08.02.13

Eppendorf

Blei im Trinkwasser von Grundschule St. Nikolai

Grenzwerte weit überschritten. Behörde wiegelt ab - liefert aber seit Monaten kostenlos Getränke. Die Eltern sind beunruhigt.

Von Elisabeth Jessen
Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius
Grundschule St.Nikolai
Der Viertklässler Patrick weiß, dass er nur das Wasser aus Flaschen trinken darf. Sein Vater Heino Hauschildt hat die Leitungswasseranalyse veranlasst

Eppendorf. Patrick nippt an einer Mineralwasserflasche. Der Neunjährige weiß - wie auch all seine Mitschüler - dass er seine Trinkflasche nicht am Wasserhahn auffüllen darf. Wenn seine mitgebrachten Getränke nicht reichen, muss er sich an den Wasserflaschen bedienen, die die Schulbehörde liefern lässt. Denn, was in der Grundschule St. Nikolai in Eppendorf aus der Leitung kommt, ist als Trinkwasser nicht geeignet. Die Messwerte für Blei liegen bei 0,14 Milligramm pro Liter (mg/l), der aktuelle Grenzwert liegt bei 0,025mg/l, die Werte sind also fast um das Sechsfache überschritten.

Das hat eine Analyse im August 2012 ergeben, die Heino Hauschildt veranlasst hat.

Den Vorstand des Elternrates hatte das Thema Trinkwasser schon länger beschäftigt. "Die Leitungen sind alt. Wir Eltern hatten schon lange Zweifel an der Qualität des Wassers", sagt Hauschildt. Weil die Behörde nicht reagiert habe, habe er eigene Proben gezogen und bei Hamburg Wasser untersuchen lassen. "Bei einem der drei Schultrakte gab es geringere Grenzwertüberschreitungen, aber bei den beiden anderen waren sie dramatisch."

Der Vater zweier Jungen, die die Grundschule besuchen, informierte daraufhin die Schulleitung, die die Daten an die Schulbehörde und an die Schulbau Hamburg (SBH) weiterleitete. Die SBH ist verantwortlich für die Bewirtschaftung und Sanierung der Hamburger Schulen.

"Wir haben das Analyseergebnis auch per Mail an alle Eltern kommuniziert, ohne Panik zu verbreiten", sagt der Elternratsvorsitzende. Für die ersten Tage hätten dann Mütter und Väter Wasserflaschen für die Klassen und die Kantine organisiert. Inzwischen lasse die Behörde regelmäßig Wasserkisten in großer Zahl liefern. Stilles und Sprudelwasser. Das Obst, das der Förderverein sponsert, wird ebenfalls mit diesem Mineralwasser gewaschen. "Da treffen sich jeden Montag einige Eltern, die dann das Obst waschen." Gewaschenes Obst zu kaufen, sei schwierig, sagt Hauschildt. "Wo sollte das herkommen. Und wem wollte man da vertrauen?"

Hamburg Wasser legt Wert auf die Feststellung, dass "in dem von uns gelieferten Trinkwasser kein Blei oder Kupfer enthalten" ist, so Pressesprecher Ole Braukmann. "Es entspricht höchsten Qualitätsanforderungen und wird laufend in unserem Labor untersucht. Das Wasser kann daher bedenkenlos getrunken werden. Dennoch kann es passieren, dass die Grenzwerte durch Bleileitungen in älteren Hausinstallationen überschritten werden. Absolute Sicherheit gibt daher eine Analyse in unserem Labor" (siehe Beistück).

Das Trinkwasser an Hamburger Schulen wird nach Behördenangaben einmal pro Jahr beprobt. Bei circa fünf Prozent der Hamburger Schulen komme es zu Auffälligkeiten, sagt Björn Domroese, Sprecher der Finanzbehörde. "Dies trifft naturgemäß eher Altbauten aus den Fünfzigern und früheren Baujahren, die aufgrund des Sanierungsstaus noch über alte Rohrnetze verfügen." In diesen Fällen würden Leitungen gespült und bei Bedarf das Leitungssystem erneuert. Konkret betroffene Schulen nannte Domroese nicht. "Die SBH kann nach aktuellem Kenntnisstand davon ausgehen, dass gegenwärtig an keiner der bereits beprobten Schulen belastetes Trink- bzw. Leitungswasser gibt, oder dass diese kurzfristig beseitigt sein werden."

Auch an der Schule St. Nikolai hätten bei der jüngsten Erprobung am 20. November 2012 alle Schwermetallbefunde, darunter Blei, deutlich unter den in der Trinkwasserverordnung vorgeschriebenen Grenzwerten gelegen. "Als Sofortmaßnahme wurden vorbeugend die nicht mehr benötigten Rohre stillgelegt, um stehendes Wasser zu vermeiden. Die Leitungen wurden gespült", sagt Domroese. Das bezweifelt Hauschildt. "Es gab darüber nie eine Information an die Schule. Auch die Wasserflaschenlieferung läuft weiter."

Die Leitungen in der Grundschule St. Nikolai sind bislang nicht erneuert worden, weil die Zukunft des denkmalgeschützten Schulbaus aus den Jahren 1955/56 seit Längerem auf dem Prüfstand steht. Die Gelbklinkergebäude sind nicht mehr zeitgemäß, auch der Platz ist knapp in der Schule, die im Schulentwicklungsplan als dreizügige Grundschule definiert und bei den Eltern im Stadtteil überaus beliebt ist. "Die meisten Kinder müssen in den Klassenräumen essen, und die Sporthalle ist zu klein für die etwa 220 Schüler", sagt Hauschildt.

Wegen des Denkmalschutzes sind ein Abriss und Neubau auf dem 10.734 Quadratmeter großen Gelände allerdings eher unwahrscheinlich. "Wie der Erweiterungsbedarf baulich auf dem Grundstück realisiert wird, ist noch nicht abschließend entschieden", sagt der Sprecher der Finanzbehörde. Fest steht aber inzwischen: "Das veraltete Rohrnetz wird im Zuge der anstehenden Sanierungsmaßnahme komplett ausgetauscht." Schulleiterin Inken Schwanholz ist erleichtert, dass sich etwas tut: "Ich bin sehr froh, dass wir bei der Schulbau Hamburg gute Mitarbeiter haben, die die Sache angehen."

Inzwischen haben auch Investoren ein Auge auf das Filetgrundstück geworfen. Sie würden dort gern Wohnungen bauen. Das Nachbargelände, auf dem das Bezirksamt Nord steht, gehört seit ein paar Jahren dem Projektentwickler ABR German Real Estate AG, der den größtenteils denkmalgeschützten Komplex gern abreißen und das Amt sowie Wohnungen neu bauen möchte. Der Bezirksamtsleiter Harald Rösler zeigt sich offen für diese Pläne.

Ob möglicherweise auch Teile des Schulgeländes verkauft werden, um darauf Wohnungen zu bauen, ist noch nicht entschieden. Derzeit haben die Schüler auf dem Gelände drei Schulhöfe, auf denen sie reichlich Platz zum Spielen in den Pausen haben. Mindestens fünf Quadratmeter pro Schüler müssten an Freifläche übrig bleiben, heißt es von der Finanzbehörde. Erst wenn über die Erweiterung für die Grundschule entschieden sei, könne über Wohnungsbau auf dem Grundstück entschieden werden, so Pressesprecher Domroese.

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