Hamburgs Süden zu bieten hat.

Von Kathrin Fichtel
Foto: Patrick Piel
Patrick Piel
Hier bei mir, Folge 7: Lämmertwiete

Hamburg. Für Tomoko Inagaki ist ihre neue Heimat wie eine Zeitreise in die Geschichte. Die urigen, windschiefen Fachwerkhäuser, das Kopfsteinpflaster, die barocke Haustür aus dem Jahr 1683 schräg gegenüber von ihrem Atelier. Seit drei Monaten lebt die Japanerin an der Lämmertwiete, den Kulturschock hat sie noch nicht überwunden. "Ich fühle mich wie in einer Art historischem Disneyland", sagt sie. "Alles ist so anders als zu Hause, irgendwie unwirklich."

Um diesen Eindruck zu gewinnen, muss man nicht in Japan geboren sein. Auch viele Hamburger, die den Weg über die Elbe in den südlichen Teil der Stadt wagen, können kaum glauben, welch architektonisches Kleinod sich Harburg bewahrt hat. In der Lämmertwiete, einer Fußgängerzone mit nur 91 Metern Länge, stehen sechs Häuser unter Denkmalschutz. Die meisten stammen aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, sind teilrestauriert oder im alten Stil runderneuert, haben verwinkelte, schiefe Räume, Galerien oder kleine Innenhöfe. "Die Lämmertwiete ist ein echter Glücksfall", sagt Sibylle Küttner vom archäologischen Helms-Museum. Das sehen viele Harburger genauso - auch wenn sie nicht die Denkmalpflege meinen. Mit ihrem Flair hat sich die Straße zahlreiche weitere Spitznamen erarbeitet: "Schlemmertwiete", Party-Promenade, historische Insel oder, wie es beim Bezirksamt stolz heißt, "unsere schmucke Ecke".

Eine Künstlerin wie Tomoko Inagaki weiß eine solche Umgebung zu schätzen. Sie beschäftigt sich in ihren Videoinstallationen mit dem Verhältnis von Fantasie und Realität. Da ist sie in der Lämmertwiete an der richtigen Adresse. "Diese Straße bietet so viele Möglichkeiten", schwärmt sie. Allein das Mayrsche Haus, in dem sie als Stipendiatin des Vereins "Künstler zu Gast in Harburg" für ein Jahr lebt, bietet unzählige Inspirationen: Rund 350 Jahre stand das denkmalgeschützte Fachwerkgebäude an anderer Stelle in der Harburger Innenstadt. 1968 wurde es abgebaut und mit neuen Materialien 1993 an der Lämmertwiete wieder aufgebaut. Direkt unter dem charakteristischen Spitzgiebel liegt das Atelier von Tomoko Inagaki, ein luftiger Raum mit Holzbalken unter der Decke und Farbklecksen auf dem Linoleumboden. Ihre Videokamera liegt neben Pinseln, durch das offene Fenster tönt das Rattern der Bahn. Inagaki zeigt auf das Café im Haus gegenüber: "Da esse ich gern ein Eis", sagt sie. "Am liebsten Erdbeere und Kokos."

Das Café Eistraum hat Sven Oliver Scharf sich vor acht Jahren "selbst zu Weihnachten geschenkt", wie er sagt. Erdbeere und Kokos sind Standard bei dem jungen Gastronomen, insgesamt hat er 80 Sorten zur Auswahl. "Meine Spezialitäten wie Zitrone-Stracciatella oder Mango-Nougat kamen durch Arbeitsunfälle in der Küche zustande", erzählt er. Seine private Küche liegt nur zwei Stockwerke höher, wo er eine Wohnung gemietet hat. Eigentlich lautet Scharfs Postadresse "Neue Straße" - auf die Flyer des Cafés lässt er aber immer auch "Lämmertwiete" drucken. "Die kennt man bis nach Stade", sagt er. Und die Besucher kommen nicht nur zum Eisessen: Zwei Italiener, ein Portugiese, zwei Brasilianer, ein Mexikaner, ein Irish Pub und einige deutsche Kneipen machen die Lämmertwiete fast noch multikultureller als den Bezirk Harburg, in dem nach Schätzungen jeder Dritte einen Migrationshintergrund hat. Die Gastwirte sind Nachbarn, Konkurrenten - und Freunde. "Wir helfen einander oft aus", erzählt Scharf. "Mit Strohhalmen, Kleingeld oder Mehl - was auch immer ausgegangen ist."

Auch Kindheitserinnerungen werden gelegentlich ausgetauscht. Denn wo Scharf heute seinen Gästen bei Regenwetter auf Plüschsofas Eis serviert, hat Joachim Dölling (63) als kleiner Junge Kopfkissen aufgeschüttelt. Kurz nach dem Krieg war in den heutigen Räumen des Cafés Eistraum die Pension seines Vaters. "Unser 'Goldenes Lamm' warb damals mit fließend kalt und warm Wasser in den Fremdenzimmern", sagt Dölling schmunzelnd. Neun Jugendjahre verbrachte er an der Lämmertwiete, "hinter dem Tresen" sei er aufgewachsen. So attraktiv wie heute war die Lage damals bei Weitem nicht: "Hier lagen Schätze tot herum", erinnert sich Franz-Alexander Bernhardt, der in den 70er-Jahren in der Harburger Bezirksversammlung saß. Gemeinsam mit Stadtteilinitiativen und Denkmalschutz kämpfte er für den Erhalt der Straße - mit Erfolg. Heute unterstützt Bernhardt seinen Sohn im Café Eistraum. "Einmal Lämmertwiete, immer Lämmertwiete", heißt es hier zwischen Waffeln und Schirmchen.

Auch Joachim Dölling ist an den Sehnsuchtsort seiner Kindheit zurückgekehrt. Allerdings schräg gegenüber in die frühere Werkstatt eines Silberschmieds, die er in eine Kneipe mit französischem Flair verwandelte. "Für mich schließt sich hier der Kreis", sagt der "Schmiede"-Wirt. Manchmal liegen Fantasie und Realität eben doch nicht so weit auseinander, wie Künstlerin Tomoko Inagaki annimmt. Aber sie wohnt ja auch erst seit drei Monaten an der Lämmertwiete.

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