24.12.12

Obdachlose

Der Traum von einem besseren Leben in Hamburg

Sie heißen Ewa, Stefan und Milan, gehören zu den Ärmsten der Stadt: 80 Prozent der Obdachlosen an der Spaldingstraße kommen aus Osteuropa.

Von Jan Haarmeyer
Foto: HA / A.Laible
Ewa und Stefan in ihrem Zimmer in der Notunterkunft Spaldingstraße
Ewa und Stefan in ihrem Zimmer in der Notunterkunft Spaldingstraße. Der Elektriker würde gern wieder arbeiten

Hamburg. Die ersten stehen schon um 15 Uhr vor der Glastür des elfstöckigen Bürogebäudes an der Spaldingstraße. Die meisten sind Männer mittleren Alters, auch ein paar jüngere sind darunter, wenige Frauen. Viele aus Osteuropa. Aus Bulgarien, aus Rumänien. Milan kommt aus Kroatien.

Wer hier reinwill, dem ist nicht mehr viel geblieben. Ein paar Plastiktüten, manche haben einen kleinen Rollkoffer, und die Klamotten, die sie am Körper tragen. Hier versammeln sich die aus dem Rahmen Gefallenen. Sie reden nicht mehr als nötig. Graue Gestalten. Sie treten von einem Bein auf das andere, damit die Kälte nicht zu leichtes Spiel hat. Die Schlange derer, die stumm um Einlass bitten, wächst ständig. Um 17 Uhr öffnen die beiden stämmigen Männer vom Sicherheitsdienst in ihren blauen Uniformen die Tür.

"Winternotprogramm" steht in großen Buchstaben an der Hauswand. Der graue Betonklotz gehört der Stadt. Früher waren hier einmal Büros an einer der lautesten Kreuzungen in Hamburg.

In Hamburg soll im Winter niemand auf der Straße schlafen müssen. Deshalb die kostenlose Übernachtungsmöglichkeit. Vor zwei Jahren hatte die Stadt ihre Obdachlosen im Winter in einem früheren Atomkriegsbunker am Hauptbahnhof untergebracht. Es gab heftige Kritik an den "menschenunwürdigen Zuständen" in dem dunklen Loch unter der Erde. Für 250.000 Euro wurden deshalb vor einem Jahr die Stockwerke eins bis vier des leer stehenden Büroklotzes an der Spaldingstraße zu einer Übernachtungsstätte für bis zu 230 Obdachlose umgebaut.

Im Erdgeschoss sind zwei Aufenthaltsräume - für Raucher und Nichtraucher. Und auf der anderen Seite des Flures drei Büroräume. Über ein zugiges Treppenhaus geht es nach oben in die Etagen. Die Zimmer haben zwei bis sechs Betten. Die erste Etage ist für Frauen und Paare. In jedem Stockwerk gibt es Toiletten und Waschräume. Auch die Fahrstühle funktionieren noch, um täglich Lebensmittel von der Hamburger Tafel in die kleine Küche im ersten Stock zu bringen. Brot, Wurst, Käse, manchmal Tomaten und Salat.

"Für 90.000 Euro haben wir in diesem Jahr die Büroräume umgestaltet und in den Fluren für die alten Teppiche neue PVC-Böden verlegt", sagt Rembert Vaerst, 61, Geschäftsführer von Fördern und Wohnen. Das soziale Dienstleistungsunternehmen der Stadt kümmert sich mit seinen rund 800 Mitarbeitern um die öffentliche Unterbringung von Hilfsbedürftigen. Die letzte Zählung im Jahr 2009 ergab rund 1000 Obdachlose in Hamburg.

Der Ansturm wird größer. Und deshalb wächst auch der Unmut. Anwohner in der unmittelbaren Nachbarschaft beschweren sich über Alkohol- und Drogenmissbrauch, über Müll in den Hauseingängen und Belästigungen auf der Straße. Menschen wie Milan können sie nicht meinen.

Milan sitzt im Aufenthaltsraum. Im Fernseher läuft eine Spielshow. Ein kleiner Mann, vor 59 Jahren in Kotor in Montenegro geboren. Er hat als Seemann auf 22 Schiffen gearbeitet, erzählt er. Zuletzt hat er im Norden Kroatiens, in einer Obdachlosenunterkunft in Varazdin, gelebt. Dort wurde er bedroht. "Es gab immer wieder Probleme mit Betrunkenen und keinen Sicherheitsdienst so wie hier." Als ihm "gefährliche Menschen" androhten, ihm die Hände und die Füße zu brechen, hat er sich auf den Weg nach Deutschland gemacht. Nur weg aus dem ehemaligen Jugoslawien, wo in vielen Köpfen der Krieg weitertobt. Milan würde gerne als Kellner arbeiten. Um wenigstens wieder in die Spur zu finden.

Milan ist seit 17 Monaten in Hamburg. Es ist sein zweiter Winter an der Spaldingstraße 1. Jeden Abend um 17 Uhr rein, morgens um 8.30 Uhr wieder raus. Vom 1. November bis zum 15. April. Als fester Wohnsitz gilt das nicht. Und so hat er auch keine Meldeadresse. Ohne die aber bekommt er keine Arbeitserlaubnis. Also auch kein Geld. Und keine Chance auf die eigenen vier Wände. Die Unterkunft ist für Milan so eine Art Endstation. "Sie hat mein Leben gerettet", sagt er. "Auf der Straße gehen Menschen wie wir kaputt."

Er meint Menschen wie Ewa und Stefan. Auch für sie ist das graue Hochhaus seit fast zwei Jahren die Endstation. Stefan, 40, kommt aus Temeswar, nach Bukarest die zweitgrößte Stadt in Rumänien. Er ist Elektriker, hat freundliche Augen und sagt, er habe ein Diplom, das in der EU gilt. Er hat auf drei Baustellen gearbeitet - in Hannover, Wedel und Hamburg. "Aber ich habe nie Geld bekommen." Er würde gerne ein Gewerbe anmelden, doch der Schein kostet 200 Euro. Die hat er nicht. Betteln wird er nicht. Manchmal findet er tagsüber, wenn er durch die Stadt läuft, ein paar Euro auf der Straße. Wenn in der Spaldingstraße Männer vorbeikommen und Arbeiter suchen, fallen die Rumänen immer hinten runter, sagt er. "Wir kommen noch nach den Bulgaren." Ewa, 38, spricht kein Deutsch. Stefan sagt, sie habe bei einer türkischen Firma gearbeitet. Kisten schleppen. 13 Stunden am Tag, fünf Euro pro Stunde. Das schaffe sie nicht mehr, sie habe ständig Schmerzen im Bein.

Ewa und Stefan sind seit einem Jahr ein Paar. Ihr Zimmer wird fast komplett von zwei Betten ausgefüllt. Daneben zwei Stühle, auf einem steht ein CD-Player. An der Wand hängt ein braun-weißer St.-Pauli-Schal: "You'll never walk alone". Auf der Fensterbank Shampoo und Duschgel, ein etwas ramponierter Weihnachtsstern im Topf, eine weiße Porzellan-Ente, eine Flasche Vitaminsaft, ein kleiner Wecker, ein paar Bücher. Auf dem Boden stapeln sich ein Dutzend Plastiktüten mit ihren Klamotten. Ihr Leben ist auf zwölf Quadratmeter geschrumpft.

Sie haben nicht mehr viel, aber sie haben sich. Und sie haben, genau wie Milan, den Glauben an ein besseres Leben nicht aufgegeben. "Hier ist es super", sagt Stefan. "Das Essen ist gut, hier sind wir sicher, die Menschen im Büro sind supernett." Alles ist super, sagt er, lacht und drückt Ewa ganz fest an sich.

"Unsere Zielgruppe hat sich verändert", sagt Rembert Vaerst. Er sieht die Entwicklung bei den Arbeitsemigranten mit Sorge und fragt sich, "ob wir mit unseren Einrichtungen die Menschen erreichen, die wir erreichen wollen." Rund 80 Prozent der Hilfsbedürftigen an der Spaldingstraße kämen mittlerweile aus Osteuropa. "Die verändern ein Stück weit die Atmosphäre." Laut Statistik stammt jeder Vierte hier aus Rumänien, 22,5 Prozent aus Bulgarien. 31 Prozent sind zwischen 36 und 45 Jahre alt, 27 Prozent zwischen 26 und 35, und 16 Prozent unter 25 Jahre. Etwa zehn Prozent sind Frauen.

Der Begriff der Obdachlosigkeit muss seit der EU-Erweiterung weiter gefasst oder ganz neu definiert werden, die Bedürftigkeit aber ist bei allen Menschen gleich. Egal, woher sie kommen. Und deshalb ist es gut, dass es Hamburger wie Jürgen Hess, 72, und Wilfried Westphal, 63, gibt. Die beiden sitzen im Büro im Erdgeschoss und besprechen das Weihnachtsmenü. Es wird Heiligabend 230-mal Ente mit Rotkohl geben, bestellt wird bei einem Caterer. Jürgen Hess ist Vorsitzender des Fördervereins Winternotprogramm für Obdachlose, der vor fünf Jahren gegründet wurde und heute rund 30 ehrenamtliche Helfer hat. "Das könnten gerne noch mehr werden", sagt er. "Wir kümmern uns um die Verpflegung der Menschen, das ist unsere Kernaufgabe." Sie sammeln auch Geld- und Sachspenden. "Wir füllen Lücken, die von der Stadt nicht geschlossen werden können."

Jeden Abend bereiten die Mitarbeiter des Vereins in der Küche das Abendbrot zu. 300 belegte Scheiben Brot, dazu warmen Tee und Kaffee. "Wissen Sie, ich bin 50 Jahre als Kaufmann dem Geld hinterhergejagt", sagt Jürgen Hess. "Als ich Rentner wurde, hab ich mir gesagt: Mach mal was Vernünftiges." Er kann sich aufregen, wenn er lesen muss, dass an der Spaldingstraße das Elend ausgebrochen ist und täglich die Fetzen fliegen. Im November vergangenen Jahres gab es eine schlimme Prügelei zwischen zwei Obdachlosen, 19 und 52 Jahre alt. Ende Januar dieses Jahres gab es eine Messerattacke: Eine Bewohnerin, 36, stach ihren zehn Jahre älteren Zimmergenossen nieder. Beide Male musste der Notarzt kommen. "Jedes Mal war Alkohol im Spiel", sagt Torsten Müller, 49. Der Leiter der Einrichtung sagt, dass seitdem nichts vergleichbar Schwerwiegendes mehr passiert sei. Sechs Hausverbote seien seit dem Start im November 2011 verhängt worden.

Von 17 bis 21 Uhr kontrolliert ein Sicherheitsdienst am Eingang die Menschen auf Waffen und Alkohol, bevor sie sich an der Rezeption anmelden und die Betten sowie frisches Bettzeug zugewiesen bekommen. "Fast jeder Mitarbeiter des Wachpersonals spricht zwei Sprachen", sagt Torsten Müller. Die Gäste bekämen die einbehaltenen Sachen am nächsten Morgen wieder zurück. "Wir lassen uns die Ausweise zeigen, um die Namen korrekt zu erfassen und den Gästen Sicherheit zu gewähren, ihren Bettplatz auch in den Folgenächten zu erhalten. Die Vorlage eines Ausweises ist aber nicht verpflichtend für die Aufnahme. Und wir erheben statische Daten, denn die Behörde will schon wissen, wer woher kommt."

"Zwischen November und April haben hier rund 1500 Menschen Unterkunft gefunden", sagt Torsten Müller. Sie lassen jeden rein. "Wir gehen davon aus, dass jeder, der vor der Tür steht, bedürftig ist." Selbst wenn die 230 Betten belegt sind, muss keiner draußen bleiben. "Wer dann noch kommt, kann die Nacht in den Aufenthaltsräumen verbringen." 13,21 Euro kostet die Betreuung pro Platz und Tag, das sind rund 500.000 Euro pro Winternotprogramm. In Hamburg soll niemand erfrieren. Andererseits will man keine besseren Bedingungen als in anderen Städten. "Wir wollen keine Sogwirkung", sagte Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) 2011. Es kommt auf den Blickwinkel an, ob das Hochhaus an der Spaldingstraße dazu taugt.

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