Ernährung

Ukraine-Krieg: Wie Spekulanten Getreidepreise hochtreiben

| Lesedauer: 5 Minuten
Björn Hartmann
Eine ukrainische Landwirtin gibt nicht auf

Eine ukrainische Landwirtin gibt nicht auf

Die Landwirtin Nadia Iwanowa aus dem Süden der Ukraine kämpft gegen eine Menge von Problemen an: Ihre Getreide-Silos sind voll, aber Abnehmer gibt es keine. Dazu kommt, dass die Preise für Dünge- und Pflanzenschutzmittel explodiert sind. Wie es für den landwirtschaftlichen Betrieb weiter gehen soll, weiß Iwanowa nicht.

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Getreide wird immer teurer – obwohl es trotz Ukraine-Krieg noch gar nicht knapp ist. Bereichern sich Finanzinvestoren an der Krise?

Berlin. Weizen verteuert sich rasant auf dem Weltmarkt, Mais und Reis ebenfalls. Normalerweise ist das ein Zeichen von Knappheit, doch Experten zufolge sind genug der Grundnahrungsmittel vorhanden – trotz des russischen Angriffs auf die Ukraine. Der Verdacht: Investoren, denen es nur darum geht, Geld zu verdienen, treiben die Preise in die Höhe und nehmen dafür auch drohende Hungersnöte in armen Ländern in Kauf.

Schon im vergangenen Jahr stiegen die Preise für Getreide nach Zahlen der Welternährungsorganisation (Fao) um 17,3 Prozent an. Hier schlugen sich vor allem höhere Preise für Energie und Dünger nieder. Seit Anfang 2022 betrug des Plus 42,2 Prozent. Nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte, ermittelte die Fao im März sogar ein Allzeithoch.

Gleichzeitig erwartet die Welternährungsorganisation, dass 2022 rund 2,784 Milliarden Tonnen Getreide angebaut und 2,788 Milliarden Tonnen verbraucht werden. Eine Nahrungsmittelknappheit herrscht also nicht. Lesen Sie auch:

Der Weltmarkt für Getreide ist undurchsichtig

Allerdings wachsen Weizen, Mais oder Reis nicht immer dort, wo sie verbraucht werden. Zudem bauen wenige Länder große Mengen bestimmter Getreidesorten an. Der Welthandel wird von fünf Firmen dominiert, wie die Menschenrechtsorganisation Fian in einer Studie schreibt. Dazu kommt ein eher undurchsichtiger Markt.

Wer spekuliert, hat eine bestimmte Vorstellung von der Zukunft und richtet sein Handeln danach aus. Eine Autofahrerin, die auf dem Weg zur Arbeit nicht tankt, weil sie glaubt, abends sei der Sprit günstiger, spekuliert genauso wie ein Landwirt, der den Weizen, den er im August ernten will, bereits heute zu einem festen Preis verkauft, zu dem er dann im August liefern muss. Weiterlesen: Bauern befürchten weiter steigende Preise für Lebensmittel

Entsprechende Termingeschäfte werden an großen Handelsplätzen wie der Chicago Mercantile Exchange (CME), der größten Börse dieser Art, abgewickelt. Die Geschäfte haben nicht nur Gewinner: Steigt der Getreidepreis bis August, hätte der Landwirt mehr verdienen können, als er jetzt mit seinem Vertrag bekommt. Fällt der Preis hingegen, kann der Landwirt teurer verkaufen.

Mit Getreide wird seit Jahrtausenden spekuliert

„Auch Lagerung ist eine Art Spekulation und seit Jahrtausenden bekannt: Getreide nach der Ernte einzulagern, um es verkaufen zu können, wenn der Bedarf hoch ist und das Angebot niedrig, etwa zum Ende des Winters. Oder für schlechtere Zeiten“, sagt Lukas Kornher, Experte vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) an der Uni Bonn.

Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Geschehen auf den sogenannten Commodities-Märkten. Spekulation sei für den Getreidemarkt wichtig. Die Produzenten können sich absichern und bereits jetzt einen Preis für einen Liefertermin in der Zukunft aushandeln. Auch interessant: Inflation: US-Notenbank Fed erhöht Leitzins massiv

„Problematisch wird es, wenn Finanzinvestoren einsteigen, die sich nicht an den Marktdaten orientieren, sondern Finanzmarktstrategien verfolgen, weil sie eine höhere Rendite erwarten als bei einer anderen Anlageform“, sagt Kornher. „Es besteht das Risiko, dass dies gegenwärtig bereits die Preise treibt.“ Bei der letzten großen weltweiten Nahrungsmittelkrise vor 15 Jahren hätten Finanzspekulanten aus Sicht des ZEF einen Anteil an Preisspitzen gehabt. Das lasse sich aber nicht direkt auf die heutige Lage übertragen.

Deutlicher ist IPES-Food, ein Zusammenschluss von Experten mit Sitz in Brüssel. An der CME seien die Preise für sogenannte Getreide-Futures, Papiere für Getreidelieferungen in einigen Monaten, im März binnen neun Tagen um 54 Prozent gestiegen – trotz gut gefüllter Lager weltweit. Die Experten ermittelten, dass mehr Geld an der CME investiert wurde, das Handelsvolumen stark stieg und damit auch der Anteil von Spekulationen in Weizen und Mais. Mehr zum Thema: Lebensmittel – Wird der Einkauf im Supermarkt noch teurer?

Fünf Konzerne teilen sich den Welthandel auf

Begünstigt wird die Spekulation durch die aktuelle Unsicherheit angesichts des Angriffskriegs von Russland auf die Ukraine. Russland ist nach Zahlen des US-Landwirtschaftsministeriums mit einem Anteil von 16,4 Prozent der größte Weizenexporteur der Welt – vor der EU, Australien und der Ukraine. Die Ukraine ist hinter Argentinien und Brasilien die Nummer drei bei Mais (rund zwölf Prozent). Ob genug gesät und geerntet wird, ist unklar, ebenso, wie die Exporte wegen Krieg und Sanktionen laufen.

Hinzu kommt, dass fünf Konzerne sich den Welthandel weitgehend allein aufteilen: die Familienunternehmen Cargill (USA) und Louis Dreyfus (Niederlande) sowie die börsennotierten Firmen Archer Daniels Midland und Bunge (beide USA) – die sogenannte ABCD-Gruppe. Dazu kommt der chinesische Staatskonzern Cofco. Vor allem die ABCD-Firmen sichern sich umfangreich an den Börsen ab. Und auch dort haben sie durch ihre Größe Macht.

Selbst für Experten ist der Weltmarkt in Teilen undurchsichtig, was Spekulationen befördert: Wer wie viel wo gelagert hat, ist nur selten bekannt – weil Länder eigene Reserven anlegen und die Nachbarn nicht unbedingt wissen sollen, wo und wie viel. Gleichzeitig lagern die privaten Firmen auch Getreide ein, die Mengen sind wegen der Konkurrenz oft ein Firmengeheimnis.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de.

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