Magath-Kolumne zur Fußball-EM

Die Holländer wurden zum Opfer ihres Systems

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Felix Magath

Der überzeugenden deutschen Mannschaft gelang es, die Außen des Gegners zu neutralisieren. Sorgen macht die Verfassung Podolskis.

Es bedarf keiner philosophischen Grundkenntnisse, um zu verstehen, dass man Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilen kann. Beim Fußball jedenfalls stellt sich immer auch die Frage, ob der Spielausgang nun aus der Stärke der einen oder doch eher aus der Schwäche der anderen Mannschaft resultiert. Die Antwort, das wird Sie nicht überraschen, lautet gewöhnlich: Es ist eine Mischung aus beidem.

Beim 2:1 über die Niederlande am Mittwochabend, das ist allerdings unumstritten, hat sich die deutsche Elf gegenüber dem Portugal-Spiel (1:0) am vergangenen Sonnabend erheblich gesteigert. Sie war bis auf wenige kritische Momente in der Schlussphase nach dem 1:2-Anschlusstreffer der Holländer Herr der Lage, ließ im Gegensatz zum ersten Gruppenspiel kaum Torchancen zu, und sie hatte im Angriff mit Mario Gomez wieder den Vollstrecker der Extraklasse. Dass dieser in der eigenen Hälfte zudem wiederholt Deckungsarbeit verrichtete, haben wir wohl dem bislang verkannten Dekubitus-Experten Mehmet Scholl zu verdanken. Der hatte ja in der ARD eindringlich vor den Folgen des Wundliegens gewarnt. Gomez' Laufleistung gegen die Niederlande war daher über jede Kritik erhaben. Sage da noch einer, dem Bayern-Torjäger sei es egal, was in den Medien über ihn erzählt wird.

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Die Holländer sind gegen Deutschland auch Opfer ihres Spielsystems geworden. Gelingt es dem Gegner, ihre Außen zu neutralisieren, nimmt man ihrem Angriffsspiel viel an Wirkung. Ihre einzige Sturmspitze Robin van Persie wartet dann vergeblich auf Bälle. Philipp Lahm und Jerome Boateng haben das geschafft. Weil sie gut waren oder ihre Kontrahenten Arjen Robben und Ibrahim Afellay schlecht, wie Bondscoach Bert van Marwijk hinterher beklagte, bleibt eben eine Sache der Perspektive. Insgesamt wirkte die holländische Mannschaft auf mich wenigerhomogen als die unsere. Dass sie dieses Spiel nach der überraschenden Auftaktniederlage gegen Dänemark gewinnen musste, merkte man ihr von der Körpersprache her nur selten an.

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Am deutschen Spiel gibt es dagegen wenig zu kritisieren. Dass mancher Konter nach der 2:0-Führung nicht mit der nötigen Konsequenz und dem entsprechenden Aufwand betrieben wurde, mag den hohen Temperaturen im Stadion und der Turniersituation geschuldet sein. In einem Gruppenspiel muss man noch nicht ans Eingemachte gehen, da ist es vernünftig, mit seinen Kräften hauszuhalten, sofern es möglich ist. Und gegen diese Holländer war es möglich.

Dass die deutsche Mannschaft bei ihrem Auftritt am Mittwochabend große Souveränität ausstrahlte, war auch Torhüter Manuel Neuer zu verdanken. Er musste zwar selten eingreifen, wenn er aber gefordert wurde, erledigte er seinen Job mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, die seinen Vorderleuten zusätzliche Sicherheit gab. Wenn auf den letzten Mann Verlass ist, profitiert davon das gesamte Team.

Sorgen bereitet mir jedoch die Verfassung von Lukas Podolski. Wie schon gegen die Portugiesen setzte er auch gegen die Niederländer kaum Akzente. Von seiner Galaform, die er in der vergangenen Bundesligasaison oft genug zeigte, ist er weit entfernt. Ich habe das Gefühl, dass ihn sein Wechsel im Juli zu Arsenal London doch mehr beschäftigt, als er sich das eingestehen mag. Sein Köln, sein gewohntes Umfeld in Richtung Bayern München zu verlassen, bereitete ihm damals schon erhebliche Probleme; der Schritt ins Ausland wird für ihn jetzt zu einer noch größeren Herausforderung. Das ahnt er. Und deshalb scheint er momentan diesen Schuss Unbekümmertheit verloren zu haben, der sein geradliniges Spiel immer auszeichnete. Im Augenblick wirkt es so, als könne Podolski dem deutschen Team nicht wie gewohnt helfen. Ich bin gespannt, ob ihm Bundestrainer Joachim Löw gegen die Dänen weiter das Vertrauen schenkt. Alternativen zu Podolski wären ja im Kader vorhanden.

Dass unsere Mannschaft das Viertelfinale als Gruppensieger erreicht und dann in Danzig ein "Heimspiel" hat, steht für mich nach den bisherigen Turnierleistungen außer Frage. Gegen Dänemark sollte sie am Sonntagabend nur nicht den Fehler machen, sich von Beginn für die K.-o.-Runden schonen zu wollen. Unsere Spieler sind aber erfahren genug, sie wissen um die Gefahren, die auf Mannschaften lauern, die nur noch ein Unentschieden zum Weiterkommen brauchen.