Mercedes präsentiert seine Rennfahrer

Formel 1: Das Projekt Schwarz, Rot, Silber

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"Ich bin heiß", sagte Michael Schumacher. Für das deutsch-deutsche Team gibt es mittelfristig nur ein Ziel: Weltmeister werden.

Stuttgart. Im achten Stock des Mercedes-Benz-Museums in Stuttgart steht ein Schimmel. Unter der einsamen Pferdestärke prangt ein Satz von Kaiser Wilhelm II.: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung."

Wenn dem so ist, dann verabschiedet sich das Auto, wie diese Nation es lieben gelernt hat, mit gewaltigem Pomp.

Es war 11.14 Uhr schwäbischer Zeit, als vier Mercedes-Auszubildende in Blaumännern das Objekt der Begierde auf den grauen Teppichboden rollten: einen Jahreswagen von Brawn GP, frisch lackiert in den künftigen Mercedes-Rennfarben, komplett in Silber mit changierenden Farbtönen, einer mattschwarzen Kohlefaserspitze und zarten mintfarbenen Streifen als Verweis auf Hauptsponsor Petronas. Und eine Interpretation früherer Silberpfeile: Das Design erinnert an 1934, die roten Startnummern im weißen Kreis und die Sitzbezüge an die 50er-Jahre.

Ein Anblick, der den in Ehren ergrauten Altmeistern Hans Herrmann und Jochen Mass auf den Ehrenplätzen Tränen in die Augen trieb. Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche kündigte dann auch nicht weniger an als ein Stück Sportgeschichte. Auf den Bildschirmen liefen Filme aus 75 Jahren Mercedes-Motorsport, aus den Lautsprechern tönte Beethoven, und vorn stellte der Konzernlenker das "neue deutsche Nationalteam" mit der Mercedes-Farbenlehre vor: "Schwarz, Rot und Silber" statt Schwarz-Rot-Gold. "Vielleicht sollten wir eine Petition an Bundeskanzlerin Angela Merkel senden, die deutsche Flagge silbern zu machen", scherzte Schumacher.

"Es gibt nicht viele deutsche Weltstars" sagte Zetsche. "Und zwei haben sich jetzt zusammengetan: Michael Schumacher und Mercedes-Benz. Wir wollen Weltmeister werden. Es muss nicht gleich im ersten Jahr klappen. Unser Bekenntnis zur Formel 1 hängt nicht vom Titelgewinn 2010 ab." Erfolge in der Formel 1 sollen mithelfen, das zuletzt kriselnde Unternehmen wieder auf Touren zu bringen. Versprochen werden technische Höchstleistungen.

Zwei kleingewachsene, beinahe zerbrechlich wirkende Jockeys, etwa gleich groß und gleich schwer, verschwanden in ihren silberfarbenen Arbeitsanzügen beinahe hinter dem Silberpfeil: Michael Schumacher (41), aus dem Vorruhestand reaktivierter Formel-1-Pensionär. Und Nico Rosberg (24), erfolgshungriger Protagonist der nächsten Generation. Michael Schumacher ist zu seiner ersten Liebe zurückgekehrt. Mit 21 bezog er als Werksfahrer der Sauber-Sportwagen bei Mercedes sein erstes Salär, mit 41 kehrt er als siebenmaliger Weltmeister zurück. Kann er noch einmal Champion werden? "Wir haben alles, was es dazu braucht", sagte der "Heimkehrer" mit Schweizer Wohnsitz. "Für ein Team mit diesen Voraussetzungen kann es nur ein Ziel geben - und das wollen wir erreichen." In der Sprache seiner Fans: "Ich bin heiß."

Schumachers väterlicher Freund Ross Brawn sagte: "Das schiere Talent verschwindet nicht. Er ist frisch, er ist wieder fit, er sieht viel jünger aus als seine 41 Jahre." Vieles erinnere ihn an den jungen Michael Schumacher. Da darf dieser Mann dann gern auch die eigentlich vergebenen Startnummern noch einmal ändern, weil er mit geraden Zahlen noch nie Erfolg gehabt habe. Nun könnte Schumachers Nummer drei auch als Ausweis der Hackordnung gedeutet werden.

Nico Rosberg saß daneben und machte gute Miene zum Schumacher-Hype. In Zeiten, da die Tage bis zum Comeback des Altmeisters heruntergezählt werden, hat sich der Einser-Abiturient mit der Rolle in Schumachers Schatten arrangiert: "Ich kann mich so besser auf meinen Job konzentrieren." Anfängliche Zweifel, ob er wegen des bekannt freundschaftlichen Verhältnisses Schumachers zu Teamchef Brawn zwangsläufig die Nummer zwei sein müsse, habe er ausräumen können. Und schickte eine Kampfansage hinterher: "Es muss mein Ziel sein, meinen Teamkollegen zu schlagen."

Brawn hat Rosberg versprochen: "Du sitzt bei der ersten Ausfahrt im neuen Auto." Von diesem neuen Dienstwagen vom Typ MGP W01 - auch das "W" ist eine historische Anleihe und steht für "Wagen" - war in Stuttgart noch nichts zu sehen. "Die Erklärung ist ganz einfach", sagte Ross Brawn, "er ist noch nicht fertig." Im englischen Brackley wird eifrig geschraubt, damit das neue Auto am 1. Februar in Valencia ausfahren kann. "Wir hätten auch etwas falsch gemacht, wenn der Wagen vor der Zeit fertig gewesen wäre", sagte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug lapidar.

Daimler-Chef Dieter Zetsche bemühte sich, das kostspielige Abenteuer zu rechtfertigen. Viele Sätze hörten sich an wie eine Replik auf kritische Stimmen aus dem eigenen Betriebsrat, die das Bekenntnis zur Formel 1 als unzeitgemäß abgelehnt hatten. "Mercedes hätte sich gegen die Formel 1 entschieden, wenn es nur um Motorsport ginge", sagte Zetsche. "Es geht um Markenpflege, gerade in wachstumsstarken Zukunftsmärkten. Das sichert Arbeitsplätze, nicht nur in der Motorsportabteilung."

Das Formel-1-Budget, angeblich nur noch 40 Millionen Euro - belaufe sich nicht einmal auf ein Viertel früherer Summen, behauptete der Konzernchef. In Spitzenzeiten hatte Mercedes wie die Konkurrenz Hunderte von Millionen Dollar in die Rennsporthochtechnologie gesteckt. Jetzt werde für die Formel 1 nur ein Siebzigstel des Entwicklungsetats ausgegeben. Und schließlich fuhren die Chefpiloten des Hauses in neuen Fahrzeugen der "Formel Grün" vor, dem Aushängeschild der Schwaben in Sachen Umwelttechnologie - das neue Modell eines Nullemissionsfahrzeugs mit Brennstoffzellen. "Wir wollen auch in dieser Formel Weltmeister werden", so Zetsche.

Und dann tauchte doch noch die Farbe Rot auf. Aus einem feuerroten Mercedes-Sportwagen SLS, der an Wänden und Decken durch einen Tunnel raste, stieg Michael Schumacher - mit einem Augenzwinkern. Den italienischen Gästen sagte er, was sie hören wollten: "Ein Teil meines Herzens ist rot. Ich habe viele Freunde bei Ferrari, ich vermisse auch Mamma Rosella in meinem Lieblingsrestaurant. Wir bleiben Freunde, aber jetzt treten wir gegeneinander an."